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Chronik Wien
04/30/2020

Unterricht ab 18. Mai: Schulen im Schichtbetrieb

Gestaffeltes Eintreten, Mindestabstand in der Klasse und sogar Änderungen bei den Öffis: Der neue „Schulbeginn“ wirbelt gewohnte Abläufe gehörig durcheinander

von Ute Brühl, Stefanie Rachbauer, Bernhard Ichner

Susanne Neuner hat den Humor noch nicht verloren. Auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet die Direktoren der Vienna Business School Floridsdorf: „Jeden Tag anders.“ Jeder Tag birgt neue Überraschungen, neue Regelungen, neue Herausforderungen.

Derzeit müssen sich die Schulleiter mit der Frage beschäftigen, wie sie den allmorgendlichen Schulbeginn organisieren.

Aus der Wiener Bildungsdirektion heißt es, man sei „im Finetuning“, obwohl man noch auf schriftliche Vorgaben des Bundes warte. Um diese bis „Schulbeginn“ am 18. Mai umzusetzen, wurde eine Taskforce eingerichtet. Die Schulen entscheiden aber individuell, wie sie den Ausnahmeunterricht mit abwechselnder Anwesenheit der Schüler in den Klassen und Mindestabständen praktizieren.

Und das birgt ein Durcheinander in lange eingeübte Abläufe: Für die Schulleiter, weil sie sich plötzlich mit Abstandsregeln beschäftigen müssen. Für die Eltern, weil die Kinder nicht jeden Tag in der Schule sein werden. Und sogar für die Wiener Linien, die jetzt eigens die Intervalle neu regeln werden.

Schlangen beim Eingang

„In unserer Handelsakademie werden wir den Beginn in Zehn-Minuten-Abständen staffeln“, sagt Neuner.

In Wien ist das möglich. Auf dem Land, wo mancherorts nur ein Bus in die Schule fährt, sind solche Staffelungen nicht praktikabel. Dort müssen andere Wegen gefunden werden, damit die Schüler Abstand halten.

Denn eines ist sicher: Der Eingang ist der große Druckpunkt. „Hier müssen sich die Schüler die Hände desinfizieren, es wird zu Schlangen kommen“, sagt AHS-Direktorensprecherin Isabella Zins.

Vor Wiener Schulen ist aber oft gar kein Platz für viele Kinder, die sich anstellen sollen. Denn Schultore befinde sich mitunter an stark befahrenen Straßen. Hier sind erst recht individuelle Lösungen notwendig.

8. Mai Rund 100.000 Maturanten uns Schüler der Abschlussklassen bereiten sich ab jetzt  auf ihre Prüfungen vor und schreiben zum Teil noch Schularbeiten.

18. Mai Für die 700.000 Schüler der Volksschulen sowie der Unterstufen fängt  die Schule wieder an. Unterrichtet wird im Schichtbetrieb, die Klassen werden geteilt und dürfen sich  in den Pausen nicht treffen.

25. Mai Beginn der schriftlichen Matura.

 3. Juni Start des Unterrichts für 300.000 Oberstufenschüler.

Jede Schule darf auch selber entscheiden, wie sie die Gruppen einteilt und an welchen Tagen für sie der Unterricht stattfindet. Das Bildungsministerium hatte ja folgenden Rhythmus vorgeschlagen: Eine Schülergruppe besucht die Schule Montag, Dienstag und Mittwoch, die andere Donnerstag und Freitag. Die Woche darauf ist Schichtwechsel. „Wie die Einteilung erfolgt, überlassen wir aber den Schulen“, heißt es aus dem Ministerium. Soll heißen: „Mancherorts ist täglich Schichtwechsel, anderswo wöchentlich, und in anderen Schulen wechseln die Gruppen alle zwei Tage.“

Und: Natürlich müssen auch in den Schulen die Hygienemaßnahmen eingehalten werden. Das Ministerium hat dafür eigens ein 25-seitiges Handbuch verschickt. Erklärt wird darin etwa, wie die Tische gestellt werden können, damit der Ein-Meter-Abstand eingehalten werden kann.

