Astronaut Gerst: Warum wir den Mond zum Überleben brauchen
Alexander Gerst ist deutscher ESA-Astronaut und Geophysiker. Der 49-Jährige flog zweimal zur internationalen Raumstation ISS und ist aktuell einer von sechs Kandidaten für den ersten Europäer auf dem Mond. Im KURIER-Interview spricht er über Astronauten-Ängste und warum er den Mond als achten Kontinent sieht.
China und die USA inklusive Europa geben zusammen dreistellige Milliardenbeträge aus, um wieder den Mond zu erreichen. Warum müssen wir nochmal dorthin?
Das ist natürlich eine wichtige Frage. Ich glaube, man kann den Mond vergleichen mit der Antarktis. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Mond unser achter Kontinent ist. Und er ist sogar sehr viel näher als die Antarktis vor 100 Jahren. Also zum Mond kann man innerhalb von drei bis fünf Tagen hinfliegen. Vor 100 Jahren waren die Antarktis-Expeditionen gefährlich, teuer, haben zwei Jahre gedauert. Und es gab Leute, die gesagt haben, warum müssen wir denn dahin, da gibt es ja nur Eis. Am Anfang ist man da hingeflogen, hat eine Flagge aufgestellt, ein bisschen Wissenschaft betrieben und dann ist eine lange Zeit nichts passiert.
So wie jetzt beim Mond auch...
Genau. Irgendwann hat die Welt angefangen, auf die Wissenschaftler zu hören, die die ganze Zeit schon gesagt haben, wir müssen da aus vielen anderen Gründen wieder hin - nicht nur wegen so einer Flagge, sondern weil die Wissenschaft dort sehr wichtig ist. Und so kam es dann auch in dieser zweiten Welle der Exploration in der Antarktis. Da sind Forschungsstationen gebaut worden und wir haben entdeckt, dass die Antarktis ein wichtiges Archiv ist, in dem das Klima der vergangenen Jahrmillionen eingefroren ist. Also sehr, sehr wichtig für unser Selbstverständnis, für unseren Selbstschutz. Und genau so wird das mit dem Mond kommen. Da wird es auch in wenigen Jahrzehnten Forschungsstationen auf der Oberfläche geben, mit Europäerinnen und Europäern, die dort forschen, wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen.
Artemis-Mission zum Mond wird von Europa mitfinanziert
Warum sollten wir das tun?
Um wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, die für uns als Erdenbewohner wichtig sind. Zum Beispiel, was das Risiko von Meteoriteneinschlägen auf der Erde angeht. Wir wissen, dass das ein Risiko ist. Wir haben es jetzt erst vor kurzem gesehen, ein kleiner Meteorit in Deutschland eingeschlagen. 2013 ist Chelyabinsk knapp einer Katastrophe entgangen. Wir haben selbst in Deutschland einen 25 Kilometer großen Meteoritenkrater, das Nördlinger Ries. Das wird wieder passieren in der Zukunft. Und wir wissen aber das Risiko nicht so genau, weil wir das nicht gut erforschen können, weil auf der Erde die ganzen Meteoritenkrater alle überwuchert sind, verdeckt sind durch Erosion.
Auf dem Mond ginge das leichter...
Ja, da können wir ganz viele Meteoritenkrater untersuchen, da können wir das Risiko besser beziffern. Wir können auch anfliegende Brocken besser sehen von dort aus mit dem Teleskop und eventuell ein Abwehrsystem installieren, um die ein bisschen aus der Bahn zu schubsen, damit sie die Erde nicht treffen und eben nicht vielleicht eine ganze Stadt auslöschen. Also in den Krater, den wir da in Süddeutschland haben, da passt ganz Wien rein, komplett. Das kann man sich vorstellen, was da passiert ist. Das ist geologisch gesehen erst gestern passiert. Das heißt, das wird auch wieder passieren. Das ist sehr, sehr sicher. Wir wissen nur nicht genau, wie groß das Risiko ist. Und dafür müssen wir zum Mond fliegen. Dann eine weitere Gefahr, die auf uns einwirken kann von außen, das ist das Weltraumwetter. Das haben wir gesehen. Sonnenstürme, die können so extreme Magnetfeldvariationen des Erdmagnetfeldes erzeugen, dass das in kürzester Zeit Satellitensysteme zerstören kann. Wir wissen aber nicht genau, was ist denn so das schlimmste Ereignis, das da auf uns zukommen kann.
