Geisel Jemen Neubauer

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Geiseldrama
02/27/2013

"Österreich zahlt kein Lösegeld"

Es gibt zwar ein Ultimatum der Entführer eines Wieners, aber keine konkreten Forderungen.

von Maria Kern, Wilhelm Theuretsbacher

Aufgrund internationaler Konventionen sind wir verpflichtet, kein Lösegeld zu zahlen.“ Diese Erklärung von Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger heißt im Klartext: Die österreichische Bundesregierung wird kein Lösegeld für den im Jemen entführten Sprachstudenten Dominik N. zahlen.

Damit wird der Fall des 26-jährigen Wieners, der im Dezember gemeinsam mit zwei finnischen Bekannten aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa verschleppt wurde, zunehmend unübersichtlicher. Denn auf der einen Seite gibt es ein Ultimatum, das morgen, Donnerstag abläuft. Dominik N. hat es selbst in einem Video verlesen. Dieses Ultimatum führt sich aber mangels konkreter Forderungen selbst ad absurdum. Spindelegger: „Es wurde hier ein Ultimatum gestellt, jedoch gibt es bis dato keine Organisation, die sich zu diesem Ultimatum bekennt, noch eine konkrete Forderung.“

Unklar ist auch noch immer, ob die Tat einen terroristischen Hintergrund hat. Dominik N. hat in seinem Video von Forderungen von „Stämmen“ gesprochen. Denen geht es oft nur um einfache Anliegen. So verlangten die Entführer von zwei Österreichern im Jahr 2005 nur, dass inhaftierte Verwandte in ein anderes Gefängnis verlegt werden.

El Kaida

Dramatischer liegt der Fall, wenn sich Dominik N. in den Händen der jemenitischen El Kaida befindet – wofür es auch Indizien gibt. Diese Terrororganisation führt im Süden des Landes mit aufständischen Stämmen einen Krieg gegen die Regierung.

Der Krisenstab im Wiener Außenministerium richtet sich jedenfalls auf einen längeren Einsatz ein. Die Entführung von zwei Österreichern in Mali hat sich acht Monate hingezogen.

Das Gesetz des Handelns liegt derzeit bei der jemenitischen Regierung. Das war auch bei den bisherigen Entführungen der Fall. Etwa bei der Verschleppung von fünf UN-Mitarbeitern: In diesem Fall konnte der jemenitische Elektrizitätsminister Saleh Someh als Chefverhandler die Geiseln freibekommen.

Die jemenitischen Bemühungen im Falle Dominik N. werden von einem österreichischen Team bestehend aus Diplomaten und Sicherheitsleuten vor Ort sehr genau verfolgt. Dabei bringen sich die Diplomaten selbst in ernste Gefahr. Erst vergangene Woche versuchten Unbekannte, mitten in Sanaa die stellvertretende Leiterin einer internationalen Organisation aus dem Auto zu zerren. Der Angriff konnte durch Zufall abgewendet werden.

Auch die EU-Außenpolitikbeauftragte Catherine Ashton intervenierte bei der jemenitischen Regierung. Dominik N. war nebenbei auch freier Mitarbeiter der EU.

Bei den jüngeren Entführungsfällen von Deutschen und Schweizern wurden in Medien immer relativ hohe Lösegeldsummen zwischen zwei und 15 Millionen US-Dollar genannt. Ob eine Regierung jemals bezahlt hat, ist nicht bekannt. Niemand würde das auch eingestehen. Besonders die USA reagieren auf Lösegeldforderungen höchst ablehnend. Aber auch Russen und Engländer bestehen bei diesem Thema mit Nachdruck auf die Einhaltung der Abkommen.

Terrorkrieg

Denn mit dem Geld wird ein Terrorkrieg finanziert, der sich krakenartig von Afghanistan ausdehnt. Dort scheint es zwar den US-Truppen gelungen zu sein, die El Kaida weitgehend zu marginalisieren. Doch viele der Extremisten wichen in andere Länder aus. Die einen versuchten es in Südost-Asien, wo sie aber erfolgreich bekämpft werden konnten. Andere setzten sich im Südjemen fest, wo sie die Unterstützung des Iran genießen. Diese „El Kaida der arabischen Halbinsel“ (AQAP) setzte ihre Offensive quer durch den nordafrikanischen Raum fort, wo sie sich „El Kaida im Maghreb“ nennt.

