Chronik | Wien
04.09.2016

"Runter auf den Boden, gemeinsam zehn Liegestütze"

Rugby zählt nicht gerade zu den populärsten Sportarten in Österreich. Das braune Lederei, gestreifte Stutzen und der traditionelle Tanz "Haka" füllen hierzulande weder große Stadien noch lassen sie TV-Quoten in die Höhe schnellen. Dennoch hat eine Gruppe Jugendlicher Gefallen daran gefunden hat - vor einigen Monaten hätte das aber niemand gedacht.

"Komm schon Khaled, komm schon, steh auf!" Khaled rafft seinen verschwitzten Körper auf, stemmt die Füße gegen den Boden und sprintet los. Links neben ihm rennt Sami, sein Teamkollege. Gemeinsam versuchen sie die Linie der gegnerischen Verteidigung zu durchbrechen. "Ball rechts", ruft Khaled. Er blickt Sami an, streckt seine Arme nach vor und versucht das Lederei zu greifen.


KURIER-Dossier: Wie die Flüchtlingskrise Österreich veränderte

Es ist halb vier Uhr nachmittags. Im Wiener Donau-Rugbypark prallt die Sonne auf den grünen Kunstrasen. Nur gelegentlich weht der Wind über den Platz und lässt die schwarzen Granulatkörner zwischen den künstlichen Grashalmen vibrieren. Mit einem müden Lächeln setzt sich Khaled auf die Trainerbank am Rande des Platzes. Den Rugby-Ball, den er Sekunden zuvor gestikulierend forderte, hält er nicht in seinen Händen. Zu ungenau war der Pass.

"Macht nix. Wir versuchen es noch einmal", sagt der 18-Jährige und grinst. "Es klappt noch nicht alles, wir werden aber besser."

Spieler, die nicht von hier sind

Mit "Wir" meint Khaled die zehn Burschen, die an diesem Tag der Hitze trotzen und nicht weit entfernt vom Ernst-Happel-Stadion Rugby-Basics trainieren. Aufwärmen, passen, sprinten und ausweichen, alles ist dabei, was man sich vom Sport mit dem markanten Lederei erwartet. Ein "Komm schon" tönt minuziös über den Platz. Die Jugendlichen motivieren sich, klatschen ab, wirbeln das feine Granulat durch die Luft.

Wenn man ihnen zuschaut, wie sie Bälle fangen, den Gegner tackeln, ausweichen und rennen, könnte man fast meinen, es handelt sich um ein perfekt eintrainiertes Team; eines, das sich seit Jahren kennt. Doch die bunte Truppe ist keine gewöhnliche Rugby-Mannschaft. Die Spieler sind nämlich nicht von hier. Zu Hause, das war für manche einmal Syrien, der Irak oder Afghanistan. Manche sind vor Wochen gekommen, einige vor Monaten, bei vielen ist es schon länger her. Allen ist aber gleich, dass sie den Weg nach Europa alleine bewältigen mussten, ohne Eltern und Geschwister. Einige haben noch Verwandte in ihren Heimatländern, manche hoffen es, sind sich aber nicht sicher.

Heute stehen sie mit Stollenschuhen am Platz des Rugby-Teams Union Donau Wien und werfen sich gegenseitig Bälle zu. Es tut sich eine beklemmende Parallelwelt auf. Das perfekte Grün des Kunstrasens und die Kriegserfahrungen passen nicht zueinander, das Alltägliche des Sports nicht zum Existenziellen der teils lebensbedrohlichen Flucht. "Es ist nicht einfach. Wir versuchen, den Jugendlichen eine Routine zu geben", sagt Udo Richson. Gemeinsam mit Johannes Dachler leitet er das Projekt "Rugby Opens Borders" (ROB), eine Initiative, die jungen Flüchtlingen die Möglichkeit bietet, Rugby zu spielen. "Wir haben gesehen, dass vor allem minderjährige Flüchtlinge eigentlich nichts tun können, solange sie auf den Asylentscheid warten müssen", erzählt der 28-Jährige die Beweggründe für das Projekt. Wenn man an Integration denkt, sei das eine "Katastrophe, das Herumsitzen, das Nichtstun. Wir dachten, sie brauchen eine Beschäftigung, damit ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt."

