Die Eiles-Platane gedeiht jetzt am Schmerlingplatz. 

© PID / Martin Votava

Chronik Wien
07/18/2021

Mein Freund, der (Stadt-)Baum: Was Rettungsaktionen bringen

Der U-Bahn-Bau bedroht Dutzende Bäume. Die Politik wird nicht müde, immer mehr von ihnen medienwirksam zu retten. Derartige Aktionen sind teuer. Aber lohnen sie sich auch?

von Stefanie Rachbauer, Christoph Schwarz

Wiens meist umsorgter Baum steht am Schmerlingplatz. Seit fast genau fünf Monaten gedeiht dort jene Platane, die zuvor 80 Jahre lang vor dem Café Eiles in der Josefstädter Straße gewachsen ist. An ihrem neuen Standort bekommt sie Spezialdünger und wird an heißen Tagen sogar mit Sprühnebel gekühlt.

Eigentlich hatte ihr eine viel weniger rosige Zukunft geblüht: Die Platane hätte gefällt werden sollen, um Platz für den Zugang zum in Bau befindlichen U2/U5-Linienkreuz beim Rathaus zu machen. In einer aufwendigen Übersiedlungsaktion im Februar wurde der Baum aber dann doch vor diesem Schicksal gerettet.

Das hat eine Art Dominoeffekt ausgelöst: Entlang der neuen U-Bahn-Trassen gibt es immer mehr Bestrebungen, durch den Bau bedrohte Bäume zu retten. Das aktuell wohl bekannteste Beispiel: die sogenannte Schubertlinde in Neubau – dazu später mehr.

Die Eiles-Platane ist die Referenz all dieser Initiativen. Und das, obwohl ihre Rettung durch mehr Glück als Verstand zustande kam.

Kurioses Treffen

Alles begann mit einem kuriosen Treffen im Rathaus kurz vor Weihnachten. Rot-Pink war bereits im Amt, der Spatenstich für die Verlängerung der U2 und den Bau der U5 beim Rathaus stand kurz bevor.

Unter anderem mit dabei: Öffi-Stadtrat Peter Hanke, Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky (beide SPÖ) und Stadtgartendirektor Rainer Weisgram. Das Thema: Die Details zur Baustelle, ausgearbeitet noch unter Ex-Planungsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) und Hankes Vorgängerin Ulli Sima (SPÖ).

Demnach sollten entlang der Zweierlinie von der Josefstädter Straße bis zur Alser Straße und weiter zum Schottentor mehr als 100 Bäume umgeschnitten werden – darunter die Eiles-Platane.

Bauzäune als Tarnung

Daran gestört haben dürfte sich bis dahin aber niemand. Auch nicht Weisgram, in dessen Stadtgartenamt man gerne betont, sich „immer“ für den Erhalt von Bäumen auszusprechen.

Der Stadtgartendirektor soll dem Vernehmen nach besonders entspannt gewesen sein: Die Fällungen seien kein Anlass zur Sorge, soll Weisgram erklärt haben. Wegen der hohen Bauzäune würde die Öffentlichkeit davon ohnehin nichts mitbekommen.

Mit dieser Meinung blieb er offenbar alleine: Die zu fällenden Bäume wurden auf Betreiben von Hanke auf rund 70 reduziert, für sie sind Ersatzpflanzungen vorgesehen.

Und man entschied nach dem Aufschrei einer Bürgerinitiative, die Platane zu retten – quasi als Symbol für den guten Willen. Baumchirurg Manfred Saller erklärte sich schließlich bereit, die Verpflanzung kostenlos durchzuführen, die Wiener Linien bezahlten die Transportkosten.

Medienspektakel

Nach zwei Wochen langen Vorbereitungsarbeiten wurde die Platane nächtens bei dichtem Schneefall auf einen Tieflader gehievt und über die extra dafür gesperrte Zweierlinie zum Schmerlingplatz gefahren. Unzählige Schaulustige und Medienvertreter wohnten dem Spektakel bei.

