Immer mehr Österreicher leben in Single-Wohnungen.

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Chronik | Österreich
11/04/2013

Jeder Dritte wohnt bereits allein

Auch die Kinderzahlen pro Familie sind seit 1971 deutlich gesunken.

Die Zeit der Großfamilien ist definitiv vorbei, der Trend geht genau in die gegenteilige Richtung: In den letzten 40 Jahren ist die Zahl der Single-Haushalte in Österreich stark angestiegen. Das geht aus einer nun vorliegenden Analyse der Registerzählung der Statistik Austria 2011 hervor (die Registerzählung ist das Nachfolgeinstrument der Volkszählung, Anm.). Während 1971 noch jeder vierte Privathaushalt (25,6 Prozent) von nur einer Person bewohnt wurde, war es 2011 bereits jeder dritte (36,3).

Mit Stichtag 31. Oktober 2011 lebten in Österreich exakt 8.401.940 Personen (zum Vergleich 1971: 7.491.526). Davon lebte der Großteil (8,27 Mio.) in Privathaushalten, der Rest in Anstalten wie etwa Pflegeheimen. Die durchschnittliche Anzahl der Personen pro Haushalt lag bei 2,27 Personen; 1971 waren es noch 2,88 Personen, wie Statistik Austria-Generaldirektor Konrad Pesendorfer am Montag bei der Präsentation der Daten bekannt gab.

Großstadtphänomen

Der Trend zum Alleine-Wohnen ist vor allem ein Phänomen der Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern: In diesen Städten gibt es mit 46,3 Prozent deutlich mehr Ein-Personen-Haushalte als im Schnitt. Bei der Zählung 1971 lag diese Zahl mit 34,3 Prozent noch erheblich niedriger.

Bei den älteren Menschen sind es vor allem die Frauen, die alleine leben: Männer leben bis zum 82. Lebensjahr zu zwei Drittel in Partnerschaften. Bei den Frauen ist hingegen schon ab dem 73. Lebensjahr mehr als ein Drittel (35,4 Prozent) alleine, nur 49 Prozent leben in Partnerschaften. Erst ab 96 Jahren leben mehr Männer alleine als in einer Partnerschaft, bei Frauen tritt diese Marke bereits mit 77 Jahren ein. Ein kleines Detail am Rande: Der Club der Hunderter ist stark im Wachsen. Zum Stichtag 31.10 2011 lebten in Österreich 1112 Menschen über 100 Jahre. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich diese Zahl verdoppelt.

Kleinfamilie

Zu beobachten ist auch ein Trend zur Kleinfamilie: Die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie ist von 1,99 Kindern auf 1,64 Kinder gesunken. Der Rückgang ist in allen Bundesländern außer Wien zu beobachten: In der Bundeshauptstadt gab es einen Anstieg von 1,53 auf 1,61 Kindern pro Familie. Insgesamt ging die Zahl der Kinder in Familien von 2.615.586 um 10,5 Prozent auf 2.341.743 zurück.

Auffallend ist, dass Kinder immer länger in ihren Familien bleiben. Vor 40 Jahren wohnten nur 29,4 Prozent der 25-jährigen Männer noch im "Hotel Mama", 2011 schon 44,2 Prozent. Und selbst von den 39-jährigen Männern lebte 2011 bereits jeder zehnte daheim (1971: 4,2 Prozent). Auch bei den Frauen stieg die Zahl der "Nesthocker" von 11,6 auf 29,5 Prozent an. Diese Entwicklung lässt sich auch daran ablesen, dass 1971 noch 68,7 Prozent jener Personen, die als Kinder im Elternhaushalt lebten, unter 15 Jahre alt waren. 2011 hingegen waren nur mehr 51,5 Prozent unter dieser Altersmarke.

