Weißbier ist in Südbayern so etwas wie ein Grundnahrungsmittel

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Chronik Österreich
05/23/2020

Österreich gegen Bayern: Das Ländermatch

Bayern sei genau so schön wie Österreich, meint der bayerische Ministerpräsident. Ist es das tatsächlich?

von Barbara Mader

Sie sind Österreichs wichtigste Feriengäste – doch noch ist die Frage, wo die Deutschen ihren Sommerurlaub verbringen werden, nicht geklärt. Geht es nach Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, dann ist die Sache eindeutig: In Bayern.

Zum (in Bezug auf Verkehr) „klimasensibleren“ Berchtesgaden riet Söder bereits vergangenes Jahr, als das politische Klima zwischen Österreich und seinem nördlichen Nachbarn angesichts der Tiroler Verkehrspolitik recht unterkühlt war. Söder prophezeite damals „langfristige Verwerfungen“. Mit seinem neuerlichen Urlaubsappell legte er nun nach: „Man muss nicht nach Österreich fahren, man kann auch in Bayern Urlaub machen.“

Heikel, denn wirklich gute Freunde waren Bayern und Österreich trotz etlicher Gemeinsamkeiten noch nie.

Die Rivalität wurde im Jahr 1156 bei Regensburg urkundlich besiegelt, als Kaiser Friedrich Barbarossa das Herzogtum Bayern aufspaltete: Einen Teil, die Ostmark, übergab er Heinrich Jasomirgott aus dem Geschlecht der Babenberger, Bayerns Kernland erhielt Heinrich der Löwe. Nicht direkt der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Nestroy und Schnitzler

Wir haben einen Bayern, der in Österreich lebt, sowie einen Österreicher, der Karriere in Bayern gemacht hat, gefragt, was es mit dieser seltsamen Beziehung auf sich hat und wo sie sich wirklich Zuhause fühlen.

„Gar keine so einfache Frage“, sagt Robert Meyer, gebürtiger Bayer und Direktor der Wiener Volksoper. „Aber nach 46 Jahren in Wien und nach unzähligen Vorstellungen von Stücken von Nestroy und Schnitzler bin ich doch ein Wiener geworden. Allerdings, wenn ich in Bayern bin (sehr selten), werde ich wieder ganz Bayer.“

Robert Meyer hat für den KURIER den Versuch unternommen, im Match Österreich-Bayern vergleichbare (und ehrlicherweise auch nicht ganz vergleichbare) Schauplätze, Symbole und Protagonisten zu bewerten. An seiner Seite ein Österreicher, der eine Laufbahn als internationaler Spitzenkoch in Bayern hinlegte: Eckart Witzigmann. „Die gleiche Muttersprache zu benutzen, ist in aller Regel Zeugnis einer grundlegenden Verbundenheit, könnte man meinen, aber die emotionalen Ausschläge dieser These sind häufig beträchtlich. Die inner-britischen Diskussionen zum Thema Brexit sind ein schlagkräftiger Beweis der These, dass man zwar die gleiche Sprache nutzen kann, aber keiner den anderen verstehen will.“

Und wer gewinnt im direkten Vergleich? Was kann Bayern besser als Österreich? Auf jeden Fall Fußball spielen, sind sich Meyer und Witzigmann einig. Und möglicherweise punkten unsere Nachbarn auch mit Großzügigkeit, denn: „Während germanische Ballkicker in Österreich nie so ganz in den Olymp durften, sind die Ballhelden aus Tu-Felix-Austria zu nationalen Helden geworden. Das Goldstück Alaba ist längst Bestandteil der bayrischen Seele, da ist man stolz auf ihn und hat die Einbürgerung praktisch schon vollzogen,“ sagt Witzigmann.

Den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz wird man vermutlich nicht einbürgern, aber immerhin wurde er am Freitag beim Online-Parteitag der CSU zugeschaltet.

