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Chronik Österreich
11/23/2019

Krieg der Sternderln

Die einen freuen sich über weihnachtlichen Lichterglanz und nehmen dafür horrende Stromrechnungen in Kauf, die anderen wollen den Sternenhimmel und ihren Schlaf zurück. Eine Geschichte über die Rettung der Finsternis.

von Valerie Krb, Barbara Mader

Wenn es Nacht wird über Sulzriegel, dann leuchten über dem Einfamilienhaus der Gollnhubers mehr als eine halbe Million Lichter. Darunter auch Dosko, eine aufblasbare, von innen beleuchtete Weihnachtsfigur, gewidmet dem burgenländischen Landeshauptmann. Sabine Gollnhuber huldigt ihm im Garten ihres Hauses und er selbst hat die Attraktion von Sulzriegel nahe Bad Tatzmannsdorf selbstverständlich auch persönlich besucht. 

Die Politik ist oft zu Gast in Familie Gollnhubers Weihnachtswunderland. Und mit ihr nicht nur das halbe Burgenland, sondern Neugierige aus der ganzen Welt, die Elfen, Rentiere und andere von innen beleuchtete aufblasbare Plastikfiguren sehen wollen.

Natürlich gebe es auch Skeptiker, die von Lichtverschmutzung reden, räumt sie ein. Aber von Amtswegen sei der Familie bescheinigt worden, dass ihr Wunderland nicht gesundheitsschädlich ist.

„Wir sind vom Wiener Lichtlabor mit Lichtkameras auf Herz und Nieren getestet worden und haben die Lizenz zum Aufrüsten bekommen. Wir sind nicht gesundheitsschädlich und schalten spätestens um zehn Uhr das Licht ab. Das hat mich beruhigt, denn ich möchte niemandem das Leben schwermachen.“

Die Familie lässt sich das einiges kosten. Zum Beispiel 2.000 Euro allein für die Stromrechnung. „Dafür rauchen und trinken wir nicht, und zum Geburtstag schenken wir einander neue Weihnachtsbeleuchtung,“ erklärt Weihnachtsenthusiastin Sabine Gollnhuber.

Weihnachtsvorbereitungen seit August

Die Vorbereitungen für das Weihnachtsdorf beginnen jedes Jahr schon in der ersten Augustwoche. „Mein Mann und ich arbeiten täglich sechs bis acht Stunden dafür. Zuerst müssen die Bäume geschnitten werden, damit die Lichterketten montiert werden können. Wichtig ist, genau zu berechnen, wie viel Watt jeder Bereich braucht. Wir bekommen ja leider Gottes nicht unendlich viel Strom. Wir haben schon einen Kabelbrand gehabt.“

Trotz aller Kosten und Mühen: Für Sabine Gollnhuber, eine ausgesprochen fröhliche Person, die Weihnachtspullover und Weihnachtsohrringe trägt, lohnt sich die Investition: „Mir tut das im Herzen gut und macht anderen Freude.“ Abgesehen vom Parkplatzproblem durch die vielen Besucher haben auch die Nachbarn Freude mit der Festbeleuchtung, sagt die 52-Jährige.

Leute, die ihr Tun für zumindest ungewöhnlich halten, gebe es natürlich dennoch. „Ich glaube ja auch, dass ich ein bisserl spinne. Man muss ja  einen Vogel haben, wenn man sich so etwas antut. Manchmal denk’ ich mir, ich kann nicht mehr. Und im nächsten Frühjahr bestelle ich wieder neue Figuren.“

Schauplatzwechsel in die Wiener Innenstadt. Eine Million Lichtpunkte sollen die Menschen hier in Festtagsstimmung bringen, dazu Adventlieder und Weihnachtsmützen, Bürgermeister und Wirtschaftskammerpräsident. Anfang Advent haben Michael Ludwig und Walter Ruck gemeinsam jenen Knopf gedrückt, der die innerstädtischen Einkaufsstraßen mit einer Million Lämpchen in einen Lichtteppich hüllt.

Stadt und Kaufleute greifen für die imposanten Lichtspiele tief in die Tasche. Im „Goldenen Quartier“ beim Graben werden außerdem  280.000 Euro von „namhaften Unterstützern“ zur Verfügung gestellt, frohlockt Werner Schüller, Obmann der Kaufleutevereinigung.