Der französische Militäreinsatz in Mali hat das Ziel, diese Offensive zu stoppen. Die USA dehnten den Operationsraum für ihre Drohnen auf die Sahara aus. Das erklärt die Ablehnung der USA von Lösegeldzahlungen. Denn mit diesem Geld werden jene Waffen gekauft, mit denen dann amerikanische und französische Soldaten getötet werden – oder auch österreichische Soldaten, die in wenigen Tagen nach Mali abrücken.

Entführungen von Österreichern seit 1998

In politisch brisanten Regionen der Welt kommt es immer wieder zu Entführungen westlicher Touristen, Geschäftsleuten und Journalisten. Im Folgenden ein Überblick über Ereignisse der vergangenen Jahre, in die Österreicher involviert waren.

27. Februar 1998
Nach fast zwei Wochen in der Gewalt von Geiselnehmern im westafrikanischen Sierra Leone kommen fünf europäische Missionare, unter ihnen der Vorarlberger Arzt Andreas Erhard (36), wieder frei. Die Entwicklungshelfer des Ordens der Barmherzigen Brüder waren am 14. Februar aus ihrem Spital in Lusar verschleppt worden. Die Entführung ereignete sich zwei Tage nach dem Sturz der Militärjunta.

23. April 2001
Eine Geiselnahme pro-tschetschenischer Rebellen in einem Istanbuler Luxushotel geht noch am gleichen Tag ohne Blutvergießen zu Ende. Die bewaffneten Kidnapper lassen die 120 Menschen in ihrer Gewalt - unter ihnen auch bis zu acht Österreicher - nach fast zwölf Stunden frei und ergeben sich der Polizei.

13. Mai 2003
Alle zehn in der algerischen Sahara entführten Österreicher werden nach fast zwei Monaten aus der Hand ihrer Geiselnehmer - der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) - befreit und kehren nach Österreich zurück. Gemeinsam mit den acht Salzburgern und zwei Tirolern kommen sechs Deutsche und ein Schwede frei. Damit befinden sich noch 15 der ursprünglich insgesamt 32 entführten Europäer in der Gewalt von Geiselnehmern. Bei ihnen handelt es sich um zehn weitere Deutsche, vier Schweizer und einen Niederländer. Sie kommen Mitte August 2003 frei, eine deutsche Geisel überlebt die Strapazen nicht.

13. Juli 2005
Ein im Gaza-Streifen entführter Österreicher und ein Brite werden nach wenigen Stunden wieder freigelassen. Der Steirer Volker Mitterhammer, der für eine Tiroler Firma als Ingenieur für Wasseraufbereitungsanlagen arbeitet, war gemeinsam mit seinem britischen Kollegen von zwei Personen in ein Auto gezerrt und in das Flüchtlingslage Al Bureij gebracht worden. Beide Männer werden freigelassen, nachdem hohe palästinensische Offizielle einschreiten.

24. Dezember 2005
Während einer ganzen Serie von Einführungen von Ausländern im Jemen geraten auch die beiden österreichischen Architekten Barbara Meisterhofer (31) und Peter Schurz (52) in die Hände von Geiselnehmern. Nach wenigen Tagen kommen sie nach Verhandlungen zwischen Stammesführern und der Zentralregierung in Sanaa am 24. Dezember unversehrt wieder frei.

4. April 2006
Die Leichen der seit Jänner 2006 vermissten österreichischen Touristen Peter Kirsten Rabitsch (28) und Katharina Koller (25) werden in der bolivianischen Hauptstadt La Paz gefunden. Sie waren von Kriminellen entführt, ausgeraubt und ermordet worden. Das auf Weltreise befindliche Wiener Paar war von der bolivianischen Stadt Copacabana am Titicacaca-See kommend, am 26. Jänner in La Paz verschwunden. Im August 2006 werden die mutmaßlichen Mörder gefasst und ein Jahr später zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

16. November 2006
Der 25-jährige Oberösterreicher Bert Nussbaumer wird gemeinsam mit vier US-Bürgern und neun ortsansässigen Mitarbeitern der US-Sicherheitsfirma Crescent Security im Irak entführt. Nach ersten Video-Botschaften, die die Entführer den Behörden bzw. Medien zuspielen, gab es monatelang kein Lebenszeichen der Geiseln mehr. Im März 2008 werden mehrere Leichen im Irak gefunden. Eine davon wird in den USA als Bert Nussbaumer identifiziert.