"Fußball ja, Rugby nein"

Mit dem Gedanken, ein Sozialprojekt zu initiieren, spielte der Wiener Rugby-Klub schon länger. Im Frühjahr 2015, also noch vor der starken Flüchtlingsbewegung nach Europa, hat man sich schließlich dazu entschlossen, etwas auf die Beine zu stellen. "Unser Verein hat eine neue Heimat gesucht, weil die alte in Schönbrunn von der Stadt Wien geschlossen wurde", erzählt Richson. Wie Nomaden sei das Team herumgezogen, um zu trainieren. Als man auf das Trendsportzentrum neben dem Stadion gestoßen ist, habe man die Möglichkeit genutzt und das "Rugby Opens Borders"-Projekt aus dem Boden gestampft. "Es ist ziemlich schnell gegangen, mit kleineren und größeren Hürden", erklärt Richson, der damit die Förderungen für Flüchtlingsinitiativen anspricht. Wenn es um Kleinprojekte geht, seien finanzielle Mittel von staatlicher Hand auch heute noch ziemlich "mager", der bürokratische Aufwand dafür enorm.

Deshalb wurde das "Rugby Opens Borders"-Projekt am Anfang aus eigener Kraft gestemmt, vieles "aus privater Tasche oder Spenden bezahlt. Die laufenden Kosten, die Trainingsausstattung und, und, und… das muss ja erst mal bezahlt werden."

Nachdem sich auch ein Team aus Freiwilligen gefunden hat, musste nur noch die entsprechende Zielgruppe für den Rugbysport begeistert werden. "Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass die Jugendlichen mit Rugby nichts anfangen können. Fußball ja, eindeutig sogar, aber Rugby? Nein", resümiert Richson und lacht, als er über die erste Begegnung zwischen den geflüchteten Jugendlichen und einem Rugby-Ball erzählt. "Wir sind mit einem Rugby-Ball in die Flüchtlingsquartiere rein und wir sahen nur große, neugierige Augen und offene Münder. Die haben offenbar gedacht, der Fußball ist kaputt."

Das anfängliche Misstrauen hat sich allerdings schnell gelegt. Gleich beim ersten Training im Mai 2015 haben sich rund 20 Jugendliche im Donaupark eingefunden. Heute, rund eineinhalb Jahre später, zählt man mehr als 150 Teilnehmer - selbst aus Traiskirchen sind Jugendliche mit Bussen gekommen.

Die Flucht eines Minderjährigen

Einer, der schon länger zum Team gehört, ist Khaled. Der heute 18-Jährige ist vor zwei Jahren alleine aus Syrien nach Österreich geflüchtet. Seine Eltern hatten nicht genug Geld, um der ganzen Familie den Weg nach Europa zu finanzieren. "Meine Geschwister sind noch in der Türkei", sagt er und jongliert währenddessen das Lederei zwischen seinen Händen.

Für einen kurzen Moment schweigt der junge Syrer, sein Gesicht wird aschfahl. Obwohl er seit sechs Monaten wieder mit seinen Eltern vereint ist, fällt es ihm sichtlich schwer, über seine Flucht zu reden, über die Zeit ohne Familie. Lieber möchte er aufs Feld rennen, zu seinen Mitspielern - das merkt und hört man. Immer wieder blickt er während des Gesprächs zu den anderen, seiner "anderen Familie", wie er sagt.

Allein im vergangenen Jahr haben rund 8.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Österreich um Asyl angesucht. Im Gegensatz zu Erwachsenen erhalten UMF eine umfangreichere Versorgung, einen höheren Tagessatz - 95 Euro täglich für jene Träger beziehungsweise Stellen, die das Kind betreuen, plus 40 Euro Taschengeld im Monat.

