Die österreichischen Rapper T-Ser und Meydo (Mitte, v.l.) moderierten die letzte "Black Lives Matter"-Demonstration in Wien. T-Sers Vater kam aus Nigeria nach Salzburg, Meydos Familie aus der DR Kongo nach Graz.

© Angelo Kreuzberger

Interview
07/11/2020

"Viele sehen nicht, dass es eine Challenge ist, schwarz zu sein"

Die beiden Rapper Meydo und T-Ser erzählen im KURIER-Gespräch von der "Black Lives Matter"-Bewegung und dem Leben als Schwarze in Österreich.

von Johannes Arends

Die beiden Wiener Rapper Meydo und T-Ser haben afrikanische Wurzeln: Meydos Eltern sind aus der Demokratischen Republik Kongo nach Österreich gekommen, T-Sers Vater aus Nigeria. Meydo gebürtiger Grazer, T-Ser Salzburger. Vor knapp zwei Jahren trafen sie sich am hellichten Tag gemeinsam mit anderen schwarzen Kollegen ihres Musiklabels auf einer Bank im Wiener Josef-Strauß-Park - bis eine Polizeistreife anhielt und die Gruppe des Parks verwies.

Die Rapper veröffentlichten ein Video des Vorfalls in den Sozialen Medien, garniert mit dem eigens kreierten Hashtag #nichtmituns. Das Video wurde mehr als 200.000 Mal aufgerufen, eine Welle der Solidarität folgte. Auf der ersten großen "Black Lives Matter"-Demonstration in Wien trat T-Ser als Redner auf, letzte Woche moderierte er gemeinsam mit Meydo die dritte Demonstration unter diesem Motto. Mit dem KURIER haben beide über Alltagsrassismus und das Leben als Schwarze in Österreich gesprochen.

KURIER: Bei der ersten "Black Lives Matter"-Demo am 4. Juni waren 50.000 Leute anwesend, was alle überrascht hat. Bei der letzten, am 2. Juli, waren es nur zwei- bis dreitausend. Warum, glauben Sie, war das so?

T-Ser: Ich glaube, dass der Tod von George Floyd und dieses schreckliche Video einfach viele Menschen mobilisiert hat. Auch die teilweise bürgerkriegsähnlichen Zustände in den USA, da hatten wir sicher das mediale Momentum auf unserer Seite. Es war aber klar, dass es nicht auf diesem Level bleibt.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie beide inzwischen die Proteste vom Demo-Wagen aus moderieren?

T-Ser: Nachdem ich auf der ersten Demo eine Rede gehalten habe, haben mich die Leute vom Black Lives Movement Austria, die auch die letzte Demo organisiert haben, gefragt, ob ich nicht wieder auf der Bühne sprechen möchte. Ich glaube, es fehlt einfach extrem an schwarzen Stimmen in Österreich.

Woran könnte das liegen?

T-Ser: Es fehlt einfach an Plattformen. Es gibt zwar unsere eigenen Events oder Vereine wie zum Beispiel SFC (Schwarze Frauen Community, Anm.), aber da sind dann vielleicht ein paar hundert Leute, das ist nur ein Teil der Community. Wobei es schwer zu sagen ist, wie viele Schwarze es jetzt wirklich in Wien gibt, weil es ja keine eingetragene Rasse in Österreich gibt, wie beispielsweise in den USA.

Fänden Sie das denn gut? Das ist doch problematisch, wenn man kategorisch nach seiner Herkunft eingeteilt wird, oder?

T-Ser: Ja, vielleicht. Aber es ist eben hilfreich für Statistiken, um einen Überblick zu bekommen.

Meydo: Es wäre schon wichtig, zu wissen, dass wir viele sind. Den meisten ist nämlich gar nicht bewusst, wie viele Menschen afrikanischer Abstammung es in Österreich gibt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass unsere Elterngeneration sich zurückgezogen hat – die haben sich meistens gedacht: „Ich bin in einem sicheren Land, ich arbeite, ich ziehe meine Kinder groß und das war’s“ – die haben die Öffentlichkeit, das Rampenlicht, gescheut. Jetzt ist aber eine Generation da, die hier geboren ist, die hier aufgewachsen ist und die jetzt einfach laut sein will.

