„Am hellsten ist Wien dort, wo Geschäfte sind“

Lichtvermutzung Wien…
Foto: /Kuffner-sternwarte.at  <br />
 

Forscher dokumentieren erstmals die komplette Lichtverschmutzung über Wien. Und sinnen auf Abhilfe.

Als sich am 21. und 22. April des Vorjahres der Flughafen Wien  zur Ruhe begeben hatte, war die Stunde des Günther Wuchterl gekommen. Kurz vor Mitternacht stieg der Leiter der Kuffner-Sternwarte im Hubschrauber auf, um mit einer Kamera den hellen Wahnsinn der Wiener Nacht zu dokumentieren. „Wir wollten sehen, was an Lichtquellen immer brennt.“ Jetzt präsentierten die Forscher die Ergebnisse ihrer Messungen im Naturhistorischen Museum Wien (NHM). „Wien ist damit die weltweit erste Stadt mit einer vollständig gemessenen Lichtbilanz“.
Nun wissen wir: Die Wiener Lichtglocke strahlt mit einer Leistung von 30 Megawatt 70 km in die Atmosphäre und verbraucht 90 Gigawattstunden Energie pro Jahr.  Wem das jetzt nichts sagt, gibt Wuchterl ein Beispiel mit: „Wenn eine Glühbirne ein ganzes Jahr lang leuchtet, verbrennt das umgerechnet  Tonne Kohle an Energie.“

Lichtsmog-Hotspots

Auf den Bildern, die Wuchterl von seinen Flügen mitgebracht hat, überstrahlen die Staatsoper mit ihrer Dachbeleuchtung, der Stephansdom und das Riesenrad als Lichtsmog-Hotspots alles andere. Für die Studie haben die Forscher errechnet, dass   je ein Drittel der Wiener Lichtglocke auf das Konto der öffentlichen Beleuchtung, der Geschäftsbeleuchtung und der Beleuchtung von Gebäuden durch sogenannte Himmels- bzw. Fassadenstrahler geht.  Letzteres sei erst vom Hubschrauber aus zu erkennen gewesen, „weil wir das vom Boden aus nicht erfassen können“. Und: „Am hellsten ist Wien dort, wo Geschäfte sind“, sagt der Sternwarte-Chef und kritisiert das zunehmende, sinnentleerte Beleuchten von Einkaufstempeln.
Wer nun meint: Viel Lärm um noch mehr Licht, sei an Christian Köberl,  Generaldirektor des NHM,  verwiesen, der unmissverständlich klärt: „Unsere Biologie ist auf den Tag-Nacht-Rhythmus eingestellt“. Auch kleinste Lichtquellen stören. Sie verhindert, dass  das Schlafhormon Melatonin ausgeschüttet wird. Fatal, denn Melatonin ist ein Anti-Oxidant, das die Zell-DNA vor Schäden schützt. Mittlerweile weiß man, dass der Melatonin-Wert mit der Empfindlichkeit für bestimmte Krebsarten korreliert.
Die Kuffner-Sternwarte  fordert jedenfalls gemeinsam mit der Vogelschutzorganisation BirdLife Österreich und dem Umweltdachverband, „dass ab 23.00 Uhr Schaufenster-Beleuchtung und Leuchtreklame abgeschalten werden“, sagte BirdLife-Chef Gerald Pfiffinger. Darüber hinaus setzen sich die Finsternis-Schützer dafür ein, dass  das  Anstrahlen von  Fassaden künftig bewilligungspflichtig wird. Solange der Verkehr durch solche Beleuchtung nicht geblendet werde, sei dies derzeit rechtsfreier Raum.
Wuchterl zeigte sich „optimistisch“, „weil das relativ einfach zu erfüllende Forderungen sind“.  Nachbarländer wie Slowenien, Tschechien oder Italien, wo es Gesetze zur Eindämmung der Lichtverschmutzung gebe, hätten schon gezeigt, wie es ginge. Er jedenfalls hofft auf „die Rückkehr der Milchstraße bis 2036.“
 

(kurier) Erstellt am
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