© imago images/Mary Evans/Rights Managed via www.imago-images.de

Chronik Wien
03/22/2021

Tapferes Mädchen als Mahnmal gegen das Lueger-Denkmal

Am Montag steht dem antisemitischen Alt-Bürgermeister Karl Lueger eine Schaufensterpuppe gegenüber.

von Agnes Preusser

Auf der einen Seite ein Antisemit, bekannt für seine öffentliche Hetze gegen Juden und das gegeneinander Ausspielen von Zuwanderergruppen. Auf der anderen Seite ein kleines, tapferes Mädchen. Was wie eine Szene aus einem Hollywoodfilm klingt, ist eine Protestaktion der Wiener Grünen.

Am heutigen Montag wollen sie eine Statue gegenüber dem umstrittenen Denkmal von Wiens ehemaligem Bürgermeister Karl Lueger beim Stubentor im 1. Bezirk aufstellen. Wer nun Bronze oder Stein erwartet, wird allerdings enttäuscht.

Die Statue ist eine Schaufensterpuppe und bleibt auch nicht dauerhaft. Zu sehen ist sie am Montag von 10 bis 14 Uhr. Darstellen soll sie das Mädchen mit dem roten Mantel aus „Schindlers Liste“, dem wohl berühmtesten Film über den Holocaust.

Gedenktafeln
Die sternförmigen Zusatztafeln bei umstrittenen Denkmälern wie von Karl Lueger (1844 bis 1910) werden Wienkl genannt

Denkmäler
In Wien sind ein Platz, eine Kirche und eine Brücke nach Lueger benannt

Bedenken
Kaiser Franz Joseph verhinderte Lueger vier Mal als Bürgermeister – wegen dessen Radau-Antisemitismus

Die Grünen unternehmen mit der Aktion einen weiteren Versuch, die umstrittene Lueger-Statue loszuwerden. „Er hat mit seiner Rhetorik eine aggressive Stimmung im Land befeuert, die über seinen Tod hinaus wirkt“, sagt Alexander Hirschenhauser, Klubvorsitzender der Grünen Innere Stadt. „Antisemitismus darf in Wien keinen Platz haben – weder in den Köpfen der Menschen, noch in unserem Stadtbild.“

Langjährige Debatte

Die Debatte ist nicht neu. Die Aktion ist vielmehr eine weitere Episode im langjährigen Streit um das Denkmal, das zuletzt im Zuge der „Black Lives Matter“-Demonstrationen im vergangenen Sommer wieder stark in der Kritik stand.

Befeuert von der globalen Bewegung, die die Entfernung von Denkmälern von Rassisten fordert, rückte auch das Wiener Denkmal wieder in den Fokus. Die Statue wurde in gelber und roter Farbe und dem Wort „Schande“ besprüht.

Die Behörden sicherten daraufhin das Denkmal mit einem Bauzaun ab, die Graffitis sollten entfernt werden. Daraufhin goss eine Künstlergruppe zwei der Schriftzüge in Beton und klebte sie fest. Weiters stellten die Aktivisten eine „Schandwache“ auf, um den Reinigungskräften den Zugang zum Denkmal zu verwehren. Schließlich mischten sich auch noch die rechtsextremen Identitären ein und meißeln die Betoninschrift wieder ab.

Begonnen hat die Diskussion aber bereits im Jahr 2009. Die Universität für angewandte Kunst wollte sich schon damals nicht mehr damit abfinden, dass der Rechtspopulist, für den auch Adolf Hitler schwärmte, mit einer Statue gewürdigt wird. Es wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, um das Denkmal in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus umzugestalten.

Projekt nie umgesetzt

Das Interesse war national und international groß. 220 Vorschläge langten ein, darunter sogar drei aus den USA, und einer aus China. Das Siegerprojekt sah vor, das Denkmal um 3,5 Grad nach rechts zu kippen. Als Zeichen dafür, dass sich die Person Lueger selbst und der Umgang mit ihr in Schieflage befindet. Umgesetzt wurde das Projekt aber nicht.

AUSTRIA-VANDALISM-ANTISEMITISM-PROTEST

Während der Dr.-Karl-Lueger-Ring 2012 in Universitätsring umbenannt wurde, passierte beim Denkmal bis dato nichts. Mit Ausnahme einer Hinweistafel, die die Stadt Wien 2016 anbrachte. Sie gibt Auskunft über den antisemitischen Hintergrund des 1910 verstorbenen Lueger.

Neben Denkmälern sind in Wien auch Straßennamen und ähnliche Bezeichnungen immer wieder ein heiß diskutiertes Thema. Zuletzt geriet etwa die Mohrenapotheke im 1. Bezirk in Kritik und wechselte schließlich Namen und Logo.

Die Fragen, die meist hitzig debattiert werden, bleiben immer gleich: Was darf bleiben? Und was nicht? Braucht es eine Zusatztafel?

Neuer Versuch

Zurück zum Lueger-Denkmal: Die Grünen setzen bei ihrer Aktion nun auf große Symbolik. Der rote Mantel des Mädchens ist das einzige Farbelement im Schwarz-Weiß-Film „Schindlers Liste“. Das Mädchen wird im Film herumirrend in einem Krakauer Ghetto gezeigt. Später sieht man es wieder auf einem Leichenwagen. Umgebracht von den Nationalsozialisten.

„Das Mädchen steht Lueger mutig gegenüber, um zu zeigen: Niemals vergessen“, sagt der grüne Gemeinderat Niki Kunrath.

Aber auch ein zweites Mädchen stand Pate für die Figur, nämlich die Bronze-Statue „Fearless Girl“. Das Mädchen, das sich an der New Yorker Wall Street einem Stier entgegenstellt, ist international zu einem Symbol für Tapferkeit geworden.

US-WEATHER-NYC-SNOW

Im Büro von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) zeigt man sich von der Aktion wenig beeindruckt. „Wir verfolgen eine andere, nachhaltige Strategie“, heißt es auf Anfrage. Derzeit wird ein Prozess vorbereitet, „um einen adäquaten Umgang mit dem Lueger-Denkmal zu gewährleisten“.

Dabei sollen Kunstunis, Wissenschaftler, Bezirk und Bundesdenkmalamt miteinbezogen werden.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.