Februar 2008
Zwei Touristen aus Österreich - die Halleiner Wolfgang Ebner (51) und Andrea Kloiber (43) - werden im tunesisch-algerischen Grenzgebiet gekidnappt und in den Norden Malis verschleppt. Die beiden Österreicher befinden sich 252 Tage lang in Geiselhaft des nordafrikanischen Zweigs des internationalen Terrornetzwerks El-Kaida "El-Kaida im islamischen Maghreb" (AQMI). Nach langen Verhandlungen gibt das Außenministerium in Wien Ende Oktober ihre Freilassung bekannt.

Jänner 2012
Bei einem Überfall auf europäische Touristen im Nordosten Äthiopiens werden fünf Menschen getötet. Bei einem Opfer handelt es sich um einen Österreicher. Bei den Tätern soll es sich der Landesregierung zufolge um von der eritreischen Regierung ausgebildete Banditen gehandelt haben. Eritreische Diplomaten weisen diese Vorwürfe zurück.

21. Dezember 2012
Ein 26-Jähriger, der vermutlich einen Sprachkurs im Jemen gemacht hat, wird in der Hauptstadt Sanaa - gemeinsam mit einem finnischen Paar - entführt. Sie wurden laut Medienangaben von vier bewaffneten Männern in ein Auto gezerrt und verschleppt.

Das Armenhaus Arabiens

Der Jemen gilt als das Armenhaus Arabiens. Die schwache Zentralregierung hat große Probleme, die Staatsgewalt gegen traditionelle Stammesstrukturen durchzusetzen. Clan-Führer ließen bereits mehrfach Ausländer entführen, um Forderungen an die Behörden durchzusetzen. Dazu kommt ein gewaltiges Terrorproblem.

Das Land bleibt auch nach der Vereinigung von Nord- und Südjemen im Jahr 1990 politisch gespalten. Der Süden fühlt sich von der Zentralregierung benachteiligt. Eine Separatistenbewegung kämpft seit Jahren für die Abspaltung.

El-Kaida nutzt das von Bergen und Wüsten geprägte Land als Rückzugsgebiet mit Ausbildungslagern. Islamisten aus dem Jemen und Saudi-Arabien gründeten 2008 zudem die "El-Kaida auf der Arabischen Halbinsel", die zwischenzeitlich erhebliche Gebiete des Landes eroberte.

Der Arabische Frühling hat im Jemen zu keinem echten Regimewechsel geführt. Der Präsident Ali Abdullah Saleh, der das Land seit 1978 beherrschte, musste nach Unruhen und einem Anschlag auf sein Leben sein Amt seinem Stellvertreter überlassen.

Im Vergleich zum großen Nachbarn Saudi-Arabien sind Wirtschaft und Infrastruktur schwach entwickelt. Der Konsum der Volksdroge Kat beeinträchtigt stark die Wirtschaftskraft. Ihr Anbau verschlingt einen großen Teil der knappen Wasserreserven des Landes.

15 Franzosen als Geisel: Paris will nicht verhandeln

Es ist die bisher grausamste Drohung der Dschihadisten, aber die französische Öffentlichkeit hat im Einklang mit der Staatsführung verhältnismäßig gelassen reagiert. Auf einem soeben aufgetauchten YouTube-Video ist die siebenköpfige französische Familie, darunter vier Kinder, zu sehen, die vor rund einer Woche aus Kamerun nach Nigeria verschleppt wurde. Die islamistischen Entführer der Gruppe Boko Haram drohen, ihren Geiseln „die Kehlen durchzuschneiden“.

Verteidigungsminister Le Drian: „Wir diskutieren nicht mit diesen Gruppen.“ In der Vergangenheit waren derartige Beteuerungen nur Fassade. Jetzt deutet einiges darauf hin, dass Frankreich keine Deals mehr anstrebt – obwohl oder gerade weil Frankreich mit 15 Entführungsopfern in Afrika einen Geisel-Rekord verzeichnet.

Der Umschwung kam mit dem Beginn der französischen Militäroperation in Mali.

Zeitgleich gab es einen militärischen Befreiungsversuch eines Franzosen, der in Somalia von der Al-Shabaab-Miliz festgehalten wurde.

Die Geisel starb zwar, aber auch etliche Milizionäre wurden getötet. Der El Kaida in Nordmali riet Verteidigungsminister Le Drian, auf die „Gesundheit ihrer Geiseln zu achten“ – als Lebensversicherung für ihre Führer.

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