Und das sind die Juroren: 

Robert Meyer: Geboren in Bad Reichenhall, Bayern. Studium am Salzburger Mozarteum. 1974 bis 2007 Mitglied des Wiener Burgtheaters, Erfolge auch im Musiktheater u. a. an der Wr. Staatsoper als Frosch („Die Fledermaus“). Seit 2007 ist Meyer Direktor der Wiener Volksoper

Eckart Witzigmann: Geboren in Hohenems, Vorarlberg, lernte er u.a. bei Paul Bocuse und brachte in den 70ern die "Nouvelle Cuisine" zu uns. Als erster Koch im deutschsprachigen Raum erhielt er 3 Michelin-Sterne für die Arbeit in seinem Restaurant "Aubergine" in München. 1994 wurde er "Koch des Jahrhunderts." Witzigmann lebt in München.

Wiener Schnitzel oder Weißwurst  

Die kulinarischen Heiligtümer. Ob Wurst oder Bröselteppich, bei beiden gelten  strenge Regeln: Niemals kalt das eine und niemals mit Sauce das  andere-  Letzteres bedeutet  für uns Österreicher ein wirkliches Sakrileg – aber erzählen Sie das einmal unseren deutschen Nachbarn!

Eckart Witzigmann: Weißwurst zum Frühstück, Schnitzel am Abend. Das Timing zählt!

Robert Meyer:  Schnitzel kann man kalt essen, aber machen Sie das nie mit Weißwurst. Einem Bayern wird in so einem Fall die bayrische Staatsbürgerschaft aberkannt.

Wertung. Unsere Jury schätzt das eine wie das andere. Zwei Punkte  für die Weißwurst, zwei Punkte  für das Wiener Schnitzel.

Großglockner oder Zugspitze

Größenwahn. Die Zugspitze ist mit 2962 Metern Deutschlands höchster Berg, der Großglockner mit einer Höhe von 3798 Metern der höchste Berg Österreichs. Beide Berge sind auch ohne Anstrengung greifbar. Auf die Zugspitze führt eine Seilbahn, zum Glockner eine Straße.

Eckart Witzigmann: Der höchste Berg gewinnt. 

Robert Meyer: Auf keinem der beiden je gewesen und das bleibt auch so.

Wertung. Die Fachjury ist enden wollend begeistert angesichts derartiger Höhendimensionen. Ein Punkt  für den Großglockner

Adlmüller oder Moshammer

Schneider und Gentleman. Rudolph Moshammer besaß eine Boutique auf der Münchner Maximilianstraße und ein exzentrisches Auftreten. Fred Adlmüller besaß einen Salon auf der Wiener Kärntner Straße und als Couturier tatsächlich Weltklasse.

Eckart Witzigmann: Weltberühmt in München und weltberühmt in Wien

Robert Meyer:  Moshammer war ein verrückter, bayrischer Hofnarr,  Adlmüller (geboren in Nürnberg, somit auch Bayer) ein Wiener Sir.

Wertung: Die Punkterichter entschieden eindeutig für den Wiener Couturier, der Münchner Tierfreund und Society-Liebling bekommt einen Freundschaftspunkt.

Schönbrunn oder Neuschwanstein

Die Sehenswürdigkeiten. Schlösser für komplizierte Charaktere: In dem einen hauste der sagenumwobene König Ludwig von Bayern, im anderen seine Großcousine Sisi, seine Schwester im Geiste (die ebenfalls aus Bayern stammte).

Eckart Witzigmann: Sisi in Neuschwanstein, das wäre wohl die Krönung.

Robert Meyer: Ein Zeichen von monarchistischem Größenwahn, das eine wie das andere.

Wertung: Die Begeisterung unserer Juroren angesichts dieser Tourismus-Hotspots scheint sich in Grenzen zu halten. Wir sind gnädig und vergeben je einen Punkt.


 

Kottan oder Monaco Franze

Kultkieberer. Ja, auch der Monaco Franze (Helmut Fischer) war wie Kollege Kottan (Lukas Resetarits) zunächst bei der Polizei – bis ihn sein „Spatzl“ bereits in Folge zwei pensionieren ließ. Was die beiden außerdem verbindet: Der Schmäh ist alt, aber gut. Zum Immerwiedersehen.  

Eckart Witzigmann: Der Kottan-Schmäh ist einfach nicht zu toppen. 

Robert Meyer: Kottan hat die Polizei auf den Arm genommen, Monaco Franze die Schickeria –  und die haben auch noch darüber gelacht.

Wertung. Wir hätten gerne Punktegleichstand gehabt, doch die Jury bevorzugt den Wiener Schmäh.

