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Politik | Inland
06/16/2016

Den Hasspredigern im Internet Paroli bieten

Kinder und Jugendliche werden vom Hass im Netz mitgerissen. Was dagegen geschehen muss.

Hasspostings häufen sich und werden zum Alltag. Lauthals wird gegen Menschen gehetzt, Politikern der Tod gewünscht, vor einer "Überfremdung" und dem "Untergang des Abendlandes" gewarnt. Im Internet phantasieren Hetzer eine "Flüchtlingswelle" oder eine "Flüchtlingslawine" herbei, die uns zu "überrollen" droht. Hassprediger der Identitären rechnen vor, wie in 20 Jahren die Zahl der "Österreicher" gegenüber "Nichtösterreichern" gesunken sein wird. Sie prophezeien, dass wir "als Volk" quasi vollkommen "ersetzt" werden.

Für Internet-Demagogen "reicht es", sie fühlen sich "überfremdet" und fordern eine "ultimative" Lösung. Während außerhalb des Netzes Flüchtlingsheime brennen, wird in den sozialen Medien zum Putsch gegen die Machthabenden aufgerufen und dem Bundeskanzler mit einer "schnellen Kugel" gedroht. Ein "Bürgerkrieg" sei nicht mehr abzuwenden, heißt es.

Die Strategie derer, die soziale Medien mit Hasspostings zumüllen, ist klar: Sie schüren Ängste, stilisieren sich als Opfer und bieten einfache Lösungen für komplexe Situationen an. Nur allzu leicht verfängt man sich in den Mechanismen dieser Rhetorik, wird instrumentalisiert und selbst zum Prediger dieser einen "Wahrheit".

Die Frage, die sich viele stellen: Gibt es ein Rezept gegen diese Hetzerei?

"Heiße Herdplatte"

"Hass im Netz wird es immer geben", sagt Petra Herczeg von der Universität Wien, mit präventiven Maßnahmen könne man aber dafür sorgen, dass die Zahl der Mitläufer minimiert wird. Für die Forscherin, die sich am Institut für Publizistik unter anderem mit dem "Kindsein in der Kommunikationsgesellschaft" auseinandersetzt, braucht es in erster Linie Vorbilder im "kritischen Umgang mit sozialen Medien und veröffentlichten Meinungen".

Kinder, die im Internet aktiv unterwegs sind, würden beispielsweise einen "saloppen Umgang“ mit der Sprache pflegen, erklärt Herczeg. Als Beispiel führt sie das Wortpaar "Du Opfer" an. Jugendliche würden zwar wissen, dass es verletzend ist, Mitschüler als "Opfer" zu bezeichnen, sie verwenden die Begriffe aber intuitiv, "sie tun es, weil es Freunde oder Familienmitglieder tun", konstatiert die Forscherin.

"Viele Eltern glauben, ihre Kinder sind medienkompetent, weil sie Smartphones teilweise besser bedienen können als man selbst. Wenn es aber um eine bewusste Auseinandersetzung mit medialen Inhalten geht, zeigt sich, dass das nicht stimmt", attestiert die Wissenschaftlerin. Vor allem der Reiz des Verbotenen spiele im Netz eine große Rolle. Herczeg fasst es bildlich zusammen: "Hasskommentare oder Websites, die nicht für Kinder geeignet sind, sind die heiße Herdplatte des Internets."

Genau deshalb sei es umso wichtiger, Kindern verständlich zu machen, welche Konsequenzen ihre digitalen Handlungen außerhalb des World Wide Webs haben.

"Medienfreie" Lehrerausbildung

Dieser Meinung ist man auch im Bildungsministerium, verweist aber auf kurier.at-Anfrage nur darauf, dass unter anderem die Initiative "safer internet" unterstützt wird, die sich für einen sicheren Umgang im Internet einsetzt. Durch die Förderung von Medienkompetenz sollten vor allem Lehrende für dieses Thema sensibilisiert werden, heißt es.

Für den Medienpädagogen Christian Swertz sieht die Realität derweil jedoch anders aus. In seiner Analyse von vier Curricula für die Lehramtsausbildung im Sekundarbereich kommt der Forscher der Uni Wien zum Ergebnis, dass sowohl Medien im Allgemeinen als auch Medienkompetenz im Besonderen nur selten in der Lehrerausbildung thematisiert werden. "Wenn sie ein Lehramt in Österreich studieren, studieren sie medienfrei", sagt Swertz zu kurier.at (siehe Zeitunglesen schult Medienkompetenz).

Obwohl es bisher keine aussagekräftigen Studien zur Medienbildung in Schulen geben würde, könne man annehmen, dass das Ausbildungssystem für Lehrer den Unterricht widerspiegelt. Das sei rein spekulativ, sagt der Medienpädagoge, aber erstaunlich, "dass Wirtschaft und Politik immer wieder betonen, wie wichtig Medienkompetenz für Jugendliche ist, die Pädagogenausbildung diