Wissen und Gesundheit
23.11.2017

Studie: Warum die Nächte weltweit heller werden

Der Sternenhimmel verblasst im LED-Licht – neue Konzepte sorgen für mehr Dunkelheit.

Die Sterne funkeln zu Weihnachten wie nie – als Dekoration in Auslagen, in Vorgärten und auf Adventmärkten. Das erhöht den Energieverbrauch, wie Stefan Zach vom nö. Energieversorger EVN weiß: "Rund um Weihnachten werden für Festbeleuchtungen drei bis fünf Prozent mehr Strom verbraucht." Und das, obwohl heutzutage meist stromsparende LED-Lampen verwendet werden.

Oasen der Finsternis

Die Lichtverschmutzung nimmt zu – nicht nur zu Weihnachten. Es bleiben wenige bewohnte Oasen der Finsternis mit ungetrübtem Ausblick ins Universum. Wie eine Studie jetzt zeigt, trägt der Siegeszug der LED-Lampen dazu bei, dass es weltweit immer heller wird. Das Team rund um Christopher Kyba, Physiker am Geoforschungszentrum in Potsdam, wertete Satellitenaufnahmen aus den Oktobermonaten 2012 bis 2016 aus. Ergebnis: "Die Intensität des künstlichen Lichts und die Größe der beleuchteten Fläche haben zugenommen – weltweit zwei Prozent pro Jahr." Für Österreich haben Wetterkapriolen die Daten verfälscht. Global zeigt sich, dass der Anstieg der Lichtverschmutzung mit dem Wachstum des Bruttosozialprodukts zusammenhängt.

Meistverkauft

"LEDs sind heute die meistverkauften Lichtquellen", sagt Kyba. Diese strahlen etwa zwölf mal so stark wie herkömmliche Glühlampen und sind deutlich effizienter als Leuchtstoffröhren und Halogenlampen. In der Herstellung und im Verkauf sind LEDs teuer, doch die neue Generation ist langlebig und beim Energieverbrauch den Auslaufmodellen überlegen.

Trotzdem: "Mehr Licht ist nicht die Antwort, sondern eine bessere Verteilung", sagt der Physiker. Um zwei Drittel ließe sich die Lichtemission mit moderner Technik senken – bei subjektiv gleichbleibender Sichtweise.

Neues Konzept

In Wien arbeitet man seit Jahren an Lichtplanungskonzepten. In ersten Tests wurden 2012 auf der Donauinsel Kugellampen durch LED-Lampen ersetzt, die in Wien entwickelt wurden. Harald Bekehrti, Chef der MA 33 (Beleuchtung) erläutert: "Kugellampen streuen das Licht überall hin. Ähnliches gilt für alte Kandelaber, die mehr blenden als ausleuchten. Unsere LED-Leuchten lenken den Lichtstrahl mittels einer vorgesetzten Linse auf die zu beleuchtenden Flächen – diese Linsentechnik ist die wahre Innovation."

Diese Full-cut-off-Lampen leuchten nur unterhalb eines Winkels von 85 Grad, heißt knapp unter der Horizontale – wie ein Schirm, der das Licht nach oben abhält. Weitere Vorteile der neuen Technik: Der Energieverbrauch ging um 60 Prozent zurück, sodass sich der Wechsel auf die neuen Lampen bereits innerhalb von 14 Jahren amortisieren wird.

In Ungarn beschritt man einen anderen Weg: Das alte Beleuchtungssystem wurde auf weiße abgeschirmte LEDs umgestellt und so die Lichtverschmutzung reduziert. In der Simulation wurden mit orangefarbenem LED-Licht noch bessere Ergebnisse erzielt. In den USA brachte blaues LED-Licht zum Dimmen Einsparungen.

Stephansdom

Doch die Straßenbeleuchtung ist nur ein Teil des Problems, wie die Wiener Umweltanwältin Andrea Schnattinger betont: "Die Lichtglocke über Wien stammt zu zwei Dritteln aus Privathaushalten, Geschäften sowie Effektbestrahlungen, wenn z. B. der Stephansdom angestrahlt wird." Ziel müsse es sein, dass Licht nur dort eingesetzt wird, wo es aus Sicherheitsgründen notwendig ist. "Fußgänger und Radfahrer brauchen Beleuchtung, nicht die Straße", fordert Kyba. Und man sollte erforschen, wie viel Licht im modernen Nachtleben überhaupt noch notwendig sei.

Natur und der Mensch

Denn zu viel Licht kann für Mensch und Natur belastend sein, so Schnattinger: "Tiere verlieren z. B. die Orientierung – Zugvögel fliegen in den Tod, Insekten sterben vermehrt. Hier hat das Wiener Lichtkonzept einiges verbessert." Bei Menschen sei die Produktion des Schlafhormons Melatonin gestört, wobei Handy und TV viel mehr Einfluss hätten. Diese Lichtverschmutzung macht krank, weil sie den Biorhythmus aus dem Takt bringt.

Was also tun? "Melden Sie den Behörden, wenn Licht in ihr Zimmer scheint. Ziehen Sie Vorhänge zu, damit kein Licht aus der Wohnung nach draußen dringt. Und beleuchten Sie den Vorgarten nur in der Weihnachtszeit, wenn es kaum Insekten gibt", sagt Kyba.

Auf Dauer wünscht sich Bekehrti (MA 33) aber weniger Licht im Dunkeln: "Mein Ziel ist es, dass unsere Kinder in Wien einmal den Sternenhimmel sehen werden."