Bauernhof in Ruinerwold wird digital erfasst

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Chronik Welt
10/17/2019

Isolierte Familie: Auch bettlägriger Vater festgenommen

Eine ehemalige Nachbarin sprach mit dem KURIER vor Ort, sie will Beweise für drei weitere Kinder haben. Zudem gab es zwei Hausdurchsuchungen in der Nachbargemeinde.

von Johannes Arends, Ida Metzger, Konstantin Auer

Im rätselhaften Fall der isolierten Familie auf einem Bauernhof in den Niederlanden ist nun auch der 67 Jahre alte Vater festgenommen worden. Er werde der Freiheitsberaubung, Misshandlung und Geldwäsche verdächtigt, teilte die Polizei am Donnerstagabend in Assen in der ost-niederländischen Provinz Drenthe mit. Weitere Angaben wurden vorerst nicht gemacht. 

Ein 58-jähriger Mann aus Österreich ist bereits in Haft. Erst wenige Stunden zuvor hatte der Haftrichter den Haftbefehl gegen ihn wegen Freiheitsberaubung bestätigt und die Untersuchungshaft verlängert. Diese kann in den Niederlanden bis zu 110 Tage dauern.

Der Österreicher Josef B. ist der Mieter des Bauernhofes in dem Dorf Ruinerwold, in dem Anfang der Woche der Vater und sechs jetzt erwachsene Kinder entdeckt worden waren. Sie sollen dort neun Jahre lang isoliert von der Außenwelt in einem abschließbaren Raum gehaust haben.

Neue Erkenntnisse

Im Zuge der Ermittlungen zum Fall in der niederländischen Ortschaft Ruinerwold lieferte eine ehemalige Nachbarin gegenüber dem KURIER neue Erkenntnisse. Die Behörden haben außerdem in der rund 15 Kilometer entfernten Ortschaft Zwartsluis zwei Hausdurchsuchungen durchgeführt. 

 

Nachbarin meldet sich zu Wort

Der Fall wird durch Aussagen einer ehemaligen Nachbarin der Familie noch unklarer. Die Frau mit dem Namen Sandra Soer gibt an, bis ins Jahr 2005 Nachbarin der Familie in der niederländischen Kleinstadt Hasselt gewesen zu sein. Schon damals habe Josef B. nebenan gewohnt und ein sehr enges Verhältnis zu der Familie gehabt. "Es gab sogar eine Tür zwischen ihren Häusern, so dass sie nicht durch die Front gehen mussten", so Soer. Das widerspricht Medienberichten, wonach der Österreicher erst vor neun Jahren in die Niederlande gezogen sein soll.

Berichte über weitere Kinder

Nachdem ein 25-jähriger Sohn in einem Café um Hilfe gebeten hatte, wurde bekannt, dass die Familie in den letzten Jahren in einem geschlossenen Raum lebte. Sandra Soer glaubt mit Sicherheit zu wissen, dass er nicht das älteste Kind ist, wie bisher angenommen wurde.

In Hasselt habe Soers Tocher Jo-Ellen nämlich auch einige Male mit einer Tocher der Familie gespielt. "Die Tochter, die mit meiner Tochter gespielt hat, sollte ungefähr 29 Jahre alt sein - und da oben war noch ein weiterer Junge." Sie gehe davon aus, dass diese sich inzwischen von der Familie abgewandt haben.

"Josef hatte Angst vor dem Familienvater"

Sie beschreibt den 58-Jährigen Josef B. als "eine Art Jesusfigur": "Er hatte einen sehr langen Bart und lange Haare." Die Berichte, wonach der Österreicher Dreh- und Angelpunkt der Familie gewesen sein soll, kann Soer aus ihren Beobachtungen in der Vergangenheit nicht bestätigen: "Josef war dem Vater der Familie unterwürfig. Er hatte Angst vor ihm. Was der Vater sagte, musste auch passieren - die Kinder mussten auch zuhören."

Laut den Behörden soll der Vater auch in Ruinewold noch bei der Familie gelebt haben, jedoch bettlägrig gewesen und versorgt worden sein. "Ich denke, die Rollen sind nach dem Herzinfarkt vertauscht worden", sagt die ehemalige Nachbarin. "Dieser Josef hat die Macht über die Familie übernommen".

Zwei Hausdurchsuchungen in Nachbargemeinde

Die niederländische Polizei hat in Zwartsluis, wo die Familie anschließend von 2005 bis 2010 gelebt haben soll, zwei Hausdurchsuchungen durchgeführt. Zudem werden die Räume auf dem Bauernhof in Ruinerwold digital erfasst, "um sich einen vollständigen Überblick zu verschaffen".

"Die forensische Ermittlungsabteilung wird dabei von Kollegen der Nationalen Einheit unterstützt", hieß es vonseiten der Behörde in der Provinz Drenthe, die Untersuchung der Räume wurde am Donnerstag fortgesetzt. Zu den beiden Hausdurchsuchungen in Zwartsluis wollte die Exekutive vorerst keine weiteren Informationen veröffentlichen, hieß es auf deren Twitter-Account.

Die niederländische Regionalzeitung "De Stentor" berichtete, dass die Hausdurchsuchungen am Mittwochnachmittag stattgefunden haben. Eine fand in einem Gebäude, in dem bis vor zehn Jahren ein Spielwarengeschäft untergebracht gewesen war. Das Geschäft wurde demnach von dem inzwischen bettlägerigen Vater der Familie in Ruinerwold betrieben.

Das Gebäude soll schon länger zum Verkauf stehen, Mieter seien der besagte Vater und der 58-jährige Österreicher Josef B., der am Mittwoch wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung festgenommen worden war. Über zweite Hausdurchsuchung, von der die Polizei in Drenthe berichtete, war indes weniger bekannt. Es seien mehrere Ordner sichergestellt worden, hieß es lediglich.

Nach dem bisherigen Wissenstand hat sich Josef B. vor neun Jahren in den Niederlanden niedergelassen. Wie er die Familie kennengelernt hat und warum die Kinder und der Vater in dem von ihm angemieteten Gebäude wohnten, ist unklar. Der Österreicher selbst dürfte nämlich nicht dort gelebt haben. Nach Angaben der deutschen Nachrichtenagentur dpa kam er nur regelmäßig vorbei und hat Reparaturarbeiten erledigt.

Die Mutter dürfte bereits 2004 gestorben sein, seitdem kümmerten sich die Kinder auch um den Vater, der zuletzt bettlägerig war. Am Montag ging schließlich der älteste Sohn in ein Lokal und berichtete dem Wirten, dass er weggelaufen sei, Hilfe brauche und nicht mehr nach Hause könne. Der 25-Jährige habe auch geschildert, dass er neun Jahre lang nicht mehr draußen gewesen sei. Daraufhin hatte der Gastwirt die Polizei eingeschaltet. Er beschrieb den jungen Mann als "sehr verwirrt", er habe außerdem auf eine kindliche Weise gesprochen.