© Thomas Trenkler

Kultur
10/05/2020

"Schandwache" bei Lueger-Denkmal: Künstler fordern Umgestaltung

Aktivisten reagierten - und schlugen mit Meißeln die in Beton gegossenen, vergoldeten Schriftzüge "Schande" zum Teil herunter

von Thomas Trenkler

Monte Wienerberger ist Restaurator, spezialisiert auf Denkmäler im öffentlichen Raum: Wenn jemand das Mahnmal von Rachel Whiteread am Judenplatz, das Russendenkmal am Schwarzenbergplatz oder die Büste von Karl Renner im Rathauspark angeschmiert hat, wird er gerufen. Also wenn es, so Monte Wienerberger in der „Wiener Zeitung“, um „die Heiligtümer der Republik geht“. Oder zumindest um jene der Stadt Wien.

Vor einiger Zeit wurde er wieder gerufen. Weil jemand das Wort „Schande“ siebenmal auf den Marmorsockel des Karl-Lueger-Denkmals gesprayt hat. Für manche ist es daher erst jetzt, mit den Grafittis, zum Schandfleck geworden. Und so sollte Monte Wienerberger zwischen 14. September und 9. Oktober, also bis zur Wien-Wahl, den Originalzustand wiederherstellen.

Von Hitler geschätzt

Karl Lueger, populärer und populistischer Bürgermeister von Wien zwischen 1897 und 1910, war ein von Adolf Hitler hoch geschätzter Antisemit; er machte allerdings Ausnahmen, wenn es zu seinem persönlichen Vorteil war („Wer a Jud‘ ist, bestimme ich“).

Nach vielen Jahren des Debattierens wurde 2012 der Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt. Die Stadt hatte schlussendlich eingewilligt, weil es ohnedies noch mehrere Orte in Wien gibt, an denen der sehschwache Lueger verehrt wird. Man denke etwa an die Karl-Lueger-Kirche und die Karl-Lueger-Eiche.

Interessanterweise erzürnt die Kritiker aber nur das Denkmal im Jugendstil mit der Karl-Lueger-Bronzestatue. Gefordert wurde bereits mehrfach eine Kontextualisierung. Doch nichts passierte. Am Montag startete eine Gruppe von Künstlern rund um Eduard Freudmann einen neuerlichen Versuch: Mit Hilfe einer „Schandwache“ soll Monte Wienerberger daran gehindert werden, den Schandfleck zu säubern.

Sofern der Restaurator zwischen 9 und 18 Uhr arbeiten will. Die übrige Zeit bleibt das Denkmal unbewacht. Jedenfalls von den Künstlern (neben Freudmann auch Mischa Guttmann, Gin Müller, Simon Nagy, Anna Witt) und deren Mitstreitern, darunter die jüdische HochschülerInnenschaft, die Sozialistische Jugend, die Muslimische Jugend Österreich, der KZ-Verband und Sodom Vienna.

Die Gruppe fordert von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) ein klares Bekenntnis: „Die Graffitis müssen bleiben, bis eine grundlegende Umgestaltung des Lueger-Denkmals realisiert worden ist. Deren Entfernung wäre ein weiterer Akt des Antisemitismus.“

Für Freudmann, der erst nach langem Kampf mit dem Magistrat die Josef-Weinheber-Büste am Schillerplatz dauerhaft kontextualisieren durfte („Weinheber ausgehoben“), gehört die Statue abmontiert und ins Museum – oder in einen Skulpturenpark: „Der verbleibende Rest des Denkmals, etwa der mit vermeintlichen Errungenschaften Luegers bebilderte Sockel, der seine Menschenhetze verschweigt, sollte zur künstlerischen Umgestaltung ausgeschrieben werden.“

Schande in Gold

Freundmann, der an der Akademie der bildenden Künste studierte, und seine Mitstreiter haben das Denkmal aber bereits umgestaltet – und zwar ziemlich raffiniert: Sie nahmen die „Schande“-Schriftzüge an zwei Stellen ab, gossen die Buchstaben in Beton, bemalten die Würste golden – und brachten sie über den Graffitis an. Die geschwungene „Schade“ korrespondiert nun perfekt mit der ebenfalls goldenen Inschrift „Lueger“ – als sei sie immer schon Teil des Prangers gewesen, an den Lueger gestellt wurde.

 

Bedenklich ist die Statue allerdings nicht nur, weil sie Lueger verherrlicht. Denn sie wurde von Josef Müllner geschaffen. Müllner, geboren 1879 in Baden, hatte von 1896 bis 1902 an der Akademie der bildenden Künste studiert. Ebendort war er von 1910 bis 1948 Professor. Danach wurde er zum Ehrenbürger von Baden wie von Wien ernannt. Obwohl Müllner den Nationalsozialismus unterstützt hatte und 1940 die Adolf-Hitler-Büste für die Aula der Akademie der bildenden Künste schuf. Die neben dem Lueger-Denkmal von der Stadt 2016 aufgestellte Erklärungstafel, formuliert vom Zeithistoriker Oliver Rathkolb, geht darauf mit keinem Wort ein.

"Operettendenkmal"

Zum Start der Mahnwache am Montagvormittag sprach Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Ihr würde eigentlich die Platane auf dem Platz reichen. Denn: „Das ist ein Operettendenkmal.“ Es würde mit seinen Reliefs ein Wien glorifizieren, das es nie gegeben habe. Auch Johan F. Hartle, Rektor der Akademie der bildenden Künste, durfte sprechen. Der Deutsche, Jahrgang 1976, unterzeichnete zusammen mit etlichen Akademie-Professoren einen Aufruf der Internationalen Liga gegen Rassismus und Antisemitismus. In diesem wird gefordert, jede Ehrung von Lueger zu verunmöglichen, da dieser einer „der prononcierten Antisemiten des 19. Jahrhunderts gewesen sei“.

Auf einen anderen, vielleicht sogar noch prononcierteren Antisemiten des 19. Jahrhunderts sollte allerdings nicht vergessen werden. Auf Georg (Heinrich Ritter) von Schönerer.

"Schande der Schändung"

Bereits am Montagnachmittag wurden Gegendemonstranten aktiv. Die in Beton gegossenen und vergoldeten Graffiti wurde von Aktivisten mit Meißeln teils wieder vom Denkmal geschlagen. „Wir sind auch eine Kunstaktion. Wir sind der Wiener Re-Aktionismus“, so der Anführer der Gruppe. Man befreie das Denkmal „von der Schande der Schändung“.

Die Landespolizeidirektion bestätigte der APA auf Nachfrage, Kenntnis des via Twitter verbreiteten Videos von der Aktion zu haben. Zu einer möglichen Identitätsfeststellung der Beteiligten könne man derzeit aber noch nichts sagen. Auch ob strafrechtlich Relevantes vorliege, müsse noch geprüft werden.

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