Als Grund für diesen Trend nannte Pesendorfer vor allem die längeren Ausbildungszeiten. Aber auch die Wirtschaftskrise und die Wohnungsnot lässt Hotel Mama für junge Menschen attraktiv erscheinen (siehe Hintergrundgeschichte unten). Damit lässt sich auch erklären, warum Frauen heutzutage wesentlich später ins Berufsleben einsteigen: Bei Frauen liegt die Erwerbstätigenquote mit 24 Jahren bei 70 Prozent, 1971 standen bereits die 17-jährigen Frauen zu 70 Prozent im Erwerbsleben. Insgesamt beteiligen sich heute aber bei deutliche mehr Frauen am Arbeitsmarkt: So lag die Quote etwa bei den 45-Jährigen Frauen mit 82,1 Prozent deutlich höher als noch 1971 (53,4 Prozent).

Auch der spätere Zeitpunkt der Familiengründungen ist laut Statistik Austria auf die langen Ausbildungszeiten zurückzuführen. Während 1971 die Frauen im Schnitt mit 27 Jahren Kinder bekamen, liegt dieses Alter nun bei 30 Jahren. Für das Jahr 2060 wird laut Prognosen das Alter der Frauen bei Familiengründung auf etwa 33 Jahre ansteigen, so der Generaldirektor.

Registerzählung alle zehn Jahre

Die Registerzählung hat 2006 die Volkszählung abgelöst, 2011 wurde das neue Instrument erstmals angewandt. Die Informationen werden nicht mehr via Fragebogen bei den Bürgern direkt eingeholt, sondern aus den vorliegenden Daten der Verwaltungsregistern wie etwa dem Meldeamt entnommen. Damit habe man eine "neue Epoche eingeleitet", sagte Pesendorfer, der auf eine deutliche Reduzierung der Kosten hinwies. Die Zählung wird alle zehn Jahre durchgeführt, dies sieht auch die Vorgabe durch die EU vor.

„Beziehungen auf Zeit ersetzten die Familien“

Soziologe Otmar Weiß unterrichtet an der Universität Wien und interpretiert für den KURIER – anhand der aktuellen Registererhebung – den sozialen Wandel in Österreich.

KURIER: Kinder bleiben wesentlich länger im Elternhaus. Warum ist das „Hotel Mama“ so beliebt?

Die Ausbildungszeiten werden länger und teurer. Hinzu kommt das teure Leben. Junge und Jüngere können sich das nicht mehr leisten. Das „Hotel Mama“ ist quasi die einzige Chance.

Der Zeitpunkt der Familiengründungen verschiebt sich nach hinten. Frauen werden im Schnitt mit 30 Jahren Mütter. Um drei Jahre später als vor 40 Jahren. Warum?

Diese Entwicklung hängt eng mit der Emanzipation der Frauen zusammen. Wir haben erstmals mehr weibliche als männliche Studenten. Frauen sind mündiger und selbstständiger geworden. Vorerst steht die Karriere im Fokus.

Die Statistik spricht vom Trend zur Kleinfamilie. Wird diese Entwicklung anhalten? Und wenn ja, wie ist dieser Wandel aufzuhalten?

Dieser Trend muss nicht anhalten, und ist auch abzufedern. In Frankreich und in Schweden etwa zeigt die Entwicklung wieder in Richtung Mehrkinderfamilien. Dort aber hat die Politik regulierend eingegriffen.

Mit welchen Maßnahmen?

In Österreich ist das Problem der Kinderbetreuung nicht gelöst. Auch Versäumnisse betreffend Ganztags-Schule fallen uns jetzt auf den Kopf. Bei den angesprochenen Nationen gibt es hier gut funktionierende Angebote. In Österreich funktioniert die Kinderversorgung großteils über die Großeltern. Sie sind die Kinderbetreuung.

Mehr als jeder Dritte lebt bereits alleine. Droht eine Vereinsamung der Gesellschaft?

Die Familie als Institution geht verloren und wird durch Partnerschaften auf Zeit ersetzt. Die Auflösung traditioneller Familienstrukturen, wo mehrere Generationen in engem Kontakt stehen, beschert uns mehr Singlehaushalte. Ein Ergebnis davon ist, dass immer häufiger Menschen alleine sterben.

Singlehaushalte, weniger Kinder, längere Ausbildung: Wird der Generationenvertrag kollabieren?

Es muss in Bildung, Integration und Kinderbetreuung investiert werden. Jeder in unsere Jugend investierte Euro kommt fünffach zurück.

