© Kurier/Jeff Mangione

Analyse
02/24/2021

Kritik am Terror-Denkmal in Wien: Ein schlichtes Gedenken

Der Gedenkstein war kaum aufgestellt, stand er schon in der Kritik. Die Namen der Opfer kommen nicht vor, deren Angehörige waren nicht zur Enthüllung geladen. Was Datenschutz damit zu tun hat.

von Julia Schrenk, Michaela Reibenwein

Nicht einmal 24 Stunden hat es gedauert, da war die Aufregung schon perfekt.

Stein des Anstoßes ist ein Granit aus dem steirischen Hartberg – der Gedenkstein der Stadt Wien, den Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) im Beisein der Stadträte (nicht amtsführend wie amtsführend), der Spitzen von Landtag Gemeinderat sowie des Bezirksvorstehers der Inneren Stadt am Dienstag enthüllte.

„Im Gedenken an die Opfer des Terroranschlags vom 2. November 2020“ ist darauf zu lesen. Zuerst auf Deutsch, dann (etwas holprig) auf Englisch.

Danach folgt das Wappen der Stadt Wien.

Schlicht ist dieses Andenkens (das die Stadt bewusst nicht „Denkmal“ nennt) – um es positiv zu formulieren. Beschränkt auf das Wesentliche. Was ist passiert und wann. Wer gedenkt.

Die Gestaltung des Steins könnte einen – um es kritischer zu formulieren – in seiner Schlichtheit aber auch an ein amtliches Schreiben des Magistrats erinnern: Wer, was, wo, Wappen.

Emotionales findet man darauf nicht. Weder die Namen der Opfer, noch ein Zitat, auch keine künstlerische Interpretation. „Ein Meisterwerk an Kreativität ist das nicht“, sagt jemand, der sich mit Denkmälern auskennt. Allerdings nicht offiziell. Die Causa ist dann doch etwas heikel.

Vier Grablichter stehen Mittwochmittag vor dem neuen Gedenkstein. Ein paar vertrocknete, gelbe Rosen liegen neben dem Baum dahinter.

Es kommen noch immer Menschen am Tatort in der Innenstadt vorbei. Manche verwenden ihre Mittagspause, um sich ein Bild vom Gedenkstein zu machen, manche lassen sich auch damit fotografieren.

Die Kritik am Gedenkstein stößt sich nicht nur an der Gestaltung, sondern vor allem daran, wie dieser enthüllt wurde. Nämlich ausschließlich im Beisein von Politikern. Angehörige der Opfer und Verletzte des Anschlags waren nicht zur Enthüllung geladen.

„Politisches Gehabe“

Auch die Eltern von Nedzip V., der beim Attentat starb, waren nicht eingeladen. „Das hat sie auf alle Fälle verletzt“, sagt ihr Anwalt Mathias Burger. Sie hätten den Eindruck gewonnen, dass das Gedenken einzig „politisches Gehabe ist und die Opfer vergessen werden.“

Dass keine Angehörigen eingeladen wurden, erfolgte laut einem Sprecher des Bürgermeisters aus Datenschutzgründen- und zwar ausschließlich. Der Stadt liegen die Namen der Opfer nicht offiziell vor, die Kontaktdaten zu deren Angehörigen schon gar nicht.

Wie also die Angehörigen auf datenschutzkonformem Wege erreichen? Etwa, um sie zu fragen, ob die Namen der Opfer eingraviert werden dürfen. Oder, um sie einzuladen.

Aber selbst da hätte man sich schwergetan. Denn: Wer gilt als Angehöriger? Nur die Eltern? Auch Freunde? Wo fängt Angehörigsein an – und wo hört es auf?

Zwar hätte man sich mit einem offiziellen, für alle zugänglichen Akt zumindest die Kritik an der Einladungspolitik erspart. In Corona-Zeiten eine Menschenansammlung zu riskieren, wäre aber wohl auch nicht unkommentiert geblieben. Bleibt also noch die Kritik am Stein selbst.

Seine Gestaltung sei „bewusst schlicht“ ausgefallen, sagt ein Sprecher des Bürgermeisters. Je größer das Denkmal, desto mehr Aufmerksamkeit für den Attentäter – ist das eine zulässige These? Heidemarie Uhl kann ihr zumindest „etwas abgewinnen“.

Uhl ist Historikerin an der Akademie der Wissenschaften, die Expertin für Gedächtnisforschung, und Vorsitzende der Denkmalkommission der Stadt Wien. Eingebunden in die Konzeption des Terrordenkmals war sie aber nicht.

Schnell ein Zeichen

Dass die Stadt ihr Wappen auf dem Gedenkstein verewigte, überrascht sie nicht. „Die Stadt ist der Stifter, das anzugeben, ist üblich.“ Dass sich manche Kreativeres erwartet haben, könne sie dennoch nachvollziehen.

Von einer künstlerischen Gestaltung hat die Stadt aber bewusst abgesehen. Sie hätte ausgeschrieben werden müssen, das Verfahren hätte Monate gedauert, heißt es aus dem Büro von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ).

Man wollte schnell ein Zeichen setzen.

Mitarbeit: Magdalena Willert

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.