Der Naschmarkt ist derzeit wenig besucht.

© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Wien
01/30/2021

Der Wiener Naschmarkt verhungert

Wegen Corona florieren die Wiener Märkte – bis auf den größten: Am Naschmarkt ist die Besucherzahl auf ein Viertel eingebrochen. Warum manche Standler trotzdem nicht leiden und wie der Markt gerettet werden soll.

von Stefanie Rachbauer

An normalen Tagen verteilt ein einziger Falafel-Standler am Naschmarkt bis zu 70 Stück der Kichererbsenbällchen als Kostprobe. Der traditionsreiche Wiener Markt ist dafür bekannt, dass man dort alles zu kosten bekommt.

Und nicht nur das: „Wollen Sie ein Stück? Oder vielleicht einen Mann?“, ruft einer der Verkäufer einer Besucherin nach.

Er hat Pech: Die Frau geht weiter. Und der Verkäufer bringt weder die Falafel, noch seinen Schmäh an. Es sind eben keine normalen Tage am Naschmarkt.

Im Jahr 2019 zählte der Naschmarkt pro Woche noch rund 52.500 Besucher. Damit war er der drittbeliebteste Wiener Markt nach dem Brunnenmarkt im 16. Bezirk und dem Rochusmarkt im 3. Bezirk. Mittlerweile ist die Besucherzahl am Naschmarkt auf ein Viertel gesunken, schätzt man beim Marktamt.

Genaue Zahlen liegen nicht vor, weil Frequenzzählungen wegen Corona derzeit nicht möglich sind.

In dieser tristen Lage ist der Naschmarkt ziemlich alleine. Den 16 anderen Märkten hat die Pandemie einen regelrechten Aufschwung beschert. Der größte und wohl bekannteste Markt Wiens droht dagegen zu verhungern.

90 Prozent weniger Umsatz

„Die Umsatzeinbußen betragen 80 bis 90 Prozent“ , sagt Omar Lashin. Er ist Sprecher der Standler und verkauft seit sieben Jahren unweit der Kettenbrücke Falafel, Antipasti und Trockenfrüchte: „Wir halten das noch ein bis zwei Monate durch.“

Andere Standler mit ähnlichem Sortiment bestätigen das. „Es ist langweilig“, sagt ein Oliven-Verkäufer. Früher machte er täglich bis zu 500 Euro Umsatz. Jetzt sind es 80 Euro.

Kunden mit Verkostungen auf den Geschmack zu bringen, ist wegen der FFP2-Maskenpflicht am Marktgelände für ihn schwierig. Das trübt das Erlebnis.

Nur 75 Stände geöffnet

Die Quelle der Probleme liegt aber woanders. Sie rühren daher, dass der Naschmarkt ein Wiener Unikum ist. Er ist nämlich nicht nur ein Nahversorger. Sondern auch eine Lokalmeile und ein Touristenmagnet. (So manche Wiener würden wohl Fressmeile und Touristenfalle dazu sagen.)

Diese Mischung führt dazu, dass von 130 Ständen derzeit nur 75 geöffnet sind. Die reinen Gastro-Stände und jene Stände, die andere Waren als Lebensmittel verkaufen (etwa Mode und Seifen) sind wegen des Lockdown zu.

Das erwecke den Eindruck, als habe der ganze Markt geschlossen, sagt ein Marktamt-Sprecher im KURIER-Gespräch: „Das schreckt natürlich Kunden ab“.

Täglich fünf Busse

Und so kann das Wegbleiben der Touristen kaum kompensiert werden: „Früher hatten wir täglich fünf Busse mit Asiaten hier“, sagt Marktsprecher Lashin. „Jetzt ist es leer.“

Erschwerend kommt hinzu, dass die Mitarbeiter der umliegenden Büros im Homeoffice sind – und somit ein weiteres Kundensegment weggebrochen ist.

Und: Der Flohmarkt am nahen Naschmarkt-Parkplatz, der samstags Frequenz brachte, darf wegen der Pandemie nicht stattfinden. „Das schmerzt“, sagt Lashin.

Flucht ins Freie

Doch nicht alle Standler stimmen in sein Klagen ein. Die beiden Mitarbeiter beim Delikatessenstand Poehl sind zufrieden: „Wir haben viele Stammkunden. Und die geben jetzt im Lockdown viel mehr aus.“

Anstatt Essen zu gehen, würden sich die Kunden nun eben feine Lebensmittel für zu Hause gönnen.

Dieses Muster kennt man auch ein paar Meter weiter beim Fischviertel. „Manche Leute haben 15 Jahre lang nicht gekocht. Jetzt tun sie es wieder und decken sich bei uns ein“, sagt der Inhaber.

Social-Media-Aktion

Von dieser Dynamik haben auch die anderen Wiener Märkte profitiert. Nach einem kurzen Einbruch im März sei es mit der Frequenz „rapide bergauf“ gegangen, heißt es aus dem Marktamt.

Anstatt Lebensmittel im Supermarkt (also in geschlossenen Räumen) einzukaufen, wichen die Menschen auf den Markt aus. Außerdem erkannte so mancher, der im Homeoffice arbeitet, dass man auch unter der Woche auf dem Markt einkaufen kann (und nicht nur am Wochenende, wie das viele Familien machen). Das brachte zusätzlich Umsatz.

Eine solche Entwicklung will man nun auch auf dem Naschmarkt anstoßen: Um zu überleben, ist dieser nun auf die Anrainer angewiesen.

Darauf machen heute, Samstag, die Vorsteher von Wieden, Maragerten und Mariahilf aufmerksam. Lea Halbwidl, Silvia Jankovic und Markus Rumelhart (alle SPÖ) gehen zu diesem Zweck demonstrativ am Naschmarkt einkaufen.

17 fixe Märkte mit insgesamt 700 Ständen gibt es in Wien, der älteste ist der Karmelitermarkt.

358.000 Personen haben die Wiener Märkte im Jahr 2019 pro Woche besucht.

2 Monate lang hat die Stadt den Standlern im 1. Lockdown die Marktgebühren erlassen. Die Schanigartengebühr ist nach wie vor ausgesetzt.

„Am Naschmarkt hängen weit mehr als 450 Jobs. Jeder Einkauf zählt“, sagt Rumelhart. Der Besuch ist der Auftakt für eine Social-Media-Aktion: Unter dem Hashtag „MeinNaschmarktEinkauf“ soll jeder Besuch mit einem Foto auf Facebook oder Instagram dokumentiert werden.

Es ist davon auszugehen, dass das eine oder andere Falafel-Bild dabei sein wird.

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