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Porträt
06/26/2020

Birgit Hebein: Die Frau, die keinem mehr traut

Ein Jahr im Amt. Die grüne Vizebürgermeisterin Wiens ist kantiger und kompromissloser geworden – und misstrauischer.

von Stefanie Rachbauer, Christoph Schwarz

Maria Vassilakou hatte es geschafft. Schon ihrer ersten Amtsperiode als Wiener Vizebürgermeisterin wurde ihr in den sozialen Medien ein eigener Hashtag gewidmet. Egal, was in der Stadt schief lief – und war es nur das Wetter –, wurde ironisch mit #thanksvassilakou kommentiert.

Ihre Nachfolgerin Birgit Hebein ist auf dem besten Wege, ähnlich stark zu polarisieren. Das überrascht. Denn am Anfang war die Kritik an Hebein eine ganz entgegengesetzte. Hebein sei zu farblos, ein leichtes Spiel für die SPÖ, hieß es.

Heute – 10 Begegnungszonen, 20 Fußgängerstraßen und 4 Pop-up-Radwege später – würde das wohl niemand mehr behaupten.

Hebein hat sich ein klares Profil erarbeitet. Aber zu welchem Preis?

Heute vor genau einem Jahr wählte sie der Gemeinderat zur Vizebürgermeisterin (und Stadträtin für Verkehr und Stadtentwicklung). Seither ist viel passiert. Wer verstehen will, was, der muss ganz von vorne zu erzählen beginnen.

Kompromiss-Kandidatin

Vielleicht beginnt die Geschichte am 26. November 2018.  Das ist jener Tag, an dem die grüne Basis sie zur Spitzenkandidatin für die Wien-Wahl kürte – und damit zur designierten Nachfolgerin von Vassilakou.

Hebein war ein Kompromiss: Erst nach langem Zureden – allen voran von Neubaus mächtigem Bezirkschef Markus Reiter – bewarb sie sich.

Hintergrund: Die Grünen brauchten eine Integrationsfigur. Keinen Flügelspieler, der die Gräben innerhalb der traditionell zerstrittenen Wiener Grünen vertieft. (Manche sahen Hebein damals gar nur als Übergangskandidatin.)

Linksruck blieb aus

Sieben Monate später übernahm Hebein dann Vassilakous Sessel im Rathaus. Politische Kommentatoren sahen dem Linksruck der Grünen entgegen. Von Hebein, eigentlich Sozialarbeiterin, erwartete man weniger Verkehrs- und mehr Sozialpolitik. Doch es kam anders. Sie wolle beides verbinden, wird Hebein nicht müde zu betonen.

Die Koalition mit der SPÖ war für Hebein von Anfang an schwierig. Das Projekt Rot-Grün, das kam von Michael Häupl. Sein Nachfolger Michael Ludwig hatte den kleinen Partner nur geerbt. Bald hieß es, er sei eher ein Großkoalitionär. Man raufte sich zusammen.

Heute richtet man sich Dinge eher via Medien aus. Wann aber kam der Bruch?

Knackpunkt Türkis-Grün

Angekündigt hat er sich zu Jahresbeginn. Hebein wurde parteiintern aufgewertet, als Werner Kogler sie ins engste Verhandlerteam für Türkis-Grün holte. Das war auch Taktik: Wenn Hebein mit an Bord ist, konnte ihre (mächtige) Landespartei nicht gegen die Türkisen aufmucken.

Aus den Verhandlungen durfte nichts nach außen dringen, auch nicht an Parteifreunde in Wien. Das hat etwas mit Hebein gemacht: Sie hat sich die Verschwiegenheit offenbar zur Gewohnheit gemacht. Gegenüber der SPÖ, Verbündeten in der Stadt – und sogar innerhalb der Partei. Die Dinge macht sie jetzt mit sich selbst aus – wie einst Vassilakou.

Es begann im Jänner, als eine Allianz in- und außerhalb des Rathauses Regeln für die E-Scooter ausarbeiten wollte. Hebein preschte mit einer Lösung vor. Dann kam Corona – und es folgten noch mehr Alleingänge. Zuletzt bei der "autofreien" City und bei den Pop-up-Radwegen.

Zum Ärger der SPÖ griff Hebein bewusst vermehrt auf türkise Schützenhilfe aus dem Bund zurück. Bei den Bundesgärten. Und bei den Fußgängerstraßen.

Unberechenbar

Seither werde es immer schwierig mit Hebein, erzählen Insider. Die Vizebürgermeisterin werde immer unberechenbarer und misstrauischer: „Wenn Sie meinen Job wollen, sagen Sie es doch!“, bekam so mancher angeblich schon von ihr zu hören.

Das Misstrauen bekommen auch die grünen Bezirkspolitiker zu spüren, die wichtige Verbündete wären. Aber Hebeins Angst, dass diese ihre Pläne ausplaudern, ist groß.

Zu nobel für die SPÖ

Hebein sieht also Feinde. Manchmal da, wo gar keine sind. Manchmal aber wohl auch zu Recht.

Wer die Wiener SPÖ kennt, der weiß, dass sie Intrigen beherrscht. Mittlerweile versucht sie, Hebein jedes Projekt madig zu machen. Und die SPÖ weiß, wie man die Vorurteile in der Bevölkerung gegenüber den Grünen bedient – #thankshebein.

Auch in der Debatte um das Fahrverbot war Ludwig – offenbar – gar nicht so unwissend, wie er tut. Zugleich versteht es die SPÖ selbst allzu gut, andere zu überrumpeln. Und Hebein? Sie bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

Und sie will nicht „am Balkon“ streiten. Das ist nobel – zu sehr vielleicht. Denn die SPÖ ist viel, aber nobel ist sie nicht.

Hebein selbst ist zufrieden: „Klimaschutz und sozialer Zusammenhalt sind meine Grundhaltung. Danach habe ich gehandelt“, sagt sie. „Zum Amtsjubiläum feiere ich aber vor allem meine Mitarbeiter in den Abteilungen: Es ist unglaublich, wie kreativ und innovativ sie sind.“

Eigene Akzente

Was hat Hebein inhaltlich auf den Weg gebracht? Anfangs war sie damit beschäftigt, Vassilakous Erbe abzuarbeiten – etwa die Rotenturmstraße. Seither setzt sie eigene Akzente, unter anderem mit den „Coolen Straßen“, die heuer sogar ausgebaut wurden.

Übrigens: Mit Hashtags kennt sich Birgit Hebein aus. #wienliebe schreibt sie unter fast jedes ihrer Postings. Und auf ihre Wand im Büro.

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