Letzte Spuren: Von der Schubertlinde ist nur noch ein Baumstumpf zu sehen. 

© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
01/11/2022

Die letzten Bäume beim U-Bahn-Bau sind gefallen: Das Ende einer Debatte

In der aktuellen Baustufe des U2/U5-Projekts wurden rund 70 Bäume umgeschnitten – inklusive der Schubertlinde. So findet eine für die Politik heikle Diskussion ihren Abschluss.

von Stefanie Rachbauer

Bereits im Morgengrauen wurden am Montag in Neubau Tatsachen geschaffen: Ein Lastwagen mit einer Art Kran auf der Ladefläche parkte am Augustinplatz; Arbeiter machten sich daran, die dort befindliche, 63 Jahre alte Schubertlinde und die Eiben beim Brunnen gegenüber zu fällen.

Einen Kilometer weiter in Mariahilf dasselbe Bild: Der 64-jährige Ahornbaum an der Kreuzung von Kaunitzgasse und Magdalenenstraße wurde ebenfalls umgeschnitten.

An beiden Orten machen die Bäume Platz für die verlängerte U2. Konkret werden dort Notausgänge und unterirdische Gleiswechselanlagen errichtet.

Dafür braucht es viel Platz. Denn die entsprechenden Bauwerke sind je 35 Meter tief, 30 Meter lang und 20 Meter breit. Um die Schächte zu bauen, rücken demnächst die Bohrpfahlgeräte an.

Alle Rodungen erledigt

Mit dem Kahlschlag wurde nicht nur den Bäumen selbst, sondern auch einer langen, für Stadt und Wiener Linien zunehmend unangenehmen Debatte ein Ende gesetzt. Die Rodungen von Linde, Eiben und Ahorn waren die letzten in der aktuellen U-Bahn-Ausbaustufe bis Matzleinsdorfer Platz (U2) bzw. Frankhplatz (U5).

Insgesamt wurden dafür rund 70 Bäume umgeschnitten. Die meisten davon rund um das künftige Linienkreuz von U2 und U5 beim Rathaus – und ohne nachhaltige Aufregung.

Um so einige Exemplare gab es dann aber doch größeres Aufsehen. Dass in Zeiten des Klimawandels in hitzegeplagten Innenstadt-Bezirken jahrzehntealte Bäume gefällt werden sollen, die kühlen und Sauerstoff spenden, missfiel mancherorts gehörig.

Prominentestes Beispiel ist jene 80-jährige Platane, die vor ziemlich genau einem Jahr im Zuge einer aufwendigen und medienwirksamen Aktion von ihrem Stammplatz beim Café Eiles auf den Schmerlingplatz übersiedelt wurde.

Druck aus Opposition

Das weckte Begehrlichkeiten – allen voran in Neubau. Dort entdeckte die ÖVP die Linde am Augustinplatz als probates Mittel, um den roten Öffi-Stadtrat Peter Hanke inklusive seiner Wiener Linien und den grünen Bezirkschef Markus Reiter vor sich herzutreiben.

Man pochte darauf, dass die Linde – einst zu Ehren des Komponisten Franz Schubert gepflanzt – an einen anderen Ort übersiedelt wird.

Die Grünen im rot regierten Mariahilf schauten sich diese Strategie ab. Man unterstützte die Petition einer Anrainerin für den Erhalt besagten Ahorns. Mit dem Effekt, die Stadt und Bezirkschef Markus Rumelhart in Erklärungsnot zu bringen.

Nach monatelangen Diskussionen und Wendungen ist nun aber klar: Die Operation Platane wird sich nicht so schnell wiederholen.

Mehrkosten in Millionenhöhe

Dass die Bäume im 6. und 7. Bezirk ausgerechnet jetzt gefällt wurden, hat übrigens mit drohenden Verteuerungen zu tun. Ein weiterer Aufschub der Arbeiten an der U2-Trasse hätte „Mehrkosten in Millionenhöhe“ ausgelöst, heißt es von den Wiener Linien.

Eine etwaige Verpflanzung von Linde und Ahorn sei eingehend geprüft worden. Kosten von einer halben Million Euro pro Baum bei gleichzeitig geringen Chancen, dass diese den Umzug überleben, stünden in „keiner Kosten-Nutzen-Relation.“

In Summe betrifft die aktuelle U2/U5-Ausbaustufe laut Wiener Linien fast 400 Bäume. So weit möglich, schütze man diese oder pflanze sie um.

Für jeden Baum, der weichen muss, gebe es Ersatz – auch für Linde und Ahorn: „Die Wiener Linien bieten für diese Standorte groß gewachsene Bäume als Ersatzbegrünung an. In Abstimmung mit den Bezirken können diese im Umfeld der Bauarbeiten bereits vor Bauende gepflanzt werden.“

Wunschliste aus Neubau

In Neubau dürften die Wiener Linien damit offene Türen einrennen. Die Rodung der Linde habe offenbart, wie kaputt der Baum bereits gewesen sei, betont man im Büro von Bezirkschef Reiter. Nächste Woche werde man mit den Dienststellen „Potenziale des Augustinplatzes für die Zeit nach dem U-Bahn-Bau“ ausloten.

370 Bäume sind von der Verlängerung der U2 zum Matzleinsdorfer Platz bzw. vom Bau der U5 zum Frankhplatz betroffen.

70 Exemplare davon wurden gefällt. Die restlichen wurden umgepflanzt oder konnten geschützt und erhalten werden.

Rund 93.000 Straßenbäume sind in ganz Wien zu finden. Die beliebtesten Arten sind Ahorn  (25.071), Linde (14.945) und Rosskastanie (9.926). Am wenigsten verbreitet sind Hibiskus (22), Tamariske (21) und Felsenbirne (19). 

22-49Jahre ist jene Alterskategorie, in die die meisten – nämlich 39.574 – Wiener Straßenbäume fallen. 

Ganz oben auf der Wunschliste: 20 Bäume im näheren Umfeld mit viel Platz für die Wurzeln, sodass die neuen Exemplare besser gedeihen können als die Linde. Weiters angestrebt sind Grünflächen und eine Verkehrsberuhigung in der Kellermanngasse.

Und die ÖVP? Abgesehen davon, dass sie jetzt ein neues Thema braucht, kann sie sich zumindest als Retterin des zur Schubertlinde gehörigen Gedenksteins rühmen: Dieser wird aufgehoben und soll später wieder im Bezirk aufgestellt werden.

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