 

Mozart oder Wagner

Die Genies. Wer Salzburg sagt, muss auch Bayreuth sagen? Richard Wagner war gar kein Bayer, er stammte aus Leipzig, zog später nach Bayreuth. Mozart lebte zwar auch, aber nicht nur in seiner Geburtsstadt Salzburg

Eckart Witzigmann: Der Wolferl regiert die Musikwelt.

Robert Meyer: Ich fühle mich als in Bad Reichenhall Geborener dem Salzburger Nachbarn Mozart doch mehr verbunden.

Wertung. Die Jury bevorzugt  Mozart, zwei Punkte  gehen nach Österreich.  

Kurz oder Söder

Die Politprominenz. Die Gemeinsamkeiten? Beider Zustimmungswerte liegen auf Rekordhöhe, sowohl Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz als auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprechen eine Sprache, die derzeit viele Menschen verstehen.  

Eckart Witzigmann: Brüder im Geiste, Söder ist größer. 

Robert Meyer: Söder im Kleinen Walsertal–  da muss sich niemand um den Sicherheitsabstand Sorgen machen.

Wertung. Die Bewertung der Jury lässt Raum für Fragen. Unentschieden. Je ein Punkt. 

Schweizerhaus gegen Hofbräuhaus

Ohrwurm. Nein, wir werden jetzt keine Schlager über das Münchner Hofbräuhaus zitieren, das erledigt schon der Kollege Witzigmann. Das Schweizerhaus in Wien jedenfalls ist nicht nur für Touristen da. Die jährliche Saisoneröffnung bewegt auch ganz schön viele Einheimische.

Eckart Witzigmann: In München steht ein Hofbräuhaus. Hit bleibt Hit.

Robert Meyer: Hofbräuhaus? Von außen imposant, aber gehen Sie bloß nicht hinein. Schweizerhaus? Gehen Sie auf jeden Fall hinein.

Wertung. Ein Punkt geht an Bayern für die Tradition, die Wiener punkten dafür mit Authentizität. 

Krankl oder Beckenbauer

Die Fußballhelden. Nichts spaltet und nichts eint wohl so sehr wie die Frage nach den  Fußballgöttern. Ganz objektiv: Franz Beckenbauer, Libero, war einmal Weltmeister. Hans  Krankl, Stürmer, nahm dafür mehr Platten auf. Und ja, uns bleibt immer noch Córdoba.

Eckart Witzigmann: Bayern hat die besseren Fußballer, Österreich die besseren Skifahrer.

Robert Meyer:  Der Franz war in meiner Kindheit und Jugend der deutsche Fußballgott. Aber wer war Krankl?

Wertung. Uns mag das Fußballherz brechen, aber die Jury hat eindeutig entschieden: Sieg für Bayern.

Grüner Veltliner oder Weißbier

Durststiller.  Der Grüne Veltliner ist Österreichs wichtigste Weinsorte, das „Weißbier“, Synonym für Weizenbier, gehört in Südbayern zum Grundnahrungsmittel.    

Eckart Witzigmann: Es wird a Wein sein und wir wer´n nimmer sein. 

Robert Meyer: Weißbier kann man herrlich gegen Durst trinken, machen Sie das nicht mit Grünem Veltliner.

Wertung. Der Grüne Veltliner punktet mit doppelter Erwähnung, doch das Weißbier darf keinesfalls leer ausgehen.  

Was wir noch sagen wollten

Gesamtwertung. Zehn Punkte für Bayern, 14 für Österreich. Die Jury hat in diesem – natürlich nicht ganz ernst gemeinten – Wettbewerb ein eindeutiges Wort gesprochen.  Nicht in die Wertung geschafft haben es leider: Neusiedler See gegen Chiemsee, Liptauer gegen Obazda, Prinz Eugen gegen Ludwig II,  Kasperl und Pezi gegen Meister Eder und seinen Pumuckl, Naschmarkt gegen Viktualienmarkt, Prater gegen Englischer Garten, Susi Nicoletti gegen Ruth Drexel sowie Toni Faber gegen Papst Benedikt. Bei aller Konkurrenz muss aber auch das große Gemeinsame erwähnt werden: Die historische Abneigung gegen die Preußen.