T-Ser: Unsere Eltern waren einfach noch im Überlebensmodus. Da ging es nur darum, schnell Geld zu verdienen und die Kinder in die Schule zu schicken. Bei unserer Generation kommt auch viel stärker ein panafrikanischer Gedanke hoch. Unsere Eltern sind oft je nach Herkunftsland oder Muttersprache zusammengekommen. Uns ist es egal, ob jemand aus Kamerun, Nigeria oder dem Kongo kommt.

Zurück zu "BLM": Warum, glauben Sie, haben die Veranstalter gerade an Sie beide gedacht?

T-Ser: Aufmerksam geworden sind sie wahrscheinlich durch die Sache vor zwei Jahren…

… Im Josef-Strauß-Park.

T-Ser: Genau. Unser Musiklabel – sechs Leute – hat sich da zusammengesetzt. Dann wurde es absurd: Eine Gruppe Polizisten ist gekommen und hat unsere Ausweise kontrolliert. Da haben wir sogar noch gelacht.

Meydo: Wir haben ja eh schon Bescheid gewusst, warum.

T-Ser: Man kennt’s halt. Aber ich glaube dadurch, dass wir dann in ihren Augen die „Frechheit“ besessen haben, nach dem Grund der Kontrolle zu fragen, ist die Lage eskaliert. Im Endeffekt hat die Polizei uns dann über eine halbe Stunde lang belästigt, obwohl sie ja schon alle Informationen hatten. Wir haben ihnen dann sogar angeboten, dass sie uns durchsuchen können, wenn sie denn wollen. Es sind dann aber noch weitere Streifenwagen gekommen. Ich glaube, dadurch, dass wir nach dem Vorfall nicht geschwiegen, sondern unseren Mund aufgemacht haben, sind wir ein bisschen ins Rampenlicht gerückt.

Die beteiligten Polizisten haben dann ja im Anschluss vom FPÖ-Vizebürgermeister Dominik Nepp das "Goldene Wienerherz" verliehen bekommen, einen von der FPÖ Wien ins Leben gerufenen Preis.

T-Ser: Eben, sie haben einen Preis erhalten. Im Rathaus. Das sagt doch schon einiges aus.

Meydo: Das ist einfach absurd. Aber uns haben damals zum Glück andere Polizisten anonym geschrieben, dass sie uns unterstützen.

T-Ser: Einer war zum Beispiel türkischstämmig, der hat uns geschrieben, wie hart das auch für ihn teilweise ist, in dem Umfeld.

Hat Sie der Vorfall und der darauffolgende Zuspruch damals politisiert, vielleicht für das Thema sensibilisiert?

Meydo: Sensibilisiert waren wir eigentlich davor schon. Man hat ja das ganze Leben lang damit zu tun. Das war endlich einmal ein Zeitpunkt, an dem wir uns in einer Position gefühlt haben, in der wir den Mund aufmachen können.

Also hatten Sie schon davor Probleme mit der Polizei?

Meydo: Ja, sicher.

T-Ser: Also mittlerweile kann ich nicht einmal mehr zählen, wie oft ich schon grundlos auf der Straße kontrolliert worden bin.

Innenminister Karl Nehammer meinte zuletzt in der Pressestunde, er könne "ausschließen", dass in der Polizei ein Rassismusproblem vorliegt.

T-Ser: Es ist doch ganz klar, dass man das in so einem Apparat wie der Polizei, wo tausende Leute arbeiten, nicht ausschließen kann. Mit solchen Aussagen zeigt er nur, dass man dem nicht nachgehen will.

Nun ist Rassismus gegen Schwarze bei der Polizei ja ein Thema, das im Hip Hop eigentlich seit den 80er Jahren immer wiederkehrt - von Klassikern wie N.W.A. oder KRS-One bis zu heutigen Künstlern wie J. Cole oder Kendrick Lamar – haben Sie den Eindruck, dass sich die Lage bessert?

T-Ser: Das stimmt, die bringen im Grunde inhaltlich immer wieder dasselbe Lied. Schwierig zu sagen. Ich glaube schon, dass sich etwas ändert. Menschen werden immer gebildeter, Informationen stehen im Internet jedem frei zur Verfügung…

Meydo: Ich glaube, das Problem ist inzwischen mehr Leuten bewusst. Man merkt das schon bei den Kleinen, die auf Social Media in extrem jungen Jahren Inhalte zu dem Thema teilen.

T-Ser: Social Media ist extrem wichtig. Wenn du heute schwarz bist und am Land lebst, hast du die Möglichkeit, dich mit anderen Leuten zu verbinden und kannst sehen, dass du nicht alleine bist mit deinen Problemen.