Krise und Wohnungsnot: Junge ziehen später aus

Marie-Christine wohnt in einer Altbauwohnung direkt neben dem Schloss Belvedere. Sie hat ein Schlafzimmer, ein weiß gefliestes Bad und einen begehbaren Kleiderschrank. Die Küche und das mit Holz verkleidete Wohnzimmer teilt sich die 26-jährige Wienerin mit einer Mitbewohnerin. Diese heißt Gabriele, ist Anfang 50 und arbeitet im Marketing. Und sie ist Marie-Christines Mutter.

Fast jeder vierte Österreicher zwischen 25 und 34 Jahren lebt noch bei seinen Eltern. Das besagt eine 2013 veröffentlichte Eurostat-Statistik. Und die Zahlen steigen Jahr für Jahr kontinuierlich - waren es 2008 noch 22,7, sind es nun 23,9 Prozent. Doppelt so viele wie im Nachbarland Deutschland. Bei den 18- bis 24-jährigen Österreichern lebt sogar mehr als die Hälfte noch bei den Eltern.

Klischee vom faulen Nesthocker

Nicht nur Bequemlichkeit hält so viele junge Menschen zu Hause. Oft ist es die schlichte Notwendigkeit. Das Klischee vom faulen “Nesthocker” trifft immer seltener zu. Seit Beginn der Wirtschaftskrise ist die Arbeitslosigkeit bei den Jungen europaweit gestiegen. Hinzu kommt eine prekäre Lage am Wohnungsmarkt.

Marie-Christine ist also kein Einzelfall. So muss auch der 30-jährige Angestellte Marco mit seiner Freundin bei ihren Eltern einziehen, weil das Paar keine leistbare Wohnung in Wien findet. Und der 25-jährige WU-Student Hassan teilt sich trotz unzähliger Nebenjobs mit seinem kleinen Bruder ein Zimmer im elterlichen Heim.

Jugendforscher: Entwicklung alarmierend

Für Matthias Rohrer vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung ist diese Entwicklung wenig überraschend, wie er im KURIER-Gespräch betont. Drei Faktoren seien ausschlaggebend: Familien haben im Schnitt weniger Geld zur Verfügung als noch vor ein paar Jahren, der Berufseinstieg für junge Menschen ist schwieriger und der Wohnraum teurer geworden.

„Selbst mit einem 40-Stunden-Job können sich manche nur schwer Wohnraum leisten“

Tatsächlich sind allein seit Jänner die Mietpreise in Wien um vier Prozent gestiegen. Jugendforscher Rohrer sieht Grund zur Sorge: „Selbst mit einem 40-Stunden-Job können sich manche nur schwer Wohnraum leisten.“ Oftmals bleibt jungen Menschen nur eine Alternative zur eigenen Wohnung: Wohngemeinschaft, Studentenheim oder eben die elterliche Wohnung. Rohrer sieht akuten Handlungsbedarf seitens der Politik: Er fordert mehr Wohnförderung und einen vereinfachten Zugang zu sozialen Wohnungen für junge Menschen. Wichtig seien auch adäquate kleinere Wohnungen für eine Generation mit immer größerem Singleanteil.

Politik greift zu kurz

Wo die Politik zu kurz greift, müssen die Eltern einspringen. Selbst wenn die Kinder Ende 20 sind und eine abgeschlossene Ausbildung haben - und damit eigentlich keine Kinder mehr sind. Dabei ist Österreichs Jugend weit von spanischen oder griechischen Arbeitslosenzahlen entfernt. Dennoch sind es auch hierzulande viele Akademiker, die bei ihren Eltern bleiben. Oft ist es der gewohnte Lebensstandard, der einen Auszug unattraktiv macht. Aber auch der schwierige Jobeinstieg ist ein Faktor. „Eine abgeschlossene Ausbildung ist heute keine Garantie mehr für einen guten Job. Ein Studium hilft auch nicht, eine eigene Wohnung zu finanzieren“, sagt Rohrer.

