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Cybermobbing
06/28/2016

"Wer ist die dümmste Sau der 3A?"

Cybermobbing kann Kinder in den Suizid treiben, die Zahl der hilfesuchenden Teenager hat sich in den letzten Jahren stark erhöht. 166 Fälle wurden der Staatsanwaltschaft seit dem neuen Gesetz gemeldet.

von Yvonne Widler

Als Sabrina an diesem 6. April in der Früh aufwacht, weiß sie nicht, dass sie ihrem 13-jährigen Leben einige Stunden später ein Ende setzen wollen wird. Wie an jedem Schultag weckt ihre Mutter sie. Dann schlürft sie kalten Kakao aus der Packung, sie trinkt ihn am liebsten mit einem Strohhalm. Sabrina zwängt sich in schwarze Leggings, streift ein weites Shirt über, darüber ein langes Jeanshemd. Sie versucht so viel wie möglich von ihrem Körper zu verstecken. Sabrina weiß, dass sie das dickste Mädchen in der Schulklasse ist. Tägliche Beleidigungen von ihren Mitschülern lassen sie das an keinem Tag vergessen. Sabrina ist auch eine der Lernschwächsten. In Deutsch und Englisch hat sie sehr große Probleme. Sie muss Nachhilfeunterricht nehmen. Da die alleinerziehende Mutter als Reinigungskraft ein sehr geringes Einkommen hat, muss für die Nachhilfe auf anderes verzichtet werden.

Der Junge mit der gelben Kappe

Sabrina trägt nicht das modernste Gewand. Sabrina besitzt kein neues modernes Smartphone, sondern hat das gebrauchte Handy ihrer Mutter bekommen. Sabrina ist nicht cool, finden jedenfalls die meisten ihrer Mitschüler. Und in jenen Momenten, wo dieser Junge aus ihrer Klasse – der mit der gelben Kappe - Witze über andere Dinge als Sabrina macht, ist sie erleichtert. Für diese kurzen Momente ist nicht sie das Zielobjekt seiner täglichen Hasstiraden.

Was es für Kinder bedeutet, gemobbt zu werden, das weiß die Psychologin Elke Prochazka nur zu gut. Seit 15 Jahren arbeitet sie bereits bei „Rat auf Draht“. Die Serviceline ist eine der ersten Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche, die Probleme haben. Mittlerweile gibt es nicht mehr nur die Telefonnummer unter 147, die Beratung erfolgt auch über einen Chat oder die Sozialen Medien. „Wir haben uns an das Kommunikationsverhalten der Kinder und Jugendlichen angepasst“, sagt Prochazka. Mobbing sei ein massives Thema heutzutage und sehr häufig der Grund, warum sich Jugendliche melden. „Was wir merken ist, dass sie sich erst sehr spät trauen, bei uns Hilfe zu suchen. Das liegt daran, dass sie die Schuld sehr lange bei sich selbst suchen.“ Scham, Aussichtslosigkeit und die Angst, das Mobbing noch schlimmer zu machen, hemmt sie. „Die Schule und die Lehrer sind hier natürlich ein wichtiger Faktor. Es gibt einige Schulen, wo diesbezüglich wirklich viel getan und ganz toll daran gearbeitet wird, wo ganz klar gemacht wird, dass Mobbing keinen Platz hat. Viele Jugendliche sagen aber, dass Mobbing an ihrer Schule ganz normal ist. Nicht nur für die Schüler, auch für die Lehrer.“ Die Beleidigungen finden sowohl in der Klasse als auch auf den sozialen Medien statt: Cybermobbing. Hinzu kommt, dass vielen Lehrern digitale Kompetenzen fehlen, um gezielt helfen zu können: Snapchatter blockieren, Fake-Profile loswerden, Belästigungen melden, Administratoren in WhatsApp Gruppen einsetzen. Die Jugendlichen sind nicht mehr auf Facebook, „wo es noch relativ einfach war, problematische Inhalte zu melden und entfernen zu lassen. Aber bei den neuen Kommunikationsmedien gestaltet sich das immer schwieriger“, sagt Prochazka.