"Es ist eine Kapitulation"

So festlich manch einer das weihnachtliche Lichtspektakel finden mag, Günther Wuchterl fühlt sich dadurch in seiner Arbeit behindert. Wuchterl ist Astronom und leitet die Kuffner-Sternwarte in Wien-Ottakring. „Die Weihnachtsbeleuchtung im Vordergrund hat es schwierig gemacht, daran vorbei in den Himmel zu schauen“, sagt er. Er versuche es zur Weihnachtszeit nicht einmal mehr. Eine „Kapitulation vor den künstlichen Sternderln“ nennt er das.

Die Weihnachtsbeleuchtung sei aber nur ein Randproblem. Die wirkliche Herausforderung ist die Wiener Lichtglocke. Die sogenannte Lichtverschmutzung – also die völlige Abwesenheit von Dunkelheit – verschlimmert sich in Wien jährlich um sechs Prozent. Gemeinsam mit der Universität Wien hat Wuchterl das Licht in der Großstadt vermessen. Öffentliche Beleuchtung, Geschäftsbeleuchtungen und Anstrahlungen sind je zu einem Drittel für die Lichterflut über Wien verantwortlich.

Die Lichtglocke ist, wie in so gut wie allen Großstädten der Welt, mittlerweile so angewachsen, dass Sternderlschauen kaum mehr möglich ist. „Mit dem Kleinen Wagen hat’s begonnen, der hat zwei Räder verloren, und die Deichsel sieht man auch nicht mehr. Chancenlos sind auch die Fische, die hab’ ich in Wien nie geschafft. Auch Krebs und Waage sind ein Desaster, und beim Schützen brauchen Sie Fantasie“, klagt Wuchterl

Am durchschnittlichen Sternenhimmel in Österreich sind nur noch zehn Prozent der Sterne zu sehen, die in dünn besiedelten Gebieten wie etwa den Zentralalpen beobachtbar sind. Nur zwischen Mariazell und Tamsweg, vom Dachstein bis in die Nockberge und im westlichen Waldviertel ist die Sternenwelt noch in Ordnung.

Astronomen flüchten schon lange aus den Städten. In die Wüste, in die Berge oder auf Inseln. Milchstraße, Sternschnuppen und Kometen kann man nur noch abseits der Ballungszentren erleben. In Großmugl etwa, das zwar in der Nähe von Wien, aber geschützt in einer Senke liegt, umgeben vom Ernstbrunner Wald und dem Bisamberg, und somit abgeschirmt vom Licht der Großstadt. „Hier ist der Himmel noch halbwegs intakt“, sagt Astronom Wuchterl. Die Gemeinde in Niederösterreich hat sich bereits 2010 zur Sternenlichtoase mit UNESCO-Prädikat erklärt.

Die ungestörte Dunkelheit hat sich mittlerweile sogar zu einer touristischen Vermarktungsstrategie entwickelt. Neuseeland etwa will 17 Plätze als UNESCO-Sternenlicht-Reservate zertifizieren lassen.

Wo Dunkelheit vermarktet wird

Man spricht davon, eine „Dark Sky Nation“ werden zu wollen. Und auch in einigen US-Nationalparks wird die Dunkelheit vermarktet. Ähnliche Bestrebungen gibt es in Japan und Indonesien – es scheint, als sei der globale Sternlicht-Hype ausgebrochen. Möglich gemacht hat dies die Deklaration von La Palma, in der die UNESCO 2007 ein „Recht auf Sternlicht“ ausgesprochen hat. In Österreich sei dieser Trend leider noch lange nicht angekommen, sagt Astronom Wuchterl

"Keine anderen Probleme?" 

Die Lichtverschmutzung setzt nicht nur der Himmelsforschung zu. Ärzte warnen vor Auswirkungen auf die Gesundheit. Unter anderem werde durch das Mehr an Licht der Melatoninspiegel, also das Schlafhormon, massiv aus dem Gleichgewicht gebracht, berichtet der Sozialmediziner Götz Nordmeyer von der Initiative Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt.

„Nach Beendigung des Lichtreizes dauert es bis zu zwei Stunden, bis der Melatoninspiegel wieder auf dem natürlichen Niveau ankommt.“ Mittlerweile sprechen Mediziner sogar von „Lichtstress“, da künstliches Licht die Stresshormone in die Höhe treibe.  

„Durch die technischen Möglichkeiten wird es überall in den Städten heller“, sagt auch Wilfried Doppler von der Wiener Umweltanwaltschaft. Erste Probebeleuchtung mit elektrischem Licht gab es 1882 am Graben, 1926 wurde die erste Ampel in Wien an der Opernkreuzung eröffnet, und spätestens seit damals wird über Straßenbeleuchtung, insbesondere über die Lichtfarbe, diskutiert.