Meydo: Das stimmt. Ich bin in Graz aufgewachsen, bei mir hat es auch erst mit dreizehn begonnen, dass ich schwarze Freunde hatte. Davor war ich immer der einzige.

Was war das für ein Gefühl?

Meydo: Du bist unsicher. Du siehst einfach immer, dass du anders bist, hast auch irgendwo Vorurteile über dich selbst. Und dann, als ich weggezogen bin, hatte ich auf einmal Freunde, mit denen ich mich auch in meiner Muttersprache – Lingála – unterhalten konnte.

T-Ser: Und auf einmal konntest du über alles reden.

Meydo: Genau. Und auf einmal lernst du auch die Wörter, die dir deine Eltern nicht beibringen (lacht).

T-Ser: Ich glaube, im Englischen gibt es ein gutes Wort dafür, wie es sich anfühlt, wenn Schwarze zusammenkommen: Empowering. Also, dass man sich irgendwie verstanden fühlt, wenn man unter Leuten ist, die so aussehen wie man selbst, die die gleichen Erfahrungen gemacht und Probleme durchgemacht haben wie man selbst.

In Österreich gibt es ja erst seit einigen Jahren auch wirklich berühmte Schwarze in der Öffentlichkeit. Wie war das für Sie als Kinder, wer waren Ihre Idole?

T-Ser: In Österreich gab es eigentlich keine. Man schaut dann automatisch viel nach Amerika. Du denkst da noch gar nicht über die Herkunft nach, du siehst einfach jemanden und denkst dir: "Hey, der sieht aus wie ich und macht etwas Cooles."

Was macht das mit Ihnen, wenn Sie sehen, dass es inzwischen zum Beispiel einen David Alaba oder Valentino Lazaro gibt, die für die Fußball-Nationalmannschaft spielen?

Meydo: Es ist auf jeden Fall schön anzusehen. Das ist ja genau das, was die Jungen brauchen: Schwarze Österreicher, zu denen sie aufsehen können. Diese Generation an Vorbildern hat einfach gefehlt. Und man hat irgendwie das Gefühl, diesen Weg gemeinsam mit ihnen gegangen zu sein.

T-Ser: Bei mir ist es zum Beispiel bei David Alaba so, dass ich ihn auch persönlich kenne. Aber ich war immer schon super stolz auf ihn. Ich habe zum Beispiel selber Fußball gespielt, schon als Fünfjähriger. Und damals habe ich noch nicht gewusst, was los ist, aber ich habe gemerkt: Irgendetwas stimmt nicht.

Meydo: Oh ja, im Kinderfußball ist es wirklich ganz hart…

T-Ser: Du fährst da auf Auswärtsspiele und kannst dir wirklich alles anhören.

Meydo: Vor allem die Eltern! "Hau den Neger nieder!" – solche Sachen muss man dann hören.

T-Ser: Und Leute wie David Alaba mussten sich durch so etwas bis zum höchsten Level durchkämpfen, um dort zu sein, wo sie jetzt sind. Das finde ich unglaublich stark.

Es gibt ja momentan auch eine Diskussion um die Biermarke Mohrenbräu, die Wiener Mohren Apotheke, oder rassistische Wiener Straßennamen. Die Stadtregierung will sich jetzt mit Historikern beraten, bevor sie eine Entscheidung fällt. Eure Meinung?

T-Ser: Diese Namen sind ja nicht die Wurzel, sondern nur ein Symptom des Problems. Sie sind aber so öffentlich, für jeden sicht- und wahrnehmbar, dass es alleine ein symbolischer Akt wäre, sie zu ändern.

Würden Sie sagen, Sie fühen sich in Österreich zu Hause? Wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie das sagen?

Meydo: Man würde es eigentlich gerne sagen. Man ist da irgendwie bipolar.

T-Ser: Man würde es so gerne sagen, aber es fällt irgendwie schwer, weil man von Anfang an diese Ausgrenzung gespürt hat. Von radikalen Sprüchen wie "Schleich dich nach Afrika", über Kleinigkeiten, wie dass man auf Englisch angesprochen wird. Es sind so viele Dinge passiert, die einem dieses Heimatgefühl wegnehmen. Ich glaube, das ist etwas, das viele Leute nicht sehen: Dass es eine Challenge ist, schwarz zu sein.

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