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Debatte
01/23/2016

"Wir alle sind die Wertevermittler"

Asylwerber und Flüchtlingshelferinnen erzählen, was sie von der Werte-Diskussion halten.

von Julia Schrenk

"Die afghanische Kultur ist eine ganz andere als die österreichische": Jaleb reduziert die Werte-Debatte der vergangenen Wochen auf das Wesentliche. Der 32-Jährige ist vor eineinhalb Jahren aus Afghanistan nach Österreich gekommen. Jetzt lebt er mit 30 anderen Flüchtlingen in einem ehemaligen Gasthof im kleinen niederösterreichischen Ort Neustift-Innermanzing und wartet auf seine Asyl-Entscheidung.

Seit 30 Jahren werden in der 1557-Einwohner-Gemeinde im Wienerwald Flüchtlinge beherbergt. Derzeit sind es Schutzsuchende aus Syrien, dem Irak, Algerien, Somalia, Nigeria und Afghanistan.

Auch in Innermanzing ist die viel zitierte Werte-Diskussion angekommen. Brauchen Flüchtlinge einen Werte-Kurs? Reicht ein achtstündiger Vortrag aus, um zu verstehen, wie Österreich funktioniert? Was sind das überhaupt für Menschen, die da kommen? Und muss man Angst vor ihnen haben?

"Mittlerweile wissen die Leute, dass man sich nicht fürchten muss", sagt Helga Buttinger. Die pensionierte Lehrerin kümmert sich gemeinsam mit Judith Aschenbrenner und vielen anderen um die Asylwerber im Ort. Von verpflichtenden Frontalvorträgen halten sie wenig: "Zu sagen: ,Ihr müsst das und das tun‘, das bringt überhaupt nichts", glaubt Aschenbrenner. "Die Werte-Vermittlung funktioniert nur über Integration und Arbeit. Denn wir alle sind die Werte-Vermittler", meint Buttinger.

Deshalb sagen die Helferinnen auch nicht: "So, jetzt reden wir einmal über die Rolle der Frau."

"Das ergibt sich aus dem Gespräch". Manchmal bei einer Kaffeejause und meistens im Deutschkurs. "Da schneiden wir alle Themen an", sagt Buttinger. Einmal etwa habe ein Asylwerber erzählt, dass er mit zwei Frauen verheiratet sei. "Wir haben ihm erklärt, dass das bei uns nicht geht."

Gemeinsam putzen

Jaleb nähere sich jeden Tag ein bisschen mehr an die europäische Kultur an. "In Afghanistan war ich Geschäftsmann", erzählt er. Seine Frau habe im Kindergarten gearbeitet, aber sich ganz alleine um den Haushalt gekümmert. In Österreich habe er gelernt, dass auch Männer putzen. "Wenn meine Frau nachkommt, werden wir beide arbeiten und beide putzen. So ist die Kultur hier", sagt er. Jaleb weiß mittlerweile auch, dass Ärzte in Österreich gratis behandeln, dass man "Grüß Gott" und "Auf Wiedersehen" sagt und dass der Müll getrennt wird. "Das ist schwierig", sagt er. Dosen, Glas, Restmüll, Bio. "In Afghanistan kommt alles zusammen."

Für Buttinger und Aschenbrenner ist die fehlende Pünktlichkeit oft eine Herausforderung: "Das müssen wir immer wieder erklären", sagen sie. Selten, aber doch, gab es auch kleine Zwischenfälle. Etwa, als im Nachbarort ein syrischer Bub seiner Volksschullehrerin erklärte, sie habe ihm gar nichts zu sagen (der Bub hat sich später entschuldigt) oder einige Flüchtlinge einer Frau nachpfiffen. "Dann sagen wir schon: Herrschaften, so geht das nicht!", sagt Buttinger. Vor einigen Jahren wollten einige Flüchtlinge im Ort auch nicht bei der Chefin im Adeg-Markt an der Kassa bezahlen. "Sie haben sich bei meinem Mann an der zweiten Kassa angestellt. Da wussten sie noch nicht, dass er nur aushilft und dass sie gar keine andere Wahl haben, als die Frau an der Kassa zu akzeptieren", erzählt die Chefin.

"Es geht darum, einander zuzuhören und zu verstehen", sagt Aschenbrenner. "Auch wir können von den Flüchtlingen lernen. Von deren Gastfreundschaft zum Beispiel sollten sich manche von uns ein Scheibchen abschneiden."

Info

Werte-Kurse

Der 50-Punkte-Plan von Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) sieht vor, dass alle Asylwerber und subsidiär Schutzberechtigten künftig achtstündige "Orientierungs- und Wertekurse" absolvieren. Geflüchtete sollen einen "Überblick über das Leben in Österreich" bekommen. Auch "Grundwerte des Zusammenlebens", etwa Demokratie, Rechtsstaat und die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sollen vermittelt werden.

Module

Die Stadt Wien bietet Flüchtlingen Info-Module über das Leben in Österreich. Das reicht vom richtigen Verhalten in den Öffis über einzuhaltende Ruhezeiten bis hin zu Regeln für das Anbringen von Satelliten-Schüsseln.