NIEDERÖSTERREICH: MORDALARM IN GERASDORF - MANN MIT KOPFSCHUSS GETÖTET

© APA/HERBERT P. OCZERET / HERBERT P. OCZERET

Chronik Wien
07/23/2020

Mord in Gerasdorf: Verwandte des Opfers übernehmen Verantwortung

Verwandte des ermordeten Exil-Tschetschenen distanzieren sich von ihm - nicht freiwillig, vermuten Exil-Tschetschenen.

von Konstantin Auer, Evelyn Peternel, Patrick Wammerl

„Ein Hund aus unserem Stamm, der in Europa gelebt hat, war Mamichan U.“, sagt ein Mann in die Kamera. Es handelt sich um einen Angehörigen des am Abend des 4. Juli in Gerasdorf bei Wien ermordeten tschetschenischen Bloggers, der auch als "Ansor aus Wien" bekannt war. In zahlreichen Videos hatte dieser vor seiner Ermordung den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kaydrow kritisiert und beschimpft. 

Die Angehörigen von Martin B. alias Mamichan U. haben sich in einem am Mittwoch verbreiteten Video von ihrem Verwandten distanziert. Gleichzeitig haben sie die Verantwortung für seine Tötung übernommen.

Mord in Gerasdorf

Für die "Taten" von Martin B. entschuldigen sich die Verwandten in der rund drei Minuten langen Videobotschaft, die sich auch an Kadyrow selbst richtet. „Wir haben versucht, ihn aufzuhalten“, sagen sie. Das Video kursiert in sozialen Netzwerken und wird von unabhängigen News-Seiten wie Kawkaz.Realii, einem Ableger von Radio Free Europe, oder BBC-Russland als echt angesehen.

Zudem entschuldigen sich die Männer auch bei Kadyrow: „Wir bitten das Oberhaupt unseres Staates um Verzeihung“ heißt es in der Aufzeichnung, die aus dem Dorf Mesker-Jurt stammen soll. Unter den etwa zehn Männern am Video sollen auch zwei der Onkel des Getöteten sein.

"Weil wir es tun mussten"

Die Männer entschuldigen sich auch für den Mord selbst: „Wir haben ihn aufgehalten, weil wir es tun mussten.“ Sie fordern auch die Freilassung des Hauptverdächtigen, der in Wien in U-Haft sitzt. Bei dem Hauptverdächtigen handelt es sich um den 47-jährigen Sar Ali A., der sich zwei Stunden nach der Tat in Linz widerstandslos festnehmen ließ, seither aber schweigt. Auch der Verdächtige war wie Martin B. aus Tschetschenien geflüchtet. 

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Laut dem niederösterreichischen Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) würde den Fall kein prominenter Anwalt übernehmen wollen, der Verdächtige bekommt also einen Pflichtverteidiger. Die Todesursache wurde bereits geklärt: Martin B. wurde mehrmals in den Kopf geschossen - die Tatwaffe wurde aber immer noch nicht gefunden. Zu einem möglichen Motiv äußern sich die Ermittler nicht. 

Politischer Auftragsmord?

Unterdessen sind sich viele in der austro-tschetschenischen Community sicher, dass es sich um einen politischen Auftragsmord handeln muss. "Auf die Familie wurde von Kadyrow Druck ausgeübt, deshalb haben sie dieses Video gemacht", sagt etwa auch Huseyn Iskhanov, ein tschetschenischer Exil-Politiker, der in Wien lebt. Iskhanov ist Vorsitzender des Kulturvereins "Ichkeria" und organisierte nach dem Mord eine Demonstration vor der russischen Botschaft.

Unter den in den Video sprechenden Männern soll sich auch ein Polizist befinden, der für das Regime arbeitet, meint Iskhanov. "Es wäre außerdem schon seltsam, wenn jemand freiwillig einen Mord gesteht", sagt er. Solche Videos nach politischen Auftragsmorden seien außerdem nichts Ungewöhnliches: "Die setzen die Angehörigen in Tschetschenien mit ihren Arbeitsplätzen, Wohnungen, Pensionen oder Medikamenten, die sie brauchen, unter Druck", sagt Iskhanov. 

NIEDERÖSTERREICH: MORDALARM IN GERASDORF - MANN MIT KOPFSCHUSS GETÖTET

Die österreichischen Ermittler wehrten sich zuletzt in einer Aussendung gegen diverse Gerüchte, die im Internet gestreut wurden. Die Polizei ortet "gezielte Desinformation", die "zum Teil offensichtliche Halbwahrheiten" enthalten und "nicht selten" dem Faktenstand widersprechen würde. Es gebe zur Thematik „zahlreiche tendenziöse Blogs, Youtube-Videos und Berichterstattungen, die unreflektiert wiedergegeben werden“.

 „Je nach Standpunkt werden dabei ausländische staatliche Organisationen, kriminelle Netzwerke oder die Mitglieder der vor dem politischen Regime im Heimatland geflohenen Diaspora in Europa diverser strafbarer Handlungen beschuldigt“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme. Die Ermittler selbst halten sich mit Informationen aber weiterhin bedeckt.

Frau will "Vermächtnis" von Martin B. weiterführen

Es tauchte aber noch ein weiteres brisantes Video auf: Martin B. wurde am Dienstag unter polizeilicher Bewachung in Wien beigesetzt. Vom Begräbnis kursiert nun ein Video im Netz, das ebenfalls auf Kawkaz.Realii veröffentlicht wurde. Darauf ist die Frau des Getöteten zu sehen, die sagt, dass die tschetschenischen Machthaber an der Tat beteiligt gewesen seien – und dass sie das Vermächtnis ihres Mannes weiterführen will. Die Familie von Martin B., die in Österreich lebt, hat seit Längerem Polizeischutz.

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