Brigitta Schneider hat einen neuen Nachbar. 

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
04/29/2021

U-Bahnbaustellen: Mein neuer Nachbar, das Bohrpfahlgerät

In der Stadt entstehen vier neue U2-Stationen und fünf U5-Stationen. Einige Baustellen werden jetzt für die Bevölkerung spürbar – in ihren Wohnungen, am Arbeitsplatz und im öffentlich Raum.

von Nina Oezelt, Agnes Preusser, Josef Gebhard

Die Zeit der Baustelleneinrichtung ist vorüber. In der Stadt stehen riesige Bohrpfahlgeräte, Bagger,  Rohre aus Stahl, und martialische Bauwerkzeuge  – riesige Schrauben, die liebevoll Schnecken genannt werden. Die Bohrpfahlarbeiten für die Verlängerung der U2 und die Errichtung der neuen U5 beginnen. 

Das 2,1 Milliarden Euro teure Großprojekt „Linienkreuz U2/U5“ sieht eine U2 vor, die ab dem Jahr 2028 von der Seestadt  über das Rathaus (U5) weiter zu den Stationen Neubaugasse (U3), Pilgramgasse (U4), Reinprechtsdorfer Straße und Matzleinsdorfer Platz fährt. Die neue U5 soll ab 2026 zwischen Frankhplatz und Karlsplatz, im Jahr 2028 dann bis zum Elterleinplatz fahren.

Bohrpfahlgerät

Die Bohrpfahlarbeiten in Neubau dauern insgesamt bis Sommer 2022. 

10 Männer auf der Baustelle

Im Baubereich Lindengasse "West" werden bis Dezember 2021 sechs Bohrpfähle gesetzt. Jetzt sind nur 10 Männer auf der Baustelle, beim Tunnelbau sollen es um die 100 Personen sein.

Bohrpfähle in der Lindengasse

Insgesamt werden für drei Schächte (Lindengasse, Kirchengasse und Mariahilfer Straße) 310 Bohrpfähle gesetzt. Sie geben die Struktur für die Baugrube. Die U2 wird unter die U3 gebaut und erreicht daher die Bodenplatte 35 Meter in der Tiefe.

Nahe an der Fassade

Für die Herstellung der Pfähle nähern sich die großen Maschinen den Fassaden extrem nahe an. "Das ist eine der größten Herausforderungen", sagt Baueiter Gerhard Ullmann.

Die Bohrer

Die Bohrer - auch Schnecke genannt - bohren dafür das Loch bis zu 40 Meter tief. Dei Bodenplatte der Station erreicht eine Tiefe von 35 Meter. 

Pilgerschrittverfahren

Die Pfähle werden im Pilgerschrittverfahren gesetzt. Also mit einem Abstand von einem Bohpfahl zum anderen, damit die mit Beton gefüllten Pfähle trocknen können.

Bauleiter Gerhard Ullmann

"Die erste Phase ist für die Anrainer die unangenehmste", sagt Bauleiter Gerhard Ullmann.

Im Untergrund

Während die Außenwand fertig gestellt wird, wird die Baugrube mit einem "Schachtdeckel" verschlossen. Dann wird in 5 bis 7 Stockwerken weiter nach unten gegraben.

U2/U3 Neubaugasse

Die Arbeitszeiten sind von Montag bis Freitag zwischen 6 und 22 Uhr, am Samstag darf von 7 bis 15 Uhr gearbeitet werden. 

120 Tonnen schwere Maschinen

Am auffälligsten sind die Bohrpfahlgeräte – 26 Meter hohe und 120 Tonnen schwere Maschinen, die ein- und ausgefahren werden. Man sieht sie am Friedrich-Schmidt-Platz hinter dem Rathaus, beim Frankhplatz und in der Kirchengasse. Sie sind überall dort im Einsatz, wo Aufgänge und Lifte entstehen. Dort treibt der Bohrer die Bohrpfähle  – also Löcher  – in den Boden. Den größten Lärm verursachen die Bohrbewegungen, wenn sie an der Oberfläche sind und den feuchten Tegel in Drehbewegungen von der Spitze wegdreht.

Untergrund und Privatsphäre

Später werden die Löcher mit Beton ausgegossen. Die dadurch entstehenden Außenwände, die während der Bauzeit als Baugrubensicherung dienen. Wie lange die Arbeiten dauern? Ein Bohrpfahl kann an einem Tag erstellt werden. Für drei U-Bahn-Schächte (etwa in Neubau) sind 310 Pfähle notwendig. Die Fertigstellung dieser Phase dauert im 7. Bezirk bis Sommer 2022, dann verlagern sich die Arbeiten in den Untergrund. Für viele haben die Baustellen aber schon jetzt die Privatsphäre erreicht. 

Wohnen

In der Kirchengasse wird es jetzt enger und lauter : "Nur ausziehen wäre eine Lösung"

Brigitta Schneider ist 78 Jahre alt. Sie lebt schon ihr ganzes Leben in der Kirchengasse im 7. Bezirk. Es ist die Wohnung ihrer Eltern. Von ihren Fenstern sah sie etwa den Brand im Gerngroß  im Jahr 1979  und verfolgte den  aufwendigen Bau der U3 in den 80ern mit.