Die LED-Technik, auf die Wien seit Jahren schrittweise umstellt, hat viel verändert. Denn die Wahrnehmung ist anders als jene konventioneller Leuchten. Das Licht wirkt intensiver, und auch der Blauanteil der Wiener Straßenbeleuchtung soll höher sein, was für Kritik sorgt. „Auch die alten Lampen hatten einen Blauanteil, aber bei den neuen ist er stärker“, glaubt Astronom Wuchterl. Bestätigen werde das niemand, er vermutet Effizienzgründe dahinter. Immerhin aber strahlen die neuen Straßenlampen nur nach unten und sind daher von oben kaum zu sehen. Außerdem wird in Wien, wie auch bereits international üblich, aus Energiespargründen nachts in mehreren Stufen hinuntergedimmt. Das Problembewusstsein wächst langsam.

Der Kampf gegen die Lichtverschmutzung habe hierzulande zunächst kaum Echo gefunden, berichtet Umweltanwalt Doppler: „Man hat uns gefragt, ob wir keine anderen Probleme hätten. Erst nach und nach ist man draufgekommen, was das für unsere Umwelt bedeutet.“

Doppler betont aber auch: „Für Menschen sind das eigentliche Problem die Handys, die Bildschirme, die Fernseher. Und die Blinklichter, die ins Wohnzimmer kommen. Nicht zu unterschätzen sind vor allem die Energieverschwendung und das Ausmaß, in dem Tiere und Pflanzen in ihren Lebensräumen gestört werden.“

Seitensprung im Kunstlicht

Denn künstliches Licht beeinflusst Orientierung und Aktivität der Tierwelt, insbesondere von Insekten. Viele Tierarten verlieren die Orientierung, werden vom Licht angezogen oder weichen diesem aus. Ihr ganzer Lebensrhythmus gerät durcheinander. Mistkäfer zum Beispiel orientieren sich an der Milchstraße, Frösche kommunizieren im künstlichen Licht weniger, Fledermäuse kommen ganz besonders durch rotes LED-Licht außer Tritt, und Zugvögel wissen nicht mehr, wohin – und werden in Strahlern und Scheinwerfern regelrecht gefangen.

Auch die Fortpflanzung von Vögeln wird beeinträchtigt: Männchen einiger Singvogelarten fangen unter Kunstlicht morgens früher an zu singen, Weibchen beginnen früher mit dem Brutgeschäft. Und sogar zu Seitensprüngen kann es kommen: Blaumeisen- Männchen haben unter Kunstlichteinfluss mehr Nachwuchs außerhalb ihrer festen Partnerschaft. 

Forscher haben außerdem beobachtet, dass Stadtkrähen sich bei Kunstlicht besonders stark vermehren, weil sie von Eulen weniger bedroht sind. Auch die physiologische Uhr der Pflanzen wird beeinträchtigt. So kann der Blühtrieb durch Kunstlicht zu früh ausgelöst werden, Pflanzen sind frostgefährdet. „Wir waren mit unserer Sorge der Zeit voraus“, sagt Umweltanwalt Doppler.

„Die LED-Entwicklung hat einen enormen Schub gebracht. Andere Lichtfarben und die einfache Montagemöglichkeit haben bewirkt, dass Licht wirklich zum Thema geworden ist.“ Und er benennt das konkrete Problem: „Das Licht ist zu billig. Mit demselben Energieaufwand wie vorher kann ich wesentlich mehr Licht machen.“ 

Zynische Empfehlung

Kreisende Skybeamer, die durch die Wolken bis in den Himmel strahlen, hunderte grell blinkende LED-Leuchten am Balkon gegenüber oder Werbebeleuchtung, die in die privaten Rückzugsräume der Menschen dringt: Viel dagegen tun kann man von Gesetzes wegen nicht. „Wenn es die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt, haben wir kaum Möglichkeiten, so etwas abzustellen“, sagt Doppler.

„Den Leuten wird dann empfohlen, sie mögen sich blickdichte Vorhänge anschaffen. Das ist zynisch!“ Das Problem: Die Betreiber übertreten keine gesetzlichen Werte. Eingeschritten wird nur, wenn die Sicherheit in Gefahr ist. Dann schlägt die Stunde der Magistratsabteilung 46. Ein Experte der Verkehrsorganisation ist auf den Straßen Wiens unterwegs, um gegen Beeinträchtigungen durch Lichtanlagen vorzugehen. Wird eine Blendung festgestellt, dann schreitet er ein.

