© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
07/12/2020

Die Angst der Tschetschenen vor ihrer alten Heimat

Eine junge Studentin erklärt, warum der Mord an ihrem Landsmann Martin B. die Community verunsichert

von Konstantin Auer

Am 4. Juli wurde Mamichan U. alias Martin B. in Gerasdorf bei Wien erschossen. In Youtube-Videos wetterte er unter dem Pseudonym „Anzor“ gegen den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow. Einige Indizien deuten auf einen politischen Auftragsmord hin. Die austro-tschetschenische Community ist besorgt. Bei einer Demonstration von Exil-Tschetschenen vor der russischen Botschaft am vergangenen Dienstag ergriff die 22-jährige Studentin H. Jusupova das Mikrofon und erzählte, dass sie davon genug habe. Der KURIER traf sie zu einem Gespräch.

KURIER: Viele Tschetschenen kamen nicht zur Demo, weil sie Angst hatten. Sie haben spontan das Mikro ergriffen. Was ging da in Ihnen vor?

H. Jusupova: Ich hatte ursprünglich nicht vor, nach vorne zu treten, aber ich dachte: Ich kann Deutsch, ich kann helfen und ausdrücken, warum wir hier sind.

Wovor haben die Menschen eigentlich genau Angst?

Auch wenn wir uns hier mutig hinstellen und etwas in Richtung Tschetschenien sagen, sind immer noch unsere Verwandten dort. Wir haben leider Fälle gehabt, wo Verwandte bedroht wurden, damit wir eine Ruhe geben. Deswegen sind so wenige erschienen.

Warum beschäftigen Sie Kadyrow und Russland auch hier noch?

Wir bemerken immer wieder, dass wir, obwohl wir in Europa leben, keine Sicherheit vor Kadyrow haben. Viele Menschen haben einen Bezug zu diesem Konflikt: Viele haben den Krieg erlebt und sind geflohen. Viele haben dann das Bedürfnis, ihre Meinung zu dem zu äußern, was dort passiert.

Was passiert in Tschetschenien?

Es werden Menschen grundlos entführt. Sie werden eingesperrt, gefoltert und sie kommen nicht mehr zurück. Kadyrow hat letztens in einem Interview die Lager sogar erwähnt. Er verheimlicht sie nicht mal mehr.

Wie steht die Community in Österreich zu Kadyrow?

Ich denke, dass 90 Prozent der Tschetschenen, die in Österreich leben, vor diesem Mann geflohen sind und ihm kritisch gegenüber stehen. Aber es gibt dann auch noch zehn Prozent, die offen zugeben, Kadyrow zu unterstützen. Sie sind eine Gefahr für die Tschetschenen, die aus politischen Gründen geflüchtet sind. Wenn sie Asyl haben, haben die österreichischen Behörden einen schlechten Job gemacht.

Der Ermordete war in der tschetschenischen Community bekannt – welche Rolle spielte er?

Er war kein unbekannter Mann. Tatsächlich denke ich, dass er ein Gesprächsthema in fast jedem Haushalt war. Er war einer, zu dem die Leute irgendwie aufgeschaut haben. Er hat sich getraut, zu sagen, was sich Tschetschenen denken. Zwar hat er Schimpfwörter verwendet, aber er war immerhin ein Kritiker von Kadyrow. Er hatte sehr viel Insider-Wissen.

Was macht Sie so sicher, dass es ein Auftragsmord war?

Das ist ganz klar. Kadyrow war gemeinsam mit Putin in den vergangenen Jahren für einige Auftragsmorde an Exil-Tschetschenen verantwortlich. Menschen, die viel weniger gesagt haben als Anzor, sind bereits tot. Tatsächlich habe ich den Mord seit Monaten erwartet.

Wird Ihre Familie auch bedroht?

Mein Vater war ein Kritiker des Systems. 2005 wurde er verhaftet, sie haben die Waffen auch auf uns Kinder gerichtet. Als er ins Gefängnis kam, floh meine Mutter mit uns nach Österreich. Mein Vater ist auf einer Liste von Personen, die erschossen werden sollten. Mittlerweile ist auch er geflüchtet. Seither wurden wir nicht bedroht.

In den Medien liest man in Zusammenhang mit Tschetschenen oft von Kriminalität und Gewalt – was ist da dran?

Wir sind keine Migranten, wir sind Flüchtlinge. Wir haben ein Kriegstrauma. Das gehört behandelt. Ich glaube, viele haben Schwierigkeiten damit, Konflikte zu lösen. Ich war als Kind oft aggressiv. Für mich waren Konflikte mit Gewalt zu lösen. Aber ich bin zu Psychologen gegangen und habe das bewältigt. Wir sind in der ersten Generation hier und müssen erst lernen, uns zu integrieren. Das klappt aber nicht alleine von einer Seite. Es gibt viele Tschetschenen, die sich für Integration einsetzen, aber die Stadt arbeitet nicht mit ihnen zusammen. Ich sehe hier viele Vorwürfe, aber es wird keine Lösung angeboten.

Tschetschenen
Bis zu drei Prozent aller Tschetschenen könnten in Österreich leben, mehrheitlich kamen sie vor eineinhalb Jahrzehnten als Flüchtlinge. Die meisten  leben in Wien

35.000
Tschetschenen kamen nach Österreich. Bei den Zahlen handelt es sich um Schätzungen, da Tschetschenen als Russen gezählt werden

Asylanträge
Die Zahl der Asylanträge aus Russland ist  in den letzten Jahren zurückgegangen. 2019 zählte man 723 Anträge. Die Anerkennungsrate hat sich   verringert: 35 Prozent wurden  positiv bearbeitet

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