Der Bauernhof im niederländischen Ruinerwold.

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Chronik Welt
10/17/2019

Der mysteriöse Josef B.: Vom Geschäftspartner zum Tyrannen

Nach dem Tod der Mutter übernahm der Österreicher die Kontrolle über die niederländische Familie, die jahrelang von der Außenwelt abgekapselt lebte.

von Konstantin Auer, Ida Metzger

Ein kleines einstöckiges Backstein-Reihenhaus reiht sich in der Nebengasse an das nächste. Nur 25 Minuten Autofahrt vom Bauernhof in Ruinerwold entfernt soll hier in der niederländischen Kleinstadt Hasselt die Tragödie ihren Lauf genommen haben. Auf der Adresse De Weerd 16 lebte Familienvater Gerrit D. mit seiner wachsenden Kinderschar schon seit Jahren, als 2001 Josef B. sich im Nebenhaus, Nummer 18, einmietete.

„Die Mutter war ständig schwanger und die Familie lebte sehr zurückgezogen“, erzählt die Nachbarin Sandra Soer dem KURIER.

In der Siedlung lebte auch der Österreicher Josef B., der laut der Nachbarin langes blondes Haar trug und mittelgroß war, auf rund 80 Quadratmeter samt kleinem Garten. Eine typische Vorstadt-Idylle. Die Häuser wirken nüchtern und eines gleicht architektonisch bis ins kleinste Detail dem anderen. Gleich neben den Häusern verläuft ein Wasserkanal, eingesäumt von mächtigen Trauerweiden. Hier geht die ehemalige Nachbarin von Josef B. und der Opfer-Familie häufig mit ihrem Hund spazieren.

 

 

Drei weitere Töchter

„Geheimnisvoll“ nennen jene Anrainer, die schon seit vielen Jahrzehnten hier leben, die Familie.

Der Vater trug ebenfalls wie Josef B. langes Haar und einen auffälligen Vollbart. Keiner in der Siedlung wusste so recht, ob die Kinder zu Schule gingen oder nicht.

Und dann erzählt Sandra Soer, dass zu dieser Familie eigentlich neun Kinder gehörten. „Als ich hörte, dass der älteste Sohn 25 Jahre alt sei, wusste ich: Das kann nicht stimmen. Es gab noch drei ältere Töchter, die zwischen 25 und 30 Jahre alt sind. Die spielten auch mit meiner Tochter.“ Wo sich diese Töchter aufhalten, ist nicht bekannt.

Abgedichteter Raum

Bisher ging man von sechs Kindern im Alter von 18 bis 25 Jahren und dem bettlägerigen Vater aus. Sie wurden am Dienstag auf dem Bauernhof von der Polizei befreit. Die Familie hatte komplett isoliert in einem kleinen, abgedichteten Raum, der laut Polizei aber sauber gewesen sein soll, gelebt.

Der Verdächtige Josef B. kam jeden Tag auf den Hof, lebte dort aber nicht, berichtete eine Nachbarin dem KURIER. Über ihn wurde am Donnerstag die U-Haft verhängt.

Aber zurück in die Siedlung, wo der Horror begann: Schnell soll sich zwischen der Familie und Josef B. eine Freundschaft entwickelt haben. „Im Garten wurde eine Verbindungstür installiert, damit man jederzeit von einem Grundstück auf das andere gelangen konnte“, sagt Sandra Soer. Mit Josef B. selbst habe sie aber kaum ein Wort gewechselt. Er war sehr verschlossen.

 

Aber wie gewann der Österreicher dann das Vertrauen des Familienvaters?

Bis 2008 betrieb der Vater einen Spielwaren- und Holzhandel. Dieses Geschäft und ein weiterer Betrieb wurden am Mittwoch von den niederländischen Behörden durchsucht.

Über den Holzhandel könnte der zunächst geschäftliche Kontakt zum verdächtigen Österreicher geknüpft worden sein, denn dieser hatte in der wenige Kilometer entfernten Stadt Meppel eine Firma, die ebenfalls auf Holz spezialisiert ist. Josef B. arbeitete als Tischler und verkaufte in den Niederlanden unter anderem auch Holzspielzeug, Holzspäne und Kleinmöbel auf diversen Märkten.

Die Mutter starb

Als die Mutter der Kinder an Krebs erkrankte und 2004 verstarb, wurde der Kontakt immer enger. In dieser Lebenskrise soll Josef B. dann dem Vater mit den insgesamt neun Kindern unter die Arme gegriffen haben – und, glaubt man den Erzählungen, auch die Kontrolle übernommen haben. Wenige Jahre später seien dann Josef B. und die isolierte lebende Familie zeitgleich aus den schmucklosen Reihenhäusern ausgezogen.

Ob die Familie einer Sekte angehörte, traut sich die Nachbarin nicht zu beantworten. Aber sie waren schon „sehr eigenartig. Das ist allen hier nicht entgangen“.

Leben von Spenden

Niederländische Medien berichten, dass Gerrit D. Mitglied der Vereinigungskirche war, die 1954 vom südkoreanischen Pastor Sun Myung Moon, der sich selbst zum Messias erklärte, gegründet wurde. Gefundenes Geld weist daraufhin, dass sie von Spenden gelebt haben könnten.

Ob die Familie nun am abgeschiedenen Bauernhof in Ruinerwold auf den Weltuntergang wartete oder ob Josef B. sie gegen ihren Willen als Gefangene hielt, ist nach wie vor unklar.

U-Haft verhängt

Josef B. sitzt wegen Verdunkelungsgefahr  seit gestern in U-Haft. Das Gericht in der  Provinz Noord-Holland hatte diese Entscheidung gefällt, weil der Österreicher im Verdacht  des Freiheitsentzuges steht.  Nun haben die Ermittler 110 Tage Zeit, mehr Licht in diesen Fall mit vielen offenen Fragen zu bringen. Solange kann eine U-Haft in den Niederlanden verhängt werden.

Nach wie vor lehnt Josef B. den Kontakt mit der österreichischen Botschaft ab. Auch auf einen Pflichtverteidiger verzichte er.

Spurensuche

Die Spurensuche läuft auf Hochtouren. Donnerstagfrüh traf ein Konvoi an Forensikspezialisten am Areal ein. Die Räume auf dem Bauernhof in Ruinerwold werden digital erfasst, damit sich die Polizei einen vollständigen Überblick verschaffen kann.

In den vergangenen Jahren soll der Familienvater kaum noch handlungsfähig gewesen sein. Seit einem Herzinfarkt lag er im Bett, gepflegt von seinen Kindern. Trotzdem wurde auch er am Donnerstag Abend festgenommen.