Alen R. am Mittwoch vor Gericht

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Steiermark
09/28/2016

Gutachter über Amokfahrer: "Keine Hinweise auf Schizophrenie"

Psychiatrische Gutachter und Psychologin waren am Mittwoch am Wort. Der KURIER berichtete live aus dem Gerichtssaal.

von Elisabeth Holzer

Im Grazer Straflandesgericht sind am Mittwoch beim Prozess um Alen R. zwei divergierende Gutachten erörtert worden. Der mutmaßliche Amokfahrer - angeklagt, im Juni 2015 mit seinem Geländewagen drei Menschen getötet und viele verletzt zu haben - wurde von drei Sachverständigen unterschiedlich eingestuft. Nun müssen allein die Geschworenen über die Zurechnungsfähigkeit entscheiden.

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Drei Wahnideen seien am 20. Juni ausschlaggebend für die rasende Fahrt gewesen, erklärte Müller: Eingebildete Schüsse, Angst vor Verfolgern und das Gefühl, bei der Polizei sicher zu sein. Dies sei ein "absoluter Wahn" und damit eine Geisteskrankheit. Dann fasste er zusammen: "Das Bild erfüllt die internationalen Kriterien für Schizophrenie." Diese Diagnose reiche aber allein nicht aus: "Was die Unzurechnungsfähigkeit begründet, ist der akut dekompensierte Wahn, die akute Psychose", erklärte der Psychiater. R. sei der Überzeugung gewesen: "Ich muss zur Polizei fahren, da bin ich in Sicherheit." Eine beisitzende Richterin wollte wissen, wieso R. gezielt auf Menschen zugefahren sei, wenn er nur flüchten wollte. "Er hat sie als Verfolger gesehen und wollte die Leute für die Polizei festsetzen", lautete die Erklärung Müllers.

Der Sachverständige zeigte sich davon überzeugt, dass Alen R. seine Symptome nicht vorgespielt hat. "Es gibt Dinge, die sind für ihn unkorrigierbar. Er integriert sie in seinen Alltag, das nennt man Wahnarbeit." "Schließen Sie kategorisch aus, dass er lügt?", fragte Richter Andreas Rom den Gutachter. "In den wahnhaften Punkten ja. Er hat ein konsistentes Wahngebäude geboten", führte der Sachverständige aus. Aber er räumte ein: "Ich kann mir gut vorstellen, dass er mehr weiß, als er sagt."

Die Ex-Frau von R. hatte am Vortag angegeben, dass ihr Mann zu Hause eine Cannabiszucht betrieben und täglich das Suchtgift über einen Inhalator konsumiert hatte. "Cannabis-Konsum ist typisch für Schizophrene, um diese unruhigen Zustände zu lindern. Allerdings kann das Cannabis die Psychose auch verstärken", erklärte der Gutachter.

Zurechnungsfähig

Der psychiatrische Gutachter Manfred Walzl befand, dass Alen R. zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war. Es gebe nach seiner Meinung keine Hinweise auf Schizophrenie. "Es liegt eine kombinierte Persönlichkeitsstörung vor, er ist zwanghaft, abhängig, negativistisch, eigensinnig, dissozial." Einen Hinweis auf Schizophrenie habe er hingegen nicht gefunden, betonte Walzl. Anders als bei Schizophrenen, die zeitweise nicht zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden können, wird in diesem Fall "der Wahn als Rechtfertigung der Tat im Nachhinein angegeben." R. weise eine "geistige und seelische Abartigkeit höheren Grades" auf, außerdem eine Störung durch Cannabinoide. Die Ex-Frau des 27-Jährigen hatte den täglichen Cannabiskonsum ihres Mannes am Vortag geschildert.

"Ventil für seine Rachegedanken"

Die Amokfahrt stufte Walzl als "Ventil für seine Rachegedanken" ein. Der 27-Jährige habe einen "Hass und Groll auf die Gesellschaft" empfunden, gleichzeitig trieb ihn der "Wunsch, Berühmtheit durch diese Tat zu erlangen". "Er wollte seine gesellschaftliche Unterlegenheit durch eine extreme Tat wieder herstellen", erklärte Walzl.

