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Chronik Wien
07/05/2020

Umfrage zur Wien-Wahl: Strache ist das Zünglein an der Waage

SPÖ-Chef Ludwig punktet quer durch alle Lager, Grünen-Frontfrau Hebein überzeugt nur wenige. Welche Koalitionen möglich sind, hängt davon ab, ob Strache in den Gemeinderat einzieht.

von Christoph Schwarz, Stefanie Rachbauer

Bei der Wien-Wahl 2015 war Heinz-Christian Strache noch einer der beiden Kontrahenten im rot-blauen Duell um die Stadt. Nun, fünf Jahre und einen Ibiza-Urlaub später, könnte er den Wahlausgang wieder maßgeblich beeinflussen – wenn auch auf ganz andere Weise.

Der Ex-FPÖ-Chef wird bei der Wahl im Oktober „entscheidend mitbestimmen, wer der nächste Wiener Bürgermeister werden kann“, sagt Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer. Derzeit liegt Strache mit seiner neuen Partei „Team HC Strache“ in der Wählergunst genau an jener magischen Grenze, die darüber entscheidet, ob er den Einzug in den Gemeinderat schafft – oder nicht.

Scheitert Heinz-Christian Strache an der Fünf-Prozent-Hürde, wäre eine Mehrheit für ÖVP, Grüne und Neos – und damit eine Dreier-Koalition gegen die SPÖ – nicht ausgeschlossen.

Der Grund: Für alle anderen blieben in diesem Fall mehr Mandate übrig. Schafft Strache den Einzug aber, wird SPÖ-Chef Michael Ludwig aus heutiger Sicht fix im Amt bleiben. „Strache wird zum Zünglein an der Waage“, sagt Bachmayer.

Das ist eines der Ergebnisse der aktuellen Wien-Wahl-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM im Auftrag des KURIER.

Abseits der Frage, welche Koalitionsvarianten nach dem Urnengang rechnerisch (und praktisch) möglich wären, läuft für die Wiener SPÖ derzeit alles rund: Sie kommt laut Hochrechnung auf 38 Prozent der Wählerstimmen. Ein Minus von nur 1,6 Prozentpunkten im Vergleich zu 2015.

Die ÖVP befindet sich nach ihrem historisch schlechtesten Ergebnis von 9,2 Prozent auf Erfolgskurs: Wäre am Sonntag Wahl, käme sie auf 24 Prozent. Das wäre der zweite Platz vor den Wiener Grünen, die laut OGM-Umfrage derzeit bei 17 Prozent liegen. Die FPÖ stürzt von 31 auf 10 Prozent ab. Die Neos kommen wieder auf 6 Prozent der Stimmen.

Niedrigere Wahlbeteiligung

„Sicher“ zur Wahl gehen wollen aus jetziger Sicht etwas mehr als zwei Drittel der Wienerinnen und Wiener. Damit ist derzeit von einer deutlich geringeren Wahlbeteiligung als im Jahr 2015 auszugehen: Damals gaben rund 74 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab.

Dürften die Wienerinnen und Wiener den Bürgermeister direkt wählen, würde Amtsinhaber Michael Ludwig noch besser abschneiden. Und sich sogar die absolute Mehrheit holen. 50 Prozent der Befragten gaben an, Ludwig bei einer fiktiven Direktwahl ihre Stimme zu geben.

„Der Bürgermeister punktet nicht nur bei SPÖ-Wählern, sondern holt quer durch alle politischen Lager Stimmen ab“, sagt OGM-Chef Bachmayer. Das sei auch die große Stärke des SPÖ-Chefs, der sich erstmals der Wahl stellt.

„Nur wenige lehnen Ludwig wirklich ab, er ist verträglich und wirkt zuverlässig. Das ist auch Teil seiner Strategie“, so Bachmayer. Das mache es für andere Spitzenkandidaten schwierig.

Innenstädter für Hebein

Auffallend: Die grüne Spitzenkandidatin und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein schneidet „besonders unbefriedigend“ ab, sagt Bachmayer. Während ihre Partei aus heutiger Sicht auf 17 Prozent käme, liegt Hebein bei der Direktwahl bei nur 11 Prozent.

„Sie kann auf keiner Seite überzeugen, nicht einmal bei SPÖ-Wählern. Und sogar im eigenen Bereich ist die Zustimmung nicht überragend hoch“, sagt der OGM-Chef.

Bei der Nationalratswahl 2019 sei es den Grünen dank Werner Kogler noch gelungen, zusätzliche Stimmen aus neuen Wählerschichten zu holen. „Das ist mit Hebein in Wien völlig auszuschließen.“

Stark schneidet Hebein in den klassischen Grün-Hochburgen in den Wiener Innenstadtbezirken ab. In den Bezirken 1 bis 9 würden ihr bei einer Direktwahl 18 Prozent die Stimme geben. In den Bezirken 10 bis 23 sind es hingegen nur 5 Prozent.

47 Prozent für Rot-Grün

Zurück zur entscheidenden Frage: Welche Koalition wünschen sich die Wienerinnen und Wiener nach der Wahl? 47 Prozent sprechen sich für die Fortführung von Rot-Grün aus – wobei die Zustimmung unter Grün-Wählern deutlich höher ist als unter SPÖ-Anhängern.

„Das ist ein erwartbares Ergebnis“, sagt Bachmayer. „Menschen tendieren dazu, bestehende Koalitionen fortführen zu wollen – zumindest solange innerhalb der Koalition nicht zu viel gestritten wurde.“

Und das sei – abgesehen vom Wahlkampfgeplänkel um temporäre Begegnungszonen und Pop-up-Radwege – bei Rot-Grün nicht passiert.

Insgesamt sprechen sich rund zwei Drittel für eine Koalition unter Führung von Michael Ludwig aus: 20 Prozent der Befragten wünschen sich nämlich Rot-Türkis. Ebensoviele wollen eine Dreier-Koalition von ÖVP, Grünen und Neos – unter der Führung von ÖVP-Chef Gernot Blümel.

Krise gut gemanagt

Übrigens: Im Streit mit der Bundesregierung um die Corona-Maßnahmen – man denke etwa an die Debatte über die Öffnung der Bundesgärten oder an Michael Ludwigs Taxi-Gutscheine für Senioren – hat sich die Wiener Stadtregierung erfolgreich geschlagen.

Bei den Wienerinnen und Wienern ist das Krisenmanagement der Stadt gut angekommen: 88 Prozent sind damit „zufrieden“. Diese Stimmung zieht sich quer durch alle politischen Lager.

„Das Polit-Geplänkel um die Bundesgärten zwischen dem Bund und der Stadt haben viele Menschen gar nicht wahrgenommen“, sagt Bachmayer. Ernst zu nehmender seien die (mittlerweile eingestellten) Verbalinjurien des türkisen Innenministers Karl Nehammer gewesen – der Wien heftig attackierte, als dort die Corona-Infektionen anstiegen.

Weitere Details zur OGM-Umfrage hören Sie hier im Podcast „Nur in Wien“. OGM-Chef Wolfgang Bachmayer ist im Interview zu Gast.