Alexander Gerst ist ein Kandidat für eine künftige Mondlandung
Welche Rolle spielt der Mond dabei?
Diese Intensität des Sonnenwindes, die ist auf den Mond eingefroren, im Mondstaub, interessanterweise. Das heißt, wenn wir da an der richtigen Stelle den Mondstaub analysieren, dann können wir dort auslesen, was denn so von der Sonne auf uns zukommen kann im schlimmsten Fall. Und deswegen ist das so wichtig. Das sind Dinge, die wir irgendwann mal vielleicht als Menschheit zum Überleben brauchen, aber die wir hier auf der Erde nicht rausfinden können. Und das sind jetzt nur zwei. Letztendlich geht es darum, dass wir wichtige Dinge herausfinden müssen, weil wir Menschen, wir sind ein Inselvolk auf diesem kleinen blauen Planeten im Kosmos und wir tun uns gut daran, herauszufinden, was denn so das Meer um uns herum so tut. Der Mond ist da quasi so eine kleine vorgelagerte Insel, von der man aus besser nochmal rausschauen kann in dieses Meer.
Warum wurde dies nicht schon früher erforscht?
Vor 60 Jahren, als die Apollo-Missionen gestartet sind, da waren die technischen Voraussetzungen noch sehr viel schwieriger. Da konnten wir nicht an den Mond-Südpol fliegen zum Beispiel, wo die wirklich interessanten geologischen Gegebenheiten sind. Da ist auch Wasser zum Beispiel in Kratern eingefroren, die nie das Sonnenlicht sehen. Und da denken die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass man da vielleicht Spuren von frühesten Bausteinen des Lebens finden kann, um die Frage zu beantworten, wie überhaupt das Leben auf die Erde gekommen ist. Das wissen wir alles ja noch gar nicht. Und dafür müssen wir zum Mond fliegen.
Dafür fliegen China und die USA dorthin?
Bei denen geht es natürlich auch darum, dass die sich so ein Wettrennen liefern. Das ist so. Aber die Hintergründe, die sind trotzdem solide. Und wir in Europa, wir können uns jetzt aussuchen, ob wir da dabei sind oder nicht. Im Moment sind wir dabei, wir haben da gut investiert. Und wir wollen bei dieser Entdeckung dabei sein, einfach weil das eine wichtige Rolle spielen wird.
Der Mond wird auch ein wichtiger Wirtschaftsraum sein in der Zukunft...
...und wenn wir die Gelegenheit auslassen, dann sind wir einfach nicht dabei in der Zukunft. Und das wäre schlecht für uns. Für die Technologie, die Wissenschaft in Europa. Und deswegen sind wir da dabei. Und da muss man auch noch dazu sagen, wir geben das Geld ja nicht auf den Mond aus, sondern das ist sehr gut investiertes Geld. Wir haben ganz viele Firmen, Unternehmen in Europa, die in der Raumfahrt eine Rolle spielen. Und die Raumfahrt ist ein wichtiger, zentraler Pfeiler einer jeden modernen Gesellschaft. Und da tun wir gut dran, wenn wir das auch selbst können, wenn wir unseren Unternehmen die Möglichkeit geben, diese Technologien selbst zu entwickeln, um dann eben auch unsere eigenen europäischen Prioritäten durchsetzen zu können.
Die Europäer wollen oder sollen bei drei Artemis-Missionen an Bord sein...
Genau, das ist so im Prinzip der grobe Plan. Da muss sich Europa jetzt natürlich gut aufstellen, um damit auch nicht nur bei den ersten paar Missionen eine Rolle zu spielen. Da ist es so, dass wir das Raumschiff halb bauen, also das Orion-Raumschiff, das jetzt wieder Menschen zum Mond tragen wird, auch nächste Woche schon. Wir werden in einem Raumschiff fliegen, das zur Hälfte in Europa gebaut ist, mit dem europäischen Service-Modul. Dadurch haben wir uns natürlich schon einen wichtigen Anteil dieser Mission erarbeitet. So können wir vielleicht auch selbst Astronautinnen und Astronauten schicken.