Wenn aus den Jugendlichen Erwachsene werden, ändert sich ihre Situation schlagartig. Sie müssen die UMF-Betreuungsstelle verlassen und kommen in die Grundversorgung für Erwachsene. Ein weiteres Mal verlieren sie ein Umfeld, an das sie sich gewöhnt haben, und müssen weiterziehen.

Ein Trainer, eine Autoritätsperson

"Viele Burschen bleiben dem Training auch treu, wenn sie 18 sind", sagt Johannes Dachler. Der Trainer der Mannschaft steht am anderen Ende des Sportplatzes stellt ein paar orangefarbene Hütchen für die nächste Übung auf. "Sie brauchen einen fixen Ort in ihrem Leben, und ein paar von ihnen haben wirklich Talent", erklärt er, "wer gut und fleißig ist, kann mit der U18 trainieren und später vielleicht auch mit der Kampfmannschaft." Dazu reiche Talent aber bei Weitem nicht aus; Fleiß, Kraft und Ausdauer seien gefragt, "ohne Übung geht hier nichts".

Seit dem Start der Initiative ist der 29-Jährige der sportliche Leiter des "Rugby Opens Borders"-Projekts, für die wöchentlichen Trainings ist er zuständig. "Wir kommunizieren über Facebook oder WhatsApp. Das funktioniert am besten", erklärt der Kapitän des Rugby-Teams Wien Donau. Allerdings stehen im Projekt nicht nur das physische Training im Vordergrund, sondern auch "Werte wie Teamgeist und Respekt. Gerade für die Integration ist das extrem wichtig", sagt der 29-Jährige, der das letzte Hütchen auf den Boden stellt, sich umdreht und das Team zu sich holt.

Als die zehn Burschen vor ihm stehen, blickt er sie an: "Das hat jetzt aber ziemlich lange gedauert. Runter auf den Boden, gemeinsam zehn Liegestütze. Ich zähle mit: eins, zwei, drei…"

Die Jugendlichen hören auf Dachler, für sie ist er nicht nur Trainer, er ist eine Autoritätsperson. Ein großer, mit Muskeln bepackter Mann, tiefer Stimme und apodiktischer Sprechweise - die rote Kappe hat er ins Gesicht gezogen. Am Platz strahlt der 29-Jährige eine gewisse Strenge aus, keine Sekunde wird mit verbaler Schnörkelei verschwendet, in wenigen Worten kommt er auf den Punkt. Wer ein wenig Zeit mit Dachler verbringt, wird aber erkennen, dass die Strenge nicht zu seinem Wesen gehört. Er streift sie sich über wie einen Mantel, wann immer er sie braucht.

"Sie wollen nur ein normales Leben führen"

"Zehn", Dachler und die Jugendlichen machen die letzten Liegestütze. "Wir machen alle Übungen gemeinsam. Wenn jemand einen Fehler macht, baden wir ihn alle aus", sagt er und erklärt dem Team die Übung mit den Hütchen. Der 18-jährige Khaled, der neben ihm steht, wiederholt auf Arabisch. Der junge Syrer übersetzt immer erst dann, wenn Dachler ihn darum bittet oder Khaled merkt, dass einige in der Mannschaft Schwierigkeiten haben, den Trainer zu verstehen. "Wir versuchen, dass alle Übungen auf Deutsch erklärt werden", sagt Dachler. Das sei aber nicht immer einfach, denn nicht alle können so gut Deutsch wie Khaled.

Udo Richson kennt die "kleineren Schwierigkeiten" mit der Integration und erklärt, dass man die Jugendlichen nicht mit Samthandschuhen angreifen soll. "Es gibt Grenzen, die wir ihnen konsequent aufzeigen. Wenn es Probleme gibt, wird es offen kommuniziert", ergänzt er. Das würde ihnen gut tun, den vielen Jugendlichen, die ohne Eltern nach Österreich gekommen sind, niemanden haben, der ihnen ein wenig den Weg vorgibt.

