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Chronik Österreich
11/23/2020

Trotz Islamgesetz: Warum Imame immer noch aus dem Ausland kommen

Sollte mit dem Islamgesetz umgesetzt werden, ist aber nicht der Fall: Nach wie vor predigen kaum in Österreich ausgebildete Imame in heimischen Moscheen.

von Michael Hammerl

Der Imam, der Prediger in einer Moschee, soll in Zukunft an einem Europäischen Institut ausgebildet werden: Das forderte EU-Ratspräsident Charles Michel nach den jüngsten Terroranschlägen in Frankreich und Wien. Das Institut soll Teil eines EU-weiten Integrationspakets sein. „Das würde sichern, dass die Imame in Europa ausgebildet werden und dass die Vorherrschaft der zivilen Gesetze akzeptiert wird von diesen Imamen“, meinte Michel.

Österreich ist einen Schritt voraus. Mit der Neufassung des Islamgesetz 2015 sollten die Strukturen zur Imam-Ausbildung eigentlich vorhanden sein. Ausländische Staaten dürfen muslimische Vereine und Moscheen nicht mehr finanzieren. Wer in einer hiesigen Moschee predigen möchte, braucht einen offiziellen Aufenthaltstitel, muss Deutsch auf A1-Niveau beherrschen und ein Studium abgeschlossen haben – im Optimalfall in Österreich. Noch als Außenminister forcierte Sebastian Kurz einen dazu passenden Lehrgang an der Universität Wien.

Damit sollte das Ideal eines islamischen Predigers verwirklicht werden, der wissenschaftlich gebildet ist, in Österreich studiert hat, gut Deutsch spricht und westliche Wertvorstellungen vertritt. Also gibt es sie schon, die sogenannten „Austro-Imame“? Nein.

Keine Praxisausbildung

Es existiert ein Theologiestudium an der Universität Wien: das Institut für Islamisch-Theologische Studien an der Schenkenstraße. Es startete im Herbst 2017, dementsprechend haben es bisher wenige Personen absolviert. Die Studiengänge vermitteln Grundlagen, um später auch als Imam oder Seelsorger in einer islamischen Glaubensgemeinschaft oder als Religionslehrer an der Schule arbeiten zu können. „Aus persönlichen Gesprächen weiß ich, dass einige unserer Studierenden gerne als Imame arbeiten würden“, erklärt Institutsvorstand Zekirija Sejdini gegenüber dem KURIER.

Potenzial wäre da, eine praktische Imam-Ausbildung, vergleichbar mit einem Priesterseminar, beinhaltet das Studium aber nicht. „Imame brauchen praktisches Know-how, um in einer Moscheegemeinde tätig zu sein und akzeptiert zu werden. Da geht es etwa darum, den Koran schön rezitieren zu können. Das lernen sie bei uns aber nicht und es ist auch nicht unser Auftrag“, erklärt Sejdini.

Ein solches islamisches „Priesterseminar“, an dem auf Deutsch unterrichtet wird und das einen „Fuß in der akademischen Landschaft hat“, sei laut Sejdini jedoch dringend notwendig, um die Imame für die Praxis vorzubereiten. Eine Aus-, Fort- und Weiterbildung für Imame, gebunden an die Wissenschaft: „So weit sind wir in Österreich noch nicht. Unser Institut hat jedenfalls das Wissen und das Personal, um hier eine Vorreiter-Rolle einzunehmen.“

Deutsches Vorbild

Gibt es Pläne in diese Richtung? Das Kultusministerium wiegelt ab. In Österreich gelte die Trennung zwischen Kirche und Staat: „Demnach bildet der Staat keine Imame und auch keine Priester aus, weil das Eingriffe in kirchliche Angelegenheiten wären.“ Die Praxisausbildung erfolge „durch die jeweilige islamische Religionsgemeinschaft selbst“: „Der Bund erhält dazu an der Universität Wien den Bestand einer theologischen Ausbildung.“

Sejdini hält es für unzureichend, die praktische Imam-Ausbildung ausschließlich den Gemeinden zu überlassen. Er präsentiert einen Gegenvorschlag: „Das deutsche Islamkollege-Modell wäre ein gutes Vorbild.“ In Osnabrück startet kommenden April ein Imamseminar mit rund 30 Teilnehmern.

Das Kolleg ist keine staatliche Einrichtung, sondern wird über einen Verein organisiert, mit staatlichen Subventionen. Die Ausbildung erfolgt in deutscher Sprache, soll westliche Werte vermitteln und ausländischen Einfluss eingrenzen.

Vorsitzender Esnaf Begic hat das Kolleg etabliert, weil Deutschland ein ähnliches Problem hat wie Österreich: Universitäten bilden islamische Theologen aus, der anschließende praktische „Priesterlehrgang“ fehlte bisher nicht. Islamische Verbände in Deutschland betrachten das Projekt größtenteils mit Skepsis.

IGGÖ: „Akzeptanz“

In Österreich sei das anders, meint die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ): „Mittlerweile herrscht innerhalb der muslimischen Landschaft eine allgemeine Akzeptanz darüber, dass Imame im Österreich ausgebildet werden sollten.“ Man bemühe sich nun darum, „einheitliche Standards bezüglich einer Ausbildung für Imame festzulegen, die alle Kultusgemeinden und Moscheegemeinden vereinen“. Einer „aufbauenden Praxisausbildung ähnlich einem Priesterseminar“, sei man nicht abgeneigt.

Das beantwortet noch nicht, welche Imame nun eigentlich an den rund 350 Moscheen in Österreich tätig sind. Vom Ausland finanzierte und geleaste Prediger – etwa von der türkischen Religionsbehörde Diyanet – sind ja mittlerweile verboten. „Derzeit haben die meisten in den Moscheen tätigen Imame eine islamisch-theologische Ausbildung im Ausland genossen“, antwortet die IGGÖ.

An rund 45 Moscheen gebe es derzeit keinen „hauptberuflichen Imam“. In diesen Fällen helfen „ehrenamtliche Mitglieder aus der jeweiligen Gemeinde“ aus, so die IGGÖ. Mit Absolventen eines islamisch-theologischen Studiums in Österreich „gibt es aber erste Versuche“.

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