Wie zum Beispiel Sie.
Ja, vielleicht kann ich selbst, wenn ich Glück habe, mitfliegen. Aber es ist natürlich wichtig, dass wir auch zukünftig Dinge beitragen bei diesem Programm. Das geht ja weiter und wenn wir da weiterhin eine Rolle spielen wollen, dann müssen wir natürlich auch mit dranbleiben. Das heißt, wir müssen uns jetzt überlegen, was können wir beitragen für die Mondoberfläche, um bei diesen Forschungsstationen auch eine Rolle zu spielen.
Ja, aber vorerst wird sozusagen der Mond ein Testlabor für Langzeitaufenthalte im All.
Das auch. Das ist ein Seitenzweck. Das ist auch mit wichtig. Aber letztendlich die wichtigen Punkte, die habe ich vorhin schon skizziert. Wir müssen den erforschen, weil er da ist. Das kann man einfach so schreiben. Der Mond ist wichtig, weil er da ist. Und deswegen müssen wir ihn verstehen, um Gefahren von draußen zu verstehen, um grundsätzliche Wissenschaft zu machen, um zu verstehen, wie das Leben vielleicht auf die Erde kam. Also alles wichtige, interessante Fragen. Aber nebenbei liefert er uns natürlich auch noch die Möglichkeit, genau wie Sie es gerade gesagt haben, auch zu testen, wie es ist, länger im Weltraum zu leben, nicht nur auf der internationalen Raumstation, sondern eben auch auf einer planetaren Oberfläche wie dem Mond, um dann zu lernen, wie wir noch weiter rausfliegen können dann zum Mars.
In der Raumfahrt ist doch die Strahlung immer ein Problem, oder?
Ja, natürlich. Das ist eine Sache, die man auf dem Radar haben muss.
Wie ist die auf dem Mond?
Die ist natürlich stärker als auf der Erde, auch höher als in der Erdumlaufbahn, weil die ISS zum Beispiel noch von dem Magnetgürtel der Erde geschützt wird. Auf dem Mond ist das noch ein bisschen ungeschützter. Das heißt, da müssen wir uns natürlich auch der Oberfläche schützen, dadurch, dass wir zum Beispiel den Mondstaub verwenden, um die Mondstation zu bedecken, damit die nicht die ganze Zeit in der Strahlung ist. Das ist erstmal bei so kurzen Missionen kein Problem, aber wenn man länger dort bleiben würde, da muss man sich was einfallen lassen. Das ist aber das Gute daran, dass wir dafür auch den Mondstaub haben und der ist an sich eine sehr gute Strahlungsabschirmung.
Gut, die Dauer der Reise ist drei bis fünf Tage. Wie lang soll der Aufenthalt sein?
Man fängt natürlich erstmal klein an. Jetzt erstmal die nächste Mission, Artemis-2, das ist eine Testmission. Da schaut man erstmal, schafft man es überhaupt zum Mond und drumherum. Da gibt es viel zu testen. Das heißt, man landet noch nicht drauf. Dann bei der nächsten Mission Artemis-3, die wird wahrscheinlich nochmal in Erdorbit stattfinden. Da schaut man dann, das ist auch eine Testmission, ob man die Landefähre mit dem Orion-Raumschiff koppeln kann. Und bei Artemis-4 will man dann wieder landen. Das wird wahrscheinlich erstmal nur ein paar Tage sein, so ein bisschen wie bei Apollo, damit man die Systeme testen kann. Und dann peu à peu, wenn alles klappt.
Wenn wirklich alles gut hinhaut...
Es wird natürlich nie alles klappen, aber man wird Sachen verbessern von Mission zu Mission und auch die Zeit verlängern, die man auf dem Mond verbringt. Und letztendlich ist das Ziel am Schluss, dass wir eine permanent besetzte Mondstation haben, wie in der Antarktis auch. Dass wir da Forscherinnen und Forscher, vielleicht auch aus Österreich, da hinfliegen und dass die dort wichtige Erkenntnisse gewinnen können.