Dass die Zurechnungsfähigkeit möglicherweise vermindert war, wollte der Sachverständige nicht ausschließen, "aber sie ist sicher nicht aufgehoben worden". Für den Fall, dass Alen R. als zurechnungsfähig eingestuft und verurteilt wird, sprach sich Walzl zusätzlich für eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher aus.

Der Prozess wird am Donnerstag um 9.00 Uhr fortgesetzt, dann soll es auch eine Entscheidung der Geschworenen geben.

Alen R. hat im Juni 2015 bei einer Amokfahrt durch die Innenstadt drei Menschen getötet und Dutzende zum Teil schwer verletzt. Am Dienstag waren die letzten Zeugen geladen, darunter die Ex-Frau des Betroffenen. Der Sachverständige Peter Hofmann stufte den Verdächtigen am Montag als "nicht zurechnungsfähig" ein. Bereits vergangene Woche schilderten zahlreiche Zeugen die Fahrt und belasteten den 27-Jährigen schwer.

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  • 09/28/2016, 03:38 PM

    Der Prozess wird noch mit dem Gutachten der Psychologin fortgesetzt.. Anita Raiger attestierte im Vorfeld  R. einen IQ von 132 und damit überdurchschnittliche Intelligenz.

    Morgen wird der Prozess fortgesetzt, da soll es dann die Plädoyers und die Entscheidung der Geschworenen geben. 

  • 09/28/2016, 03:33 PM

    Die Stimmung kann immer noch frostiger werden: "Verstehen Sie Parabeln nicht, Frau Verteidigerin?"

    Zur Erinnerung: Am 20. Juni 2015 wurden drei Menschen götet und mehr als Hundert verletzt.

  • 09/28/2016, 03:29 PM

    Die Verteidigerin sagt "die sogenannte Amokfahrt...,"

    Der Gutachter will das so im Protokoll stehen haben: "Bitte zu protokollieren, dass die Frau Verteidigerin von sogenannter Amokfahrt spricht." 

    Die Stimmung zwischen den beiden wird nicht besser.

  • 09/28/2016, 03:25 PM

    Es geht um Cannabis, um Marsmenschen und Tee, den R. getrunken haben will. Die Thematik verzettelt sich in Richtung Geisteskrankenhheiten, die nach Drogenentzug bestehen bleiben würden.

     

  • 09/28/2016, 03:19 PM

    Was er gemeint habe mit der Feststellung, R. habe "sein Ziel erreicht?", fragt die Verteidigerin. "Glauben Sie, er will sein Leben lang im LKH bleiben, weil es so lustig dort ist?"

    Auch nach der Pause scheint das Hickhack zwischen Verteidigung und Gutachter weiter zu gehen.

  • 09/28/2016, 03:17 PM

    Der Prozess geht weiter. Nun geht es wieder um den 20. Juni und nicht den Beruf einer zitierten Expertin.

     

  • 09/28/2016, 03:02 PM

    Der Richter unterbricht für zehn Minuten. 

  • 09/28/2016, 03:02 PM

    Nun geht es um die Medikamente, die R. bekommt . Ob und wann die abgesetzt werden können, sei Sache der behandelnden Ärzte, antwortet Walzl auf Hirschbrichs entsprechende Fragen. 

    Der Ton zwischen  Verteidigerin  und Gutachter bleibt rau: "Sie befinden sich auf dem falschen Dampfer", ätzt Walzl in Richtung Hirschbrich. 

  • 09/28/2016, 02:55 PM

    Es kommt zu einem heftigeren Wortwechsel zwischen Verteidigerin und Gutachter wegen einer Expertin, die Walzl in seiner Expertise zitierte.

    "sie können nicht mal sagen, wie die Frau arbeitet. Das ist super", schnappt die Verteiderin  in Richtung Gutachter. 

    Antwort: "Das recherchiere ich nicht, wo sie arbeitet. Es gibt ihre Literatur."

