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Chronik Wien
10/06/2020

Kampf um die (Be-)Deutung: Das umstrittene Lueger-Denkmal

Die Debatte um das Denkmal des einstigen Wiener Bürgermeisters erreicht einen neuen Höhepunkt.

von Konstantin Auer, Julia Schrenk

Seit 1926 thront er da, der ehemalige Wiener Bürgermeister Karl Lueger. Der Stand aufrecht, die Hände vor der Brust. Seit Juli prangt aber „Schande“ auf dem Sockel des Lueger-Denkmals beim Stubentor. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Demonstrationen, bei denen in den USA Denkmäler gestürzt worden waren, kam es auch in Wien zu Protesten.

In Wien wurde das Lueger-Denkmal am gleichnamigen Platz besprüht (der Lueger-Ring wurde 2012 nach internationaler Kritik von Wissenschaftern in Universitätsring umbenannt, Anm.). Nicht nur einmal. Dass das Denkmal nun restauriert wird, hat die Proteste erneut entfacht.

AUSTRIA-VANDALISM-ANTISEMITISM-PROTEST

Seit Montag hält eine Gruppe von Künstlern – darunter Schriftstellerin Marlene Steeruwitz und Eduard Freudmann, Professor an der der Akademie der bildenden Künste – eine „Schandwache“ vor dem Denkmal (der KURIER berichtete). Die Künstler wollen den Restaurator daran hindern, die Graffiti zu entfernen und brachten erneut einen Schriftzug an: „Schande“ steht jetzt in Goldbuchstaben auf dem Denkmal.

Bürgermeister
Lueger regierte Wien von 1897 bis 1910 für die Christlichsoziale Partei. Durch Großprojekte machte er Wien zu einer modernen Stadt. Er bediente sich aber antisemitischer Propaganda und war ein Vorbild Hitlers

Polarisierung
Er verantwortet etwa die zweite  Hochquellenwasserleitung, die Kommunalisierung von Gas und Elektrizität sowie der Bims. Lueger war Populist und spielte Bevölkerungsgruppen gegeneinander aus – der Kaiser verhinderte vier Mal seine Ernennung zum Bürgermeister  

Seit Montag bewachen die Künstler das Denkmal am Ring zumindest tagsüber. In der Nacht hatten linke Aktivisten aus den Kreisen der Antifa, der sozialistischen Jugend und der jüdischen Hochschülerschaft die Wache übernommen.

Am Abend kam es zur Eskalation: Mitglieder der rechtsextremen „Identitären“ tauchten vor dem Denkmal auf, zerstörten das Beton-Graffiti mit Hammer und Meißel. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten; in den sozialen Medien hieß es, ein Rechtsextremer sei mit dem Auto auf linke Demonstranten losgefahren.

Laut den vorläufigen Ermittlungen der Polizei dürfte es sich anders zugetragen haben: Ein Mitglied der „Identitären“ habe den Ort des Geschehens mit dem Auto verlassen wollen, woraufhin sich Linke vor das Auto gestellt haben sollen. Nun liegt eine Anzeige wegen Sachbeschädigung am Auto vor.

Am Dienstag ging es noch weiter: Unterstützerinnen des Frauenvolksbegehrens übernahmen die „Schandwache“. Am Nachmittag kam auch FPÖ-Klubobmann Toni Mahdalik vorbei.

Deutungshoheit

Die Scharmützel zwischen Linken und Rechten veranschaulichen gut, dass man in Wien noch nicht sicher ist, wie mit der Rolle des ehemaligen Bürgermeisters umzugehen ist (siehe Zusatztext).

Lueger war Antisemit, geschätzt von Adolf Hitler. Zudem ist laut den Künstlern auch der Bildhauer der Statue nicht unbelastet: Josef Müllner war Unterstützer der Nazis und schuf 1940 auch die Adolf-Hitler-Büste für die Akademie der bildenden Künste. Linke und Künstler fordern nun, dass die Statue entfernt oder zumindest umgestaltet und kontextualisiert wird.

Den Akteuren auf beiden Seiten geht es um die Deutungshoheit über das Denkmal. Die Stadt hat bisher die Maxime vertreten, in ähnlichen Fällen – etwa bei Straßennamen – Zusatztafeln anzubringen.

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) blieb am Dienstag zunächst vage. „Die Stadt steht für einen offenen Diskurs über den Umgang mit Denkmälern und historischen Symbolen und befürwortet Kontextualisierungen ambivalenter Persönlichkeiten.“

Allerdings ließ sie auch wissen, dass „man nicht einfach auf alte Konzepte und alte Entwürfe zurückgreifen“ könne. „Wenn man Partizipation ernst nimmt, braucht es einen Prozess mit allen Beteiligten“. Mit Anrainern, Historikern, dem Bezirk und dem Bundesdenkmalamt.

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