Gut, aber Sie gelten ja als heißer Kandidat, dass Sie mitfliegen bei den Artemis-Missionen. Ist das richtig?
Ja, genau. Also im Moment gibt es von den jetzigen Astronauten im Astronautenkorps sechs von uns, die die Qualifikationen haben. Das sind die, die schon mal eine Mission auf der Raumstation durchgeführt haben und Erfahrung haben im Orbit. Die würden dann da in Frage kommen. Aber natürlich, das geht ja weiter, das Programm. In Zukunft gibt es noch viele weitere Missionen, die zum Mond fliegen. Und da brauchen wir natürlich auch neue Astronautinnen und Astronauten. Österreich hat ja die Carmen Possnig zum Beispiel, die jetzt gerade in der Reserve ist und die vollkommen qualifiziert ist, um in den Erdorbit zu fliegen. Das heißt, wenn Österreich eine Mission unterstützen möchte, dann haben sie eine erstklassige Kandidatin, die bei uns hier auch schon im Haus ist und trainiert. Gerade jetzt. Sie findet sich gerade nur ein paar Büros weiter von mir. Und das ist natürlich dann auch eine Möglichkeit für zukünftige Beteiligungen. Also das heißt, es geht jetzt nicht nur darum, dass jetzt ich da hinfliege und meine Kollegen, sondern dieses Atemis-Programm wird hoffentlich sehr viel länger dauern als unsere Karriere. Aktuell sind mein Kollege Matthias Maurer mit dabei, die Samantha Cristoforetti, der Luca Parmitano, der Thomas Pesquet und der Andreas Mogensen.
Jetzt mal eine ganz persönliche Frage: Hat ein Astronaut irgendwann Angst, es könnte etwas schief gehen?
Angst ist eine ganz normale Emotion, die jeder Mensch hat unter den richtigen Bedingungen. Wenn man das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren, dann hat jeder von uns Angst. Und das ist natürlich eine irrationale Emotion, die oft auch irrationale Reaktionen triggert. Deswegen will man das vermeiden in der Weltraumfahrt. Und zwar dadurch, dass wir viel trainieren. Alle möglichen Dinge, die schiefgehen können, überlegen wir uns vorher und dann einen Plan B und einen Plan C. Dadurch kann man dann Angst weitgehend vermeiden. Während meiner Mission gab es keinen einzigen Moment, wo ich wirklich Angst hatte. Aber wenn ich mich wirklich in lebensbedrohlichen Situationen befinde und es keinen Ausweg gibt, dann hätte ich genauso Angst wie jeder andere Mensch auch.
Was glauben Sie, wer wird der nächste Mensch auf dem Mond sein? Ein Chinese oder ein Amerikaner?
Da bräuchte ich eine Kristallkugel dafür. Aber der Südpol ist sehr interessant. Da wollen nicht nur die Chinesen hin, sondern auch die Europäer und die Amerikaner, weil es da Gestein gibt, das sehr viel interessanter ist als da, wo die Apollo-Missionen gelandet sind. Die konnten damals aus technischen Gründen nur um den Äquator herum landen. Da gibt es nur Basalt, das ist ein Vulkangestein. Am Südpol gibt es dafür so Hochlandgestein, das sehr viel komplexer ist. Das kommt aus dem Mondinneren, von tiefer drinnen.
Das heißt, man lernt noch mehr über den Mond, wie der überhaupt entstanden ist.
Ja, und dann gibt es dort auch Krater, die den Vorteil haben, dass ihr Kraterrand permanent von der Sonne beschienen wird, weil die Sonne da so flach steht, dass eigentlich nie Nacht ist auf diesen Spitzen des Kraters. Das heißt, da kann man Sonnenenergie praktisch immer gewinnen. Man hat nicht das Problem dieser Mondnacht, die sonst zwei Wochen dauert, an jedem anderen Ort des Mondes. Und da ist Wasser drin gefroren, eben dieses Wasser, von dem ich vorher sprach, wo vielleicht so die Urbausteine des Lebens drin eingefroren sind und das man auch nutzen kann.
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