Grundlage dafür kann aber immer nur die Straßenverkehrsordnung sein, denn die Kompetenz der MA46 beschränkt sich auf gestörte Verkehrssicherheit durch Blendung und Ablenkung. Ein durch ständiges Flackern oder Blendlicht beeinträchtigter Nachbar muss sich – wie erwähnt – blickdichte Vorhänge kaufen.

Bei öffentlichen Gebäuden in Wien ist zumindest um Mitternacht Schluss mit Licht. Einzig der Stephansdom leuchtet die ganze Nacht. „Die Problemkinder sind Geschäftsbeleuchtungen“, sagt Doppler. Manche Länder haben sich gesetzlich gegen Lichtverschmutzung gewappnet: In Slowenien gibt es Grenzwerte bei der Beleuchtung von Gewerbeflächen, Fassaden, Kulturdenkmälern und Werbeobjekten. Skybeamer sind überhaupt verboten. Und in Frankreichs Geschäften bleibt aufgrund einer Energiesparverordnung seit 1. Juli 2013 nachts das Licht aus. Auch Bayern hat ähnliche Regelungen. 

In Floridsdorf haben sich die  Amseln noch nicht zu Thomas Grammelhofers großzügiger Weihnachtsbeleuchtung geäußert, die Nachbarn sehr wohl. „Sie freuen sich schon lange vorher auf unsere neuen Anschaffungen.“ Jahr für Jahr erfüllt sich der gelernte Elektriker einen Kindheitstraum, indem er Haus und Garten in ein illuminiertes Weihnachtsdorf verwandelt. „Weihnachten war bei uns daheim nicht so spannend. Der Baum war  ein Besen“, erzählt Grammelhofer von seiner Kindheit. Damals habe er sich entschieden, es eines Tages anders zu machen.

Seit 2006 tobt sich der Wiener jeden Winter mit Lichterketten und sprechenden Weihnachtsmännern aus. Die Masse an Beleuchtungsmitteln ist mittlerweile derart angewachsen, dass er für die Lagerung einen Container benötigt. Gestört fühle sich, versichert Grammelhofer, niemand. 

Die Frage, wie sich das  Lichtermeer auf seine Stromrechnung auswirkt, beantwortet er elegant: „Sie ist nicht höher als jene der Nachbarn.“ Diese haben allerdings  Sauna und einen beheizten Pool.

Abgesehen vom Weihnachtsspektakel: Umweltanwälte und Astronomen wünschen sich generell einen sorgsameren Umgang mit Licht. „Muss ich meinen Gartenteich oder meine Fassade beleuchten? Ein Strahler rauf, ein Strahler runter, kostet nichts beim Baumarkt, kann ich mir selber anschrauben. Die Weihnachtsbeleuchtung ist temporär. Aber immer weniger Menschen haben je den Sternenhimmel gesehen“, klagt Doppler.   

Doch wozu sollen wir eigentlich die Sterne sehen? „Ein Leben ohne tiefen Himmel ist wie ein Leben ohne Sonnenuntergang. Der Himmel ist der einzige manifeste Zugang zur Unendlichkeit, weil es der Blick ohne Grenzen ist“,  schwärmt Astronom Wuchterl

Apropos Unendlichkeit: Die spielt auch in Familie Gollnhubers Leben eine Rolle, ganz ohne Sternenhimmel. Denn bis auf den Monat Juli, wo Weihnachtspause ist, wird das ganze Jahr über am festlichen Lichterzauber gearbeitet. Kaum ist Dreikönig vorbei, werden die Lichter und Figuren versorgt, verräumt und ergänzt. Nach Weihnachten ist vor Weihnachten.

Lange stand künstliche Beleuchtung im öffentlichen Raum ausschließlich für mehr Sicherheit. In den vergangenen Jahrzehnten aber wuchs das Bewusstsein, dass Kunstlicht im Übermaß negative Auswirkungen auf Mensch und Tier hat – die Bezeichnung „Lichtverschmutzung“ entstand. Der Begriff ist aus der Übersetzung des englischen „light pollution“ entstanden und bezeichnet Umwelt- und Naturhaushalt störende Lichtemissionen, die Großstädte jede Nacht produzieren. Lichtverschmutzung entsteht durch Straßen- und Geschäftsbeleuchtung, Anstrahlung von Denkmälern und Gebäuden. Gesetzlich geregelt ist die Außenbeleuchtung in Österreich nicht, eingeschritten wird, wenn sie den Straßenverkehr beeinträchtigt. 

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