Noch ist Oberlaa ein altes Dorf. Die Neubauten werden aber immer mehr. Bürgerinitiativen warnen vor "Zubetonierung"

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
08/02/2020

Ein Land betoniert sich zu

Bodenversiegelung, Grünraumvernichtung und überdimensionierte Bauprojekte verändern Österreich. Bürgerinitiativen wehren sich.

von Barbara Mader

Die Großeltern und die Generationen davor, sie waren allesamt „Pesl-Bauern“. Auf den Feldern, die direkt hinter ihren niedrigen Höfen lagen, klaubten sie mit den Händen die Steine aus dem Boden, damit Petersil und Suppengemüse, das sie später auf dem Naschmarkt verkaufen würden, gediehen. Wer nicht am Gemüseacker stand, war Weinbauer. Fast jedes zweite Haus hatte ein paar Wochen im Jahr ausgesteckt. Heute gibt’s im Wiener „Heurigenort“ Oberlaa gerade noch eine Handvoll Weinbauern.

Richard Stocker und Florian Staudner sind die Nachkommen der „Pesl-Bauern“. Ur-Oberlaaer, die sich gegen weitere Verbauung und Verstädterung des Wiener Südens zwischen Rothneusiedl, Oberlaa und Unterlaa engagieren. Eine Vorahnung, was es heißt, wenn Wohnsilos hinter dem Dorf die Kirchturmspitzen überragen, bietet Oberlaa aus mancher Perspektive heute schon.

Die Stadt wächst. Denn sie muss wachsen

Wer die Stadtentwicklung der vergangenen Jahrzehnte insbesondere in Wiener Randbezirken wie Favoriten, Floridsdorf und der Donaustadt beobachtet hat, weiß, was Bodenversiegelung, Grünraumfraß und überdimensionierte Bauprojekte anrichten. In Oberlaa sollen Felder, Wiesen und sogar als Parklandschaft gewidmete Flächen verbaut werden. Direkt am Kurpark sind 25 bis zu 26 Meter hohe Wohntürme geplant. „Erst werden Hunderte Hektar Felder zubetoniert, dann folgen PR-Gags, die sich Urban Gardening nennen und das Ganze heißt dann sanfte Stadtentwicklung“, ärgert sich Stocker. Gemeinsam mit 160 Mitstreitern der Bürgerinitiative „Lebensraum Oberlaa“ hat er mehr als 11.000 Unterschriften gesammelt, um das Naherholungsgebiet zu retten. Jahrelang ist man von Partei zu Partei gelaufen, wurde „abgeschasselt“. Mittlerweile habe selbst so mancher „Rote“ Verständnis gezeigt, allerdings nicht offiziell. Da höre man immer nur: Die Stadt wächst. Denn sie muss wachsen.

Schnelles Geld

Sind allein die guten Beziehungen zwischen Politik und Bauträgern schuld daran, dass Grün und alte Häuser weichen müssen? Die Gemengelage ist komplex. Das schnelle Geld hat viele verführt. Mit einer Unterschrift ist man unter Umständen nicht nur den Acker, sondern auch die Schulden los. Verlockende Kaufangebote von Bauträgern trudeln bei Bauern, Gärtnern, aber auch Bewohnern alter Häuser in ganz Wien ein. Nicht alle halten stand. Hier in Oberlaa haben sich einst viele gegen eine Schutzzone ausgesprochen. Hausbesitzer hatten Angst, bevormundet zu werden. Und schließlich bewahren auch Schutzzonen nicht immer vor der Abrissbirne. Denn Ausnahmen, die die „wirtschaftliche Abbruchreife“ erzwingen, finden sich, wenn man und die Baupolizei will.

Richard Stocker ist zumindest zweckoptimistisch. Zwar wurde Feld um Feld verkauft, doch immerhin gebe es eine vorläufige Bausperre, sagt er, während sein Blick über die Felder streift, die sich gut informierte Bauträger schon gesichert haben, obwohl noch gar keine Bauwidmung vorliegt.Andere Bürgerinitiativen haben ihren Optimismus längst verloren. In Westen Wiens etwa wird seit Jahren gegen die Verbauung des Wienerwaldes gekämpft. Mit viel Medienecho, aber durchwachsenem Erfolg. In den Steinhofgründen am Rande der von Politikern gern zitierten „grünen Lunge Wiens“ wurden in den vergangenen Jahren Hunderte Bäume gerodet, um einem gigantischen Bauprojekt Platz zu machen.

Nach einem Mediationsverfahren wurde das Projekt redimensioniert. Aber immerhin 65 Wohnungen hat die stadtnahe Gesiba hier bereits errichtet, 120 weitere folgen. Ganz in der Nähe engagiert sich Alexandra Dörfler seit Jahren gegen ein aus ihrer Sicht überdimensioniertes Bauprojekt in der Gallitzinstraße. „Es heißt immer, Wien braucht Wohnraum. Aber Leerstände werden nie berücksichtigt.“ Aktuell bemängelt auch der Rechnungshof die hohe Zahl an Leerständen in den Gemeindebauten. Er spricht von 8.908.

Schlaflos im Donaufeld

Wachsen soll Wien auch über der Donau. Von Leopoldau bis Hirschstetten ringt man mit „Transit-Albtraum“ und „Bauwahnsinn.“ „Ich liege in schlaflosen Nächten im Bett und frage mich, wie das alles möglich ist“, sagt Heinz Mutzek, der gegen Verbauung und insbesondere die geplante Stadtstraße Aspern von Hirschstetten in die Seestadt West kämpft. Er rechnet mit einem Verkehrsaufkommen von mehr als 50.000 Fahrzeugen pro Tag. „Diese autobahnähnliche Stadtstraße käme einer Verdoppelung der Einwohnerzahl in der Donaustadt innerhalb von 10 Jahren gleich. Wie soll das gehen?“

An Florian Freimüller sind schon die Bauträger herangetreten. Freimüller ist einer der letzten Bauern im Donaufeld. Brombeeren baut er hier an der Grenze zwischen Floridsdorf und der Donaustadt an. „An der Schanze“ heißt die Gegend, es ist jene Stelle, wo 1866 preußische Truppen Richtung Wien vorrückten. Zur Verteidigung errichtete man Schanzenanlagen. Den Bauern im Donaufeld werden sie nichts nützen. „Die Kräne rücken näher“, sagt Freistädter. Vielleicht wird er bald aufgeben müssen.

 

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