Dieser Tage hat Schneider einen neuen Nachbarn bekommen. Und der ist ziemlich laut. Nur wenige Meter von ihrem Fenster entfernt steht jetzt ein Bohrpfahlgerät. „Vergangene Woche haben sie um 6 Uhr mit den Arbeiten angefangen, diese Woche um 7 Uhr und im Sommer wollen sie bis 22 Uhr am Abend arbeiten“,  sagt die Pensionistin. Angst mache ihr der Lärm aber nicht. „Ich weiß ja, was es ist“, sagt sie. Das kommt auch daher, weil sie selbst lange in der Baubranche arbeitete. 

Wenn Schneider  aus dem  Fenster blickt,  beobachtet sie das Tiefbaugerät, das sich hin und her bewegt – und die Bauarbeiter. Wie sie das findet? „Interessant.“  Der neue Nachbar stehe aber auch ein wenig im Weg. Sie müsse jetzt zu einem anderen Supermarkt gehen. Aber auch das sei in Ordnung.

Ob viele Menschen wegen des neuen Nachbarn weggezogen seien? Das weiß Schneider nicht, aber: Für Leute, die der Baustelle entkommen wollen, sei ausziehen „wohl die einzige Lösung“. Für die Pensionistin kommt das nicht in Frage: Sie will in ihrer Wohnung bleiben – und  von ihrem Fenster weiter Stadtgeschichte miterleben.

Arbeiten

Ein Schacht vor der Tür in der Auerspergstraße: Kanalbauarbeiten vor Schlosserei Senft

Es war ein Mittwoch, an dem Georg Senft direkt vor der Tür  seines Schlossereibetriebs in der Auerspergstraße Bauarbeiter  sah. Nur kurz davor war er via ausgehängtem Zettel informiert worden, dass es in der Straße aufgrund des U-Bahnbaus zu Kanalbauarbeiten kommen würde. „Sie haben blaue Punkte auf der Straße angebracht“, sagt Senft. „Bei der dritten Markierung habe ich mir gedacht, da stimmt was nicht.“

Senft fragte nach. Zum Glück. Denn dadurch erfuhr er, dass gleich vor dem Eingang ein Schacht entstehen sollte. Ins Geschäft hinein oder hinaus könnte man ab dem folgenden Montag dann nur noch über ein Holzbrett, das über das Loch gelegt werden sollte. 

„Wir transportieren Tresore, die bis zu 600 Kilo wiegen. Wie soll man damit gefahrlos über ein Holzbrett?“, so Senft. Er räumt zwar ein, dass in weiterer Folge eine Metallplatte angedacht war – aber eben trotzdem gleich vor der Tür. Besonders kritisch sieht er die „nicht vorhandene“ Kommunikation. „Mir ist schon klar, dass die nur wegen uns den U-Bahn-Bau nicht absagen werden“, sagt Senft. „Aber wenigstens über solche massiven Einschnitte könnte man uns informieren. “

Ombudsstelle Wiener Linien reagierte

Die Ombudsstelle der Wiener Linien habe aber zumindest sofort reagiert. Den Schacht gibt es trotzdem, aber jetzt neben der Tür. 
Lärm und DreckWolfgang Primisser, Bezirksobmann der Wirtschaftskammer, hat  zwischen dem Betrieb und den Wiener Linien vermittelt. „Die betroffenen Unternehmer in der Josefstadt sind alle nicht glücklich“ sagt er. Lärm und Dreck seien ein Problem. Besonders Gastronomen würden leiden. „Was die sagen, ist aber teilweise nicht druckfähig.“

Um es ein bisschen erträglicher zu machen, gibt es von der Stadt  und der Wirtschaftskammer Förderungen, etwa einen Mietkostenzuschuss von bis zu 10.000 Euro pro Jahr. 

Öffentlicher Raum

Der Bacherpark ist über Nacht fast verschwunden: Die Besucher bleiben gelassen

Mit Grünflächen ist Margareten nicht verwöhnt. Eine der wichtigsten ist der Bacherpark, der ziemlich genau in der Mitte des Bezirks liegt. 
Vor rund 15 Jahren bekämpften Anrainer erfolgreich die Errichtung einer „Volksgarage“. Aktuell wird er gerne von  Schulklassen und ihren Lehrern genutzt, um einander trotz Lockdown wenigstens hin und wieder direkt zu treffen.

Nun ist aber über Nacht ein riesiger Teil  der 6.000 Quadratmeter großen Parkanlage verschwunden. Übrig sind nur noch der Spielplatz und ein paar Bänke im östlichen Teil, der Rest ist hinter hohen Absperrungen versteckt, hinter denen Baumaschinen werken. Hier entsteht  bis 2028 einer der Aufgänge der neuen U2-Station Reinprechtsdorfer Straße. 

Nur vorübergehend

Die Besucher des geschrumpften Parks bleiben gelassen. „Die Baustelle ist ja nur vorübergehend“, sagt Eva Stefenelli, Lehrerin im Haydn Gymnasium. „Und schließlich bekommen wir eine U-Bahn dafür.“

Beeindruckt zeigt sie sich davon, wie behutsam die Bäume entfernt wurden, die vorübergehend der U-Bahn-Baustelle weichen mussten.  
„Ich hoffe nur, dass der Park am Ende wieder so ist, wie er bisher war. Momentan ist schon etwas wenig Platz“, sagt die Waliserin Laura Thomas, die 
in der Mittlerschule in der benachbarten Viktor-Christ-Gasse unterrichtet. Sie wird sich noch ein paar Jahre gedulden müssen.

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