Wie die nötige Distanz zwischen Schülern gewahrt werden kann, beschäftigt auch die Wiener Linien.

„Öffi-Verstärker“

Damit vor Unterrichtsbeginn in den Öffis möglichst wenig Gedränge entsteht, planen sie auf manchen Routen „Verstärker“ – das sind zusätzliche Fahrzeuge, die die Intervalle dichter machen. Möglich sind sie aber nur auf Bus- und Straßenbahnlinien. Zusätzliche U-Bahn-Züge können nicht mehr eingeschoben werden – aus technischen Gründen.

Was helfen könnte, sind gestaffelte Unterrichtsbeginne an Schulen entlang besonders stark frequentierter Linien wie dem Bus 13A. Gespräche mit den Bezirken dazu werden geführt, ein Ergebnis gibt es noch nicht.

In der NMS Schopenhauergasse in Wien wird den Eltern sogar empfohlen, die Kinder nach Möglichkeit zu Fuß in die Schule kommen zu lassen. Und welche der drei Eingangstüren zu nehmen ist. Ein entsprechender Elternbrief wird schon vorbereitet, sagt Lehrerin Gerda Reissner, sie ist auch Mitglied des KURIER-Bildungsbeirats.

Noch nicht geklärt ist, ob und wie Sportunterricht stattfinden kann: In den Garderoben ist es schwierig, Abstand zu halten, nicht jede Schule hat einen Sportplatz. Das Ministerium arbeitet an einer Lösung, wie Sportunterricht doch möglich gemacht werden kann.

Und unklar ist auch, ob an den Fenstertagen unterrichtet wird. Das Ministerium hat das ja vorgeschlagen, Lehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger hatte das abgelehnt – was ihm viel Kritik einbrachte.

Nur eines steht jetzt schon fest: Auf die Maturanten will man besonderes Augenmerk legen: „Sie gilt es zu schützen, damit sich keiner ansteckt“, sagt HAK-Direktorin Susanne Neuner. Denn wenn eine ganze Klasse in Quarantäne muss, könnte das bedeuten, dass sie gar nicht zur Matura antreten dürfen.

Studenten plagt Sorge ums Geld

Seit Mitte März sind die Unis mittlerweile geschlossen, Lehrveranstaltungen finden nur mehr online statt. Wie es den Studierenden damit geht, wollte nun das Bildungsministerium wissen. Die Bilanz: Durchaus gut. Doch vor allem Studenten, die auf Jobs angewiesen sind, sowie jene ohne Erfahrung im E-Learning tun sich schwer.

517 Studierende wurden Anfang April von Meinungsforscher Peter Hajek befragt. Dabei zeigte sich, dass die Hälfte aller Studierenden schon vor der Corona-Krise Erfahrung mit Online-Kursen gemacht hat – allerdings nur gelegentlich.  Dennoch beurteilt die Mehrheit der Befragten (60 Prozent) die Umstellung auf E-Learning als gut. Was das nun bereitstehende Online-Angebot betrifft, bemerken drei Viertel der Befragten eine starke Veränderung; und von diesen finden wiederum auch fast drei Viertel, dass es besser geworden ist. Was die Voraussetzungen betrifft, die Angebote überhaupt wahrnehmen zu können, sind die Studierenden gut aufgestellt. 93 Prozent haben PC, Laptop oder Tablet, 87 Prozent WLAN.

Generell hat sich natürlich die Studiensituation stark verändert. Zwar haben zwei Drittel der Studierenden kaum oder gar keine Schwierigkeiten, das Studium selbst zu organisieren, doch rund 44 Prozent klagen über Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten. Knapp die Hälfte würden sich zudem mehr Feedback von den Lehrenden wünschen.

Drei Viertel der Befragten kommen mit dem veränderten Alltag sehr bzw. eher gut zurecht. Sorgen bereitet vielen das Geld: Etwa ein Drittel der Studierenden hat seit Ausbruch der Corona-Pandemie finanzielle Schwierigkeiten, weil die Möglichkeit, Geld zu verdienen, weggefallen ist.  60 Prozent belastet auch die Ungewissheit über Prüfungsmöglichkeiten.