Das alles dürfte sehr zum Ärger von Stadtgartendirektor Weisgram über die Bühne gegangen sein: Er soll das Unterfangen bis zuletzt torpediert und als nicht bewältigbar dargestellt haben.

Was die Frage aufwirft: Wozu der ganze Aufwand? Forstwirt Alexander Mayr-Harting von der Initiative Zukunft Stadtbaum beantwortet sie so: „Ein großer Baum ist unersetzbar“.

Das liege an seinen vielen Funktionen: Ein Baum produziert Sauerstoff, kühlt sein Umfeld und ist Lebensraum für Tiere. Das leisten zwar auch jene Jungbäume, die als Ersatz gepflanzt werden. Aber erst nach Jahren im selben Ausmaß. Dass sie das dafür notwendige Alter tatsächlich erreichen, ist allerdings ungewiss.

Stressfaktor Stadt

Denn die Stadt ist ein schwieriger Lebensraum für Bäume: Abgase und Hunde-Urin machen ihnen zu schaffen. Im dicht verbauten Gebiet Standorte zu finden, an denen es genug Platz für die Wurzeln gibt, ist schwierig: Oft ist der Untergrund bereits mit Leitungen belegt.

Dazu kommt die zunehmende Hitze: „Große Bäumen kommen damit leichter zurecht, weil sie tiefer wurzeln. Jungbäume können Hitzeperioden nicht so gut wegstecken“, sagt Mayr-Harting.

Letztlich geht es auch ums Geld: Einen Baum umzusiedeln, ist zwar sehr teuer. Einen neuen zu pflanzen, kommt aber auch nicht gerade billig: Je nach Standort kann das bis zu 30.000 Euro kosten.

Sympathie-Punkte

Aus politischer Sicht gibt es noch ein wichtiges Argument: Gerettete Bäume haben eine ähnliche Funktion wie Tiere oder Kinder. Sich mit ihnen ablichten zu lassen, kann Sympathie-Punkte einbringen.

92.406 Straßenbäume sind in der Bundeshauptstadt laut Statistischem Jahrbuch der Stadt Wien 2020 insgesamt erfasst. 47 Wiener Straßenbäume sind nachweislich älter als 200 Jahre. 

Der Ahorn ist die mit Abstand beliebteste Gattung unter den Wiener Straßenbäumen: 25.298 Exemplare gibt es innerhalb der Stadtgrenzen. Auf den Rängen 2 und 3 folgen die Linde (15.007) und die Rosskastanie (10.203). 

Die Platane ist auf Platz 5. In der ganzen Stadt gibt 3.734 Stück davon. Die meisten sind zwischen 20 und 49 Jahren alt. 

Das haben auch die Grünen in Mariahilf verstanden, die auf eine Petition von Anrainern für den Erhalt eines Ahornbaums an der Kreuzung von Kaunitzgasse und Magdalenenstraße aufgesprungen sind.

Im Bezirksparlament wurde auf ihre Initiative ein Antrag verabschiedet, in dem Hanke aufgefordert wird, den Baum „unter allen Umständen“ zu erhalten.

Der dort geplante Notausgang soll auf die Fahrbahn verlegt und die Magdalenenstraße zur Sackgasse werden. Ein ähnlich lautender grüner Antrag wurde in Hernals für die Platanen am Elternleinplatz beschlossen.

Gutachten-Flut

Und die ÖVP in Neubau kämpft dafür, dass die Schubertlinde am Augustinplatz einen neuen Standort bekommt. Bezirksparteichefin Christina Schlosser gab extra ein Gutachten in Auftrag, wonach der Baum erhaltenswert und eine Verpflanzung gerechtfertigt ist.

Der grüne Bezirkschef Markus Reiter verlässt sich lieber auf seine eigenen Experten und ließ ebenfalls ein Gutachten anfertigen – Ergebnis bisher unbekannt.

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