Ein Video auf WhatsApp

Sabrina redet in der Schule kaum, sie lacht aber immer, wenn die anderen Kinder witzige Dinge im Unterricht machen. Lacht sie zu viel oder zu laut, wird sie in der gleichen Sekunde daran erinnert, dass sie nicht zur Clique gehört. „Warum lachst du eigentlich?“, der Junge zeigt mit dem Finger auf sie. Sabrina wird rot im Gesicht, beginnt zu schwitzen und ist still. Sie kritzelt auf ihrem Block, tut so als würde sie etwas mitschreiben, das die Lehrerin gerade gesagt hat. Doch in Wahrheit ist sie nur in Gedanken bei diesem Jungen, bei seinem Hass, bei ihrem Hass, bei den Tränen, die sie gerade mit aller Kraft zu unterdrücken versucht. Denn wenn Sabrina weint, wird der Junge sie weiter hänseln.

Sabrina lässt sich von ihrer Mutter oft vom Turnunterricht abmelden, weil sie kränkeln würde. Dabei ist die Scham, ihren Körper in Turngewand zu pressen, sich angestrengt bewegen zu müssen und dabei hinter allen anderen zu bleiben, einfach zu groß. Einmal hat eine Mitschülerin ein kurzes Video von Sabrina auf dem kleinen Trampolin gemacht und in eine WhatsApp-Gruppe gepostet, es trug den Titel „Dick macht lustig“. Die Lehrerin befahl, das Video zu löschen als sie davon erfahren hat. Zu diesem Zeitpunkt hatten es aber schon zu viele Kinder gesehen. Sabrina war daraufhin eine Woche krank. Ihrer Mutter hat sie von diesen Dingen nie etwas erzählt.

Nicht hinhören, das geht nicht

Zuhause vor dem Computer oder dem Smartphone fängt die eigentliche Tortur für Sabrina erst an. Eigentlich will sie Instagram gar nicht mehr öffnen, aber die Angst, dass sie das noch mehr von der Clique entfernt, noch mehr zur Außenseiterin macht, ist zu groß. Sie nimmt die Rolle als Klassenopfer in Kauf, trägt die Beleidigungen mit Fassung. „Sie haben ja Recht, ich bin fett und nicht cool. Es ist so und es macht mich gar nicht mehr so traurig wie am Anfang.“

Heute ist der 6. April. Sabrina geht nach der Schule direkt nach Hause. Kein Spielplatz, kein Park, kein McDonalds. Letzteres schon gar nicht mehr, „ich muss abnehmen.“ Der Junge hat heute wieder ein Bild von Sabrina gepostet. Man sieht ihr Gesicht mit Schweinenase und Schweineohren. Darüber steht groß geschrieben: „Wer ist die fetteste und dümmste Sau der 3A? SABRINA.“

Sie wählt 147

Ihre Mutter ist noch in der Arbeit, Sabrina verfällt in einen nicht enden wollenden Heulkrampf, muss sich sogar übergeben. Sie kann nur noch schwer atmen. Heute kann sich Sabrina an das Telefonat, das sie in diesem Zustand geführt hat, kaum noch erinnern. Sie wählt 147, Rat auf Draht. Ihre Lehrerin hat Sabrina von der Nummer erzählt. Sie weiß noch, dass sie laut ins Telefon gesagt hat, dass sie sich umbringen will. Sie weiß noch, dass die Stimme am anderen Ende der Leitung sie beruhigt hat, sie haben fast eine Stunde lang geredet. „Solche Situationen sind wirklich sehr heikel, da darf man das Kind nicht alleine lassen, das kann tatsächlich schlimm ausgehen, wenn man so etwas nicht abfängt“, sagt Elke Prochazka, die genau solche verzweifelten Anrufe täglich entgegennimmt.

Meldet sich ein Teenager bei Rat auf Draht, dann macht sich die Psychologin zuerst ein Bild von der Situation. „Manchmal ist es möglich, das Mobbing zu verändern, indem man das eigene Verhalten verändert. Den anderen das Gefühl zu geben, dass man nicht verletzbar ist. Manche trauen sich das durchaus zu, es gibt aber auch Situationen, wo klar ist, dass das nicht mehr ausreicht“, sagt Prochazka. Oft erzählen die Jugendlichen, dass sie die Beleidigungen über Monate, sogar über Jahre hinweg, ertragen müssen.