"Natürlich ist es nicht immer eine gmahde Wiesn. Wir trainieren hier Jugendliche. Die haben Bedürfnisse und Sorgen", erklärt Richson. Deshalb sei man für sie auch rund um die Uhr da. Nach jedem Training wird gemeinsam gekocht, Filme werden angesehen oder es wird einfach nur geredet - über Religion, Wohnungssuche, aber auch Mädchen und Freundinnen. "Das sind Teenager mit den gleichen blöden Problemen, den gleichen dummen Witzen wie eben alle in diesem Alter. Sie wollen nur ein normales Leben führen."

Gerade Rugby sei dafür wie geschaffen. Der Körperkontakt, das Team und die Routine, "man tankt wieder Selbstvertrauen, bekommt wieder einen Rückhalt, eine Bestätigung für seine Leistung". Ein gutes Beispiel dafür sei das bekannte Jugendsportevent "United World Games" in Klagenfurt, zu dem das "Rugby Opens Borders"-Team in diesem Jahr eingeladen wurde.

"Das war das erste Turnier überhaupt und das erste Mal in dieser Konstellation", erzählt Richson sichtlich stolz. "Wir haben zwar kein Spiel gewonnen, aber es war ein Riesenerfolg. Diese Spiele sind ja kein Kindergeburtstag, jedes Jahr treten professionelle Mannschaften an. Und wir haben es geschafft, Teams zumindest zu ärgern." Dachler nickt zustimmend, ergänzt aber, dass man zwar sehr viel Lehrgeld bezahlt hätte, aber dadurch sei der Zusammenhalt innerhalb des Teams noch stärker geworden. "Rugby schweißt zusammen", attestiert der Trainer.

Sport als integratives Element

Unterstützung für diese These bekommt Dachler aus der Wissenschaft, wo der Zusammenhang zwischen Sport und gelungene Integration seit Jahrzehnten erforscht wird. Soziologen und Sportwissenschaftler sind sich allerdings auch darüber einig, dass Sport nicht per se gelebte Integration ist, sagt Elke Grimminger-Seidensticker von der TU Dortmund. "Es reicht nicht, Neue nur mitsporteln zu lassen. Sie müssen auch die Möglichkeit bekommen, mitzugestalten", erklärt die deutsche Sportpädagogin. Vereine müssen sich öffnen und Veränderungsprozesse zulassen, damit alle Beteiligten gleichberechtigt handeln können.

Bettina Gruber, Migrationsexpertin an der Universität Klagenfurt, sieht es ähnlich. "Sport kann unterstützend auf die Prozesse der Integration wirken. Das ist aber bei Weitem noch nicht alles", sagt sie. Für die Leiterin des Zentrums der Friedensforschung und Friedenspädagogik ist es wichtiger, anzuerkennen, "dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben. Wir müssen uns davon verabschieden, zu glauben, dass es nur den einen bestimmten Lebensstil gibt."

Im Wiener Donau-Rugbypark ist es kurz vor 17 Uhr, eine große Wolke schiebt sich langsam vor die Sonne. Die Truppe kommt nochmals zu einem Halbkreis zusammen. "Trainingsspiel", verkündet Dachler und ein kurzes, aber lautes "Ja" geht durch die Runde. "Wir teilen uns in zwei Teams auf, wir zählen durch, eins, zwei. Die Einser kommen zu mir, die Zweier zu Udo. Verstanden?". Die Burschen zucken mit den Achseln, blicken sich gegenseitig ratlos an, nicken allerdings. Ein Zeichen, dass sie die Anweisung verstanden haben. "Gut", sagt Dachler und fängt an: "Eins."

"Zwei."

"Drei."

"Vier."

"Stopp! Stopp! Stopp!" Es wird gelacht. "Noch einmal", sagt Dachler, "jetzt könnt ihr aber bis zehn zählen. Zehn Liegestütze. Wir gehen alle runter. Eins, zwei, drei,…"