Auch Marie-Christine ist fertig studierte Betriebswirtin, arbeitet im Anzeigenverkauf. Nach einer eigenen Wohnung hat sie sich dennoch nie umgesehen. Und dabei wird sie zu Hause nicht verwöhnt: Bei Marie-Christine und Mutter Gabriele ist jeder für seinen Bereich verantwortlich, auch ein Teil der Miete wird von der Tochter bezahlt. Sie verreisen zu zweit, gehen auf Partys, kleben gemeinsame Fotos ins immer größer werdende Fotoalbum. „Wir sind ein bisschen wie die Gilmore Girls“, berichten beide einstimmig. Aber nicht nur das hält sie zu Hause. „Ich fühle mich sicherer bei meiner Mutter“, gibt Marie-Christine zu.

Jugend fühlt sich machtlos

Jugendforscher Rohrer kennt dieses Szenario: „Viele fühlen sich gegenüber Unsicherheitsfaktoren wie Krise, Politik und Arbeitslosigkeit machtlos.” Sind junge Menschen heutzutage also ängstlicher? “Die Zukunft wird immer weniger planbar“, erklärt Matthias Rohrer. „Und wenn etwas weniger planbar wird, steigt natürlich auch die Sorge.“

Die Österreicher sind immer länger in Pension

Für heftige Reaktionen hat am Freitag der Ruf von Pensionsexperten nach einer Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters gesorgt. Ein „Eingeständnis des Scheiterns“ konstatierte die Junge Industrie – und forderte, die neue Bundesregierung müsse „die Pensionsreform zur Chefsache machen.“

Die Grünen pochten auf mehr Arbeitsplätze für Ältere. Ganz anders hingegen die Seniorenvertreter: Von einer „durchsichtigen Kampagne der Pensionsexperten“, sprach der SPÖ-Pensionistenverband. Man brauche „keine Pensionsreform, sondern eine Reform der Arbeitswelt“. Und ÖVP-Seniorensprecher Andreas Khol ätzte: „Die apokalyptischen Reiter sind wieder auf dem Weg.“

Die Nerven liegen deshalb blank, weil am 29. Oktober die Pensionskommission tagt. Mit durchschnittlich 58,4 Jahren gehen die Österreicher früher in Pension als politisch erwünscht. Daher sagt ein Mitglied der Kommission zum KURIER: „Wir werden der Bundesregierung vorschlagen, Maßnahmen im Pensionssystem zu treffen.“

Welche, das wird am kommenden Dienstag heftig diskutiert werden. Ein Ergebnis des Berichts sorgt schon im Vorfeld für Aufregung: Trifft die Regierung keine weiteren Maßnahmen, wird das durchschnittliche Pensionsantrittsalter bis zum Jahr 2060 nur um rund 2,5 Jahre auf 61 Jahre steigen. Die schrittweise Erhöhung des Frauenpensionsalters ab 2024 ist da schon eingerechnet.

Länger in Pension

Das könnte große Budgetlöcher aufreißen, denn die Lebenserwartung steigt deutlich schneller. „Alle zehn Jahre steigt die Lebenserwartung für einen neugeborenen Österreicher um drei Jahre“, sagt Christoph Krischanitz, Chef des Versicherungsmathematikers Arithmetica, zum KURIER. Krischanitz gibt ein Beispiel: Ein heute 40-jähriger Mann hat im Durchschnitt noch eine Lebenserwartung von 46,4 Jahren. 2050 wird ein dann 40-Jähriger aber rund fünf Jahre länger leben – und damit bei kaum verändertem Pensionsantrittsalter fünf Jahre länger Pension beziehen.

Budgetloch

Schon 2012 musste der Bund 8,3 Milliarden Euro in das Pensionssystem zuschießen. Die Dynamik ist groß: 2016 werden die Ausgaben um fünf Milliarden höher sein als 2011. Das dicke Budgetloch droht in zehn, 15 Jahren: „Ab 2025 geht die Generation Babyboom in Pension. Dann haben wir einen massiven Abgang im Erwerbsleben in die Pension“, sagt Krischanitz. Diese Schere sei „sehr schwer finanzierbar“. Dann fehlen Milliarden.

Sollen die Pensionen in den nächsten Jahren nicht sinken, raten Experten wie Christopher Prinz von der OECD: Schlupflöcher in die Frühpension schließen, das Antrittsalter erhöhen – und schauen, dass Ältere auf dem Arbeitsmarkt wieder attraktiv sind.