Am Ende kann der Suizid stehen

Es gibt aber auch jene Fälle, wo Prochazka umgehend die Rettung und Polizei kontaktieren musste, weil der Teenager am anderen Ende der Leitung sich bereits die Pulsadern aufgeschnitten hatte, schon auf den Bahngleisen gesessen oder auf der Brücke gestanden war. Die Anzahl der Selbstmordgespräche, die Prochazka und ihr Team führen, hat sich von 2014 auf 2015 um über 30 Prozent erhöht. Seit 2012 steigt sie kontinuierlich an. „Wenn diese Kinder anrufen, ist es dennoch ein gutes Zeichen, dann haben wir noch eine große Chance, den Suizid zu verhindern.“ Für die Psychologin stehen solche Gespräche an der Tagesordnung. „Einerseits erzählen diese Kinder oft, dass sie sich ritzen, andererseits davon, dass sie sich umbringen wollen, weil sie denken, sie schaffen das alles nicht länger, sie wollen raus aus der furchtbaren Situation.“ Prochazka prüft dann sofort, wie groß die „Suizideinengung“ ist, ob schon viel über den Selbstmord nachgedacht, er geplant wurde. Ob schon ein Abschiedsbrief geschrieben wurde. „Es muss abgeklärt werden, ob das Kind einfach nur aus der Situation flüchten oder sich tatsächlich umbringen möchte“, sagt Prochazka. Im Notfall müsse sie sehr schnell sein, es geht dann um jede Sekunde.

Unter Kindern ist, anders wie bei Erwachsenen, der Suizid kein Tabuthema. Auf Instagram kursieren Anleitungen, wie man sich am besten umbringt, welcher Knoten am besten hält, wenn man sich im Zimmer erhängen möchte. Solche Inhalte sind leicht zu finden und haben zahlreiche Likes und Kommentare. Auch jene, die einen Suizid ankündigen oder als Abschiedseintrag zu verstehen sind. „Viele Jugendliche reagieren auf solche Inhalte mit Zuspruch. Die Verstärkung durch die sozialen Medien ist hier massiv, außerdem ist die Gefahr der Nachahmung sehr groß“, sagt die Psychologin. Vielleicht ist das mit Grund dafür, dass es keine konkreten Zahlen über diese Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen in Österreich gibt. Auch Prochazka schüttelt bei der Frage nur den Kopf. „Was man aber weiß: Es werden mehr.“

Wer mobbt, kann seiner Freiheit bestraft werden

Wie viele Kinder in Österreich von Cybermobbing betroffen sind, ist ebenso schwer zu sagen. Eine Schülerbefragung von Rat auf Draht zeigt, dass mehr als zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen jemanden kennen, der gemobbt wird. Jeder Dritte gab an, bereits selbst Opfer von Cybermobbing geworden zu sein – laut Fragestellung muss man dafür "über mehrere Monate hinweg" im Internet beleidigt, bedroht oder belästigt werden. Seit Anfang des Jahres ist Cyber-Mobbing in Österreich eine Straftat und kein Kavaliersdelikt mehr. Paragraph 107c "Fortgesetzte Belästigung im Wege einer Telekommunikation oder eines Computersystems" ist nun im Gesetz verankert und besagt, dass bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe verhängt werden, wenn das Mobbing mit Suizid oder mit einem Suizidversuch endet. Der neue Paragraph sorgt für Veränderung: 166 Fälle im Zusammenhang mit Cybermobbing sind bis Juni bei den österreichischen Staatsanwaltschaften angefallen. Sechs Anklagen wurden bisher erhoben.

Als Sabrina im April die Beratungshotline anruft, hat sie auch von Suizid gesprochen. In ihrem Fall war es ein erster Hilferuf. Zu keinem Zeitpunkt zuvor hatte sie jemals daran gedacht, sich umzubringen. Sabrina hat mittlerweile mit der Schule mehrere Gespräche geführt. „Wir raten in solchen Fällen zu Täter-Opfer-Gesprächen, von denen aber die Mitschüler nicht wissen sollten. Wir raten dem Kind, mit der Lehrkraft zu sprechen, auf seine Situation aufmerksam zu machen oder den Schulpsychologen zu kontaktieren. Ebenso, und das ist sehr wichtig, erklären wir dem Kind, dass Mobbing oder Cybermobbing eine Straftat ist.“ Sabrina hofft, dass es in ihrem Fall keine höhere Instanz benötigen wird, um die Beleidigungen zu beenden.

Es reicht! - #gegenhassimnetz

Der KURIER geht jetzt gegen Hasspostings vor. Anlass war ein Artikel auf kurier.at: Weil sie Gratis-Schwimmkurse für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge anbietet,erntete die Kärntner Wasserrettung einen Shitstorm. Bei einem Einsatzfahrzeug wurde eine Scheibe eingeschlagen. Als der Artikel auf Facebook gestellt wurde, postete eine Userin darunter, die Flüchtlingskinder meinend: "Dann sollns halt ersaufen!!!!" Das Posting wurdezur Anzeige gebracht.

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