Kultur
23.08.2017

Sie haben uns ein Denkmal gebaut. Hol den Vorschlaghammer!

Fragwürdige Denkmäler sind Kulturgut und damit unantastbar? Spätestens nach Charlottesville sollte man diese Haltung überdenken.

"Es ist traurig zu sehen, wie die Geschichte und Kultur unseres Landes durch die Entfernung von Statuen und Monumenten auseinandergerissen wird ..."

Die Aussage stammt zwar von Donald Trump und betrifft die Demontage von Südstaaten-Denkmälern in den USA. Sie ist aber vermutlich anderswo mehrheitsfähig: Wo auch immer sich eine Gesellschaft von einer rückwirkend kritisch beleuchteten Epoche entfernt hat, gelten deren Denkmäler doch meist als Teile des kulturellen Erbes. Die Statue des einstigen Bürgermeisters und Antisemiten Karl Lueger am gleichnamigen Platz in Wien etwa widersteht bis heute kritischen Angriffen.

Der Historiker Eric Foner hat auf Trump richtig erwidert, dass man sich immer dann, wenn von "unserer Kultur" die Rede ist, die Frage stellen sollte, wer "wir" eigentlich sind.

In der US-Debatte, die durch die Tragödie von Charlottesville traurige Aktualität erhalten hat, wird das "wir" von einer weißen Mehrheit formuliert – es bräuchte zahllose Monumente für Sklaven, Lynchopfer und schwarze Aktivisten, um der Verherrlichung der "Konföderierten" im Bürgerkrieg Paroli zu bieten, so Foner.

Monumente sind Ausdruck einer Machtposition, und solange sie an repräsentativen Orten aufgestellt sind, sind sie als Medien aktiv und verkünden, wer das Sagen hat. Das Argument, sie seien irgendwie ja auch Kunst, zählt für sie nicht, selbst wenn einzelne Denkmäler künstlerischen Ansprüchen genügen sollten.

Mir kommt an dieser Stelle der Kunsthistoriker Michael Viktor Schwarz in den Sinn, der einst in einer Vorlesung sagte: "Kunstwerke sind abgeschaltete Medien." Das sollte heißen: Altartafeln im Museum erfüllten ursprünglich kultische Zwecke und wurden erst später "Kunst" – viele wurden in Zeiten von Reformation und Revolution aber auch zerstört.

In diesem Sinn ist die Frage, ob Zeugnisse überkommener Ideologien stets mit dem Vorschlaghammer beseitigt werden müssen, natürlich legitim. Klar ist aber auch: Stehenlassen und "Kultur" dazu sagen geht nicht. Der Transfer von einer Sphäre in die andere braucht Arbeit. Das können künstlerische "Interventionen" sein wie der – nie realisierte – Vorschlag, das Wiener Lueger-Denkmal um einige Grade zu kippen; es kann auch ein schlichter Abtransport sein.

Es gibt Orte, die als physische "Misthäufen der Geschichte" fungieren – im Memento Park in Budapest lassen sich etwa abgetakelte kommunistische Statuen bestaunen. "Kunst" wird niemand ernsthaft dazu sagen, "Kitsch" schon eher, manchen erscheinen die Dinger vielleicht "kultig".

Das Verlangen, in einem gespaltenen Land einende Symbole zu errichten, führte in Ex-Jugoslawien nach dem Krieg übrigens dazu, dass zahlreiche Statuen von Bruce Lee und anderen Filmhelden aufgestellt wurden – die Künstlerin Aleksandra Domanović hat dies toll dokumentiert. Das Verlangen, Denkmäler zu setzen, ist nicht totzukriegen, und so werden in den Parks der USA möglicherweise auch bald Skulpturen von Captain America jene des Südstaaten-Generals Lee ersetzen. Als führender Fabrikant von Monumentalstatuen aller Art gilt übrigens das Mansudae Studio in Pjöngjang.