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Chronik Wien
11/03/2020

Kujtim F.: Terror-Radikalisierung nach dem Lehrbuch

Der Wiener hatte alle Anzeichen eines „Lonesome-Wolf-Attentäters“, wollte in Syrien kämpfen und wurde sogar vorzeitig aus der Haft entlassen. Warum stoppte niemand diese Entwicklung zum Terroristen?

von Dominik Schreiber, Patrick Wammerl, Birgit Seiser, Michaela Reibenwein

Alles dauerte nur neun Minuten.

In dieser Zeit tötete Kujtim F. vier und verletzte weitere 22 Menschen an sechs Plätzen in der Wiener Innenstadt. Es war das Ende einer Entwicklung, wie es Terror-Experten eigentlich in jedem Lehrbuch vorfinden. Der typische einsame Wolf (Lonesome Wolf), der im Leben versagt und schließlich zum Attentäter wird.

Warum das niemand verhindert hat, wird wohl erst aufgearbeitet werden. Laut KURIER-Informationen soll es deshalb aber bereits am Dienstag eine Krisensitzung im Justizministerium gegeben haben. Auch Innenminister Karl Nehammer sprach von fehlenden Schnittstellen zwischen Justiz und Polizei.

„Ein dummer Bub“

Kujtim F. wächst jedenfalls im niederösterreichischen Mödling auf. Er ist hier geboren und hat die österreichische Staatsbürgerschaft, seine Wurzeln führen aber in das Länder-Dreieck Nord-Mazedonien, Kosovo und Albanien. Er hat Freude am Fußball, ein naher Verwandter arbeitet sogar als Schiedsrichter. Später besucht er die HTL Ottakring.

Vieles deutet darauf hin, dass Kujtim F. mit seinem Umfeld nicht zurechtkommt. Seine Familie ist muslimisch, aber nicht streng gläubig. Der spätere Attentäter lernt in der HTL Burak K. kennen und gemeinsam möchte man nach Afghanistan in den Krieg ziehen. Doch nicht einmal das will so ganz klappen. Zwar wird ein Flugticket gekauft, aber kurz vor der Abreise kommen die beiden drauf, dass sie eigentlich ein Visum benötigen.

Rechtsanwalt Nikolaus Rast, der ihn in dem Terrorprozess vertreten hat, findet für all das nicht die geringste Erklärung. „Ich hätte es diesem Menschen nie, nie, niemals zugetraut. Er war in meinen Augen ein dummer Bub. Niemals hätte ich so etwas für möglich gehalten.“

„Es war Anfang 2019 als eine verbitterte und komplett aufgelöste Mutter Hilfe suchend in meiner Kanzlei stand“, schildert Rast. Weder das Kopftuch, noch der Islam waren bei der Familie aus Nordmazedonien ein Thema, sagt der Strafverteidiger.

Ihr Sohn, Kujtim F., sei von heute auf morgen einfach untergetaucht. Die Mutter vermutet, dass sich der Sohn radikalisieren ließ und auf dem Weg nach Syrien sei, um sich dem IS anzuschließen, erklärt Rast im Gespräch mit dem KURIER.

So war es auch tatsächlich.

Das Geld für die Reise stammt von einem Ferialjob. Nach dem missglückten Afghanistan-Abenteuer schafft es der 18-Jährige, in eine türkische Grenzstadt nahe der syrischen Grenze zu kommen. Als er in einem sogenannten „Safehouse“ des Islamischen Staates auf die Weiterreise wartete, wird er jedoch von der türkischen Polizei erwischt.

Verurteilung in Wien

Im April 2019 wird Kujtim F. und Burak K. in Wien wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation und einer terroristischen Vereinigung der Prozess gemacht. Wie man dabei erfahren hat, kam der spätere Terrorist mit der mütterlichen Bevormundung nicht mehr zurecht. Als seine schulischen Leistungen in der HTL absackten, kam es in der elterlichen Wohnung in Wien-Liesing immer wieder zum Streit – vorwiegend mit der Mutter.

Die Familie wollte, dass der Sohn die Schule abschließt und „aus ihm etwas wird“, so Rast. „Er ist in die falschen Kreise geraten und abgedriftet. In einer Moschee ist er schließlich radikalisiert worden“, erklärt sein damaliger Verteidiger.

Auch Rast hat sich schwer in Kujtim F. getäuscht. „Ich war felsenfest davon überzeugt, dass er ein dummer Junge, aber nicht mehr ist.“ Einen Anschlag hätte er ihm niemals zugetraut.

Auf die Frage des Richters im Prozess, was er sich vom IS erwartet hätte, antwortete der Angeklagte: „Ein besseres Leben, eine eigene Wohnung und eigenes Einkommen.“

Der Richter verurteilte das Duo am 25. April 2019 zu 22 Monaten unbedingter Haft. Allerdings wird Kujtim F. nach nur zwei Dritteln der Haftzeit vorzeitig bedingt entlassen.

Er ist ein sogenannter junger Erwachsener und fällt damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes. Laut Rast bestand eine „positive Zukunftsprognose“.

Zu diesem Urteil sollen auch die Verantwortlichen des Deradikalisierungsprogrammes Derad gekommen sein. Der Verein arbeitet in Gefängnissen mit radikalisierten Straftätern zusammen. „Für die bedingte Entlassung gab es die Auflage, weiterhin mit Derad und dem Bewährungshilfeverein Neustart zusammen zu arbeiten“, sagt Rast.

Kein Gefährder

Er durchläuft das Deradikalisierungs-Programm und bekommt eine gute Zukunftsprognose. Laut KURIER-Informationen ist diese derart positiv, dass der Mann nicht einmal mehr als Gefährder gilt. Er ist somit auch kein Fall für den Verfassungsschutz. Es gibt keine weitere Überwachung.

Zum Beten verlässt Kujtim F. die elterliche Wohnung und geht in einen Gemeinschaftsraum in dem Haus in Wien-Liesing, berichtet eine Nachbarin. Dieser erzählt der junge Mann, dass er nicht wolle, dass ihn seine Eltern beim Beten sehen.

Nur zehn Monate später läuft Kujtim F. mit einer vollautomatischen AK-47 (Kalaschnikow) sowie einer Pistole durch die Wiener Innenstadt und tötet wahllos Menschen im Bermudadreieck.

Zuvor postet er in sozialen Medien noch einen Treueschwur für den Islamischen Staat. Die Waffen könnten wie schon beim Anschlag auf Charlie Hebdo aus Serbien stammen. Woher sie der Attentäter genau hat, ist aber noch Gegenstand von Ermittlungen.

Das Ziel des Attentats ist jedenfalls typisch für den IS. In Vergnügungsviertel soll der westliche Lebensstil angegriffen werden. Ziel dabei ist es, die Bevölkerung gegen den Islam aufzubringen. Dadurch kommt es zu verstärkten Repressionen und damit wenden sich wiederum mehr Muslime dem IS zu. So haben es die Terroristen bereits vor Jahren schriftlich in einem Strategiepapier festgehalten.

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