© Wirtschaftskammer Wien / Florian Wieser

Porträt
05/17/2020

Der gelbe Engel im cremefarbenen Mercedes

Mit Stammkunden rettet sich der Wiener Taxler Wolfgang Kirchhofer durch die Krise

von Stefanie Rachbauer

Ein Taxifahrer braucht ein Auto. Ein guter Taxifahrer braucht ein Auto – und mindestens zwei Packerln Taschentücher im Handschuhfach, ein Handy-Ladekabel in der Mittelkonsole und je eine Handvoll Zuckerln und Hundeleckerli in der Türablage.

Zumindest wenn es nach Wolfgang Kirchhofer geht. Sein cremefarbener Mercedes ist entsprechend ausgestattet. „Man weiß ja nie, was der Kunde braucht“, sagt er, während er die Limousine mit ruhiger Hand über die Längenfeldgasse in Wien-Meidling steuert. „Das ist Dienstleistung. Alles alles andere ist nur Lenkrad-Drehen.“

Kirchhofer – braun gebrannte Haut, grauer Schnauzer und knallgelbes Hemd – ist seit 40 Jahren Taxifahrer. 25 Jahre arbeitete er in Salzburg, den Rest in Wien – die meiste Zeit angestellt. Nun hat er sich selbstständig gemacht. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Branche eine existenzbedrohende Krise durchmacht.

Mehr als ein Chauffeur

Zwar geht es für die Taxifahrer seit Ende des Lockdowns bergauf – aber nur langsam. Nach wie vor übersteigt das Angebot die Nachfrage. Noch schlimmer war es während der Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen: Die Umsätze brachen von einem Tag auf den anderen um bis zu 100 Prozent ein. Nicht so bei Kirchhofer. Er fuhr nur ein geringes Minus ein.

Einer der Gründe dafür sitzt auf der Rückbank: Hedwig Reder. Sie rutscht etwas nervös hin und her. Sie ist zum ersten Mal seit der Öffnung der Geschäfte, zum Einkaufen unterwegs: „Ich bin gespannt, wie das funktioniert.“ Die Vorschriften seien „an sich schon kompliziert“ – und für sie noch etwas mehr. Denn „Hedi“, wie Kirchhofer sie liebevoll nennt, ist blind.

Der 57-Jährige fährt sie regelmäßig zum Einkaufen oder ins China-Restaurant. Reder ist seine Stammkundin – nicht die einzige: Rund die Hälfte seines Umsatzes macht Kirchhofer mit Fahrgästen wie ihr. Das hilft ihm durch die Krise. Entsprechend bereitwillig gibt er seine Handynummer – 0664 99 300 999 – her. Warum aber wollen so viele Kunden immer wieder mit ihm fahren?

Wohl deshalb, weil Kirchhofer seinen Beruf zelebriert. Das zeigt bereits seine Website. Sätze wie, „Wenn es regnet, bleiben Sie bitte bei der Türe. Ich hole Sie mit dem Schirm ab“ sind dort zu lesen. Kirchhofer ist ein Taxifahrer der alten Schule, von denen es immer weniger gibt. Genau genommen ist er sogar mehr als ein Taxifahrer: Die Dienste des gelernten Buchhändlers beschränken sich nämlich nicht auf den Wageninnenraum.

Der Mercedes parkt mittlerweile in der Hütteldorfer Straße, einer Geschäftsstraße in Penzing. Während das Taxameter im Wartetarif weiterläuft, hält Kirchhofer Reder die Autotüre auf. „Ein Stück müssen wir zur Drogerie gehen“, entschuldigt er sich und nimmt sie an der Hand. Für Reder kein Problem: „Ich hab es ja nicht mit den Füßen“. Die beiden lachen.

Hilfsangebot 

Reder braucht Zahnbürsten, Seife, WC-Steine und Raumspray. „Es gibt Frühlingsfrische, frische Wäsche und Relaxing Zen‘“, liest Kirchhofer vor. „Welchen willst du?“ Im Fleischmarkt gegenüber das gleiche Prozedere: Reder schafft an, Kirchhofer sucht. „Viele andere Taxler würden das nie machen“, sagt sie.

Dabei hätte Kirchhofer derartige gute Taten nicht nötig. Taxler zu sein, ist bekanntlich Garantie genug, um in den Himmel zu kommen. Nicht einmal Kirchgänger beten so viel wie Taxifahrgäste – sagt ein böser Witz (den Kirchhofer übrigens gerne erzählt). Der Wohlwollen Petrus’ ist ihm demnach ohnehin sicher.

Dennoch hat Kirchhofer während der Pandemie ein weiteres Hilfsangebot entwickelt. Müssen seine Fahrgäste zum Arzt, nimmt Kirchhofer auf Wunsch für sie im Wartezimmer Platz. Die Kunden bleiben – fernab der Kranken – im Mercedes. Bis Kirchhofer sie hereinholt. Angst vor einer Infektion hat er nicht: „Ich habe ein Immunsystem wie ein Panzer.“ Im Taxi achtet er jedoch penibel auf Sauberkeit: Nach jedem Kunden versprüht er Desinfektionsmittel. Das Thema Sicherheit wird bei ihm groß geschrieben.

Die Krise kehre die gesellschaftliche Funktion von Taxifahrern hervor, betont man bei der Wiener Wirtschaftskammer. „Taxifahren ist weit mehr als nur der Transport von A nach B. Es geht viel mehr um Kommunikation, um Service und darum, ein verlässlicher Partner zu sein“, sagt Spartenobmann Davor Sertic. Nichtsdestotrotz sei die Branche schwer getroffen und auf Unterstützung – in Form von Nachfrage – angewiesen.

Um die Auftragslage muss sich Kirchhofer heute keine Sorgen machen. Zurück vor Reders Wohnhaus in Meidling trägt er die Einkaufstaschen in den 4. Stock hinauf.

Sie wird nun Mittagessen machen: frische Blunzen aus dem Fleischmarkt. Auf Kirchhofer wartet die nächste Fuhre: Eine Stammkundin will in den 1. Bezirk, etwas umtauschen.

Davor muss der Taxilenker aber noch zur Nationalbank Wechselgeld holen. In Zeiten wie diesen will er seinen Kunden nur frisch gereinigte Münzen und Scheine in die Hand geben.

Für einen guten Taxifahrer gehöre sich das eben so.