    Die Verteidigerin kontert, die Dame könnte ja "eine einfache Journalistin" sein. 

     

  • 09/28/2016, 02:51 PM

    Verteidigerin Hirschbrich beginnt, Walzls Ausbildung zu hinterfragen: "Sie waren immer im Schlaflabor?"

    Walzl kontert, dieses Labor sei seine Spezialität und darauf  sei er stolz.

     

  • 09/28/2016, 02:45 PM

    Warum habe  R. am Ende der Amokfahrt bei der Polizeiinspektion gehalten?

    Walzl: "Was ist die Alternative? Erschossen zu werden? Ich glaube nicht, dass er das wollte. Dort war er in Schutz und konnte alles noch einmal erleben." Das sei das "game over seiner Handlungsweise" gewesen.

  • 09/28/2016, 02:42 PM

    Gibt es Beispiele, das Amokfahrer später behaupten, sich nicht mehr erinnern zu können?

    Walzl: "Wir haben keine Möglichkeiten, um Erinnerungsvermögen zu erfassen."

  • 09/28/2016, 02:39 PM

    "Ich gehe davon aus, das R. wusste, was er tat. Dass er die Tat wollte. Einen konkreten Auslöser hat es dazu nicht gebraucht. Der Wahn stellt die Rechtfertigung dar",  fasst Walzl erneut zusammen.

  • 09/28/2016, 02:36 PM

    R. habe ihm gesagt, er sei nicht verhandlungsfähig, weil "er so schüchtern sei, zu sagen, dass er Rückenschmerzen habe", berichtet Walzl.

    R. erklärt im Gericht:  "Es ist mir unangenehm, dass der Prozess dann wegen mir Pausen hätte."

    Richter Rom verweist darauf, dass der ganze Prozess sowieso nur wegen ihm stattfinde. "Da kommt es auf Pausen nicht mehr an."

  • 09/28/2016, 02:32 PM

    Ein Geschworener hinterfragt die Aussagen anderer Psychiater, R.s Medikation. "Wie passt das alles? Haben hier viele Leute Symptome nicht gesehen?"

    Walzl sagt, prinzipiell sei R. ein Jahr lang nicht mit Medikamenten  behandelt worden. "Da hat er Veränderungen gezeigt, die aber keine große Relevanz hatten. Jetzt wird er wieder behandelt. Aber was ich den Angaben der Ärzte entnehme, ist, dass sich auch dadurch nicht viel geändert hat."

  • 09/28/2016, 02:27 PM

    Der Psychiater präzisiert, dass R. an einer schweren Geistesstörung leide. "Die Zurechnungsfähigkeit war etwas vermindert, aber sicher nicht aufgehoben."

  • 09/28/2016, 02:22 PM

    Alen R. wird daruf hingewiesen, dass es aufgrund dieses Gutachten auch zu Schuldspruch kommen könnte.

    R.:"Ich wollte niemanden absichtlich überfahren. Ich bin unschuldig. Ich kann nichts dafür." Eine Strafe habe er nicht verdient. "Das war nicht absichtlich."

  • 09/28/2016, 02:20 PM

    Zusammenfassend merkt Walzl an:

    "Er hat an Krankheit gelitten. Aber aus meiner Sicht hat Zurechnungsfähigkeit bestanden. Bei ihm liegt eine große Gefährlichkeit vor."

  • 09/28/2016, 02:19 PM

    Fazit:

    "Die Tat entstand durch hohe Gekränkheit, aber er war diskretions- und dispositionsfähig", schließt Walzl. Will heißen: R. sei zurechnungsfähig gewesen.

  • 09/28/2016, 02:17 PM

    Walzl geht auf die gegenteiligen Gutachten ein. "Jeder Gutachter hat eine Meinung. Ich habe meine gebildet." 

    R. war "auf der Suche nach einem Ventil für Rache und Hassgefühle. Die Tat lässt sich als direkte Botschaft für die verhasste Gesellschaft sehen."

    Ein Auto als Waffe sei die zweithäufigste Waffe bei Amokläufen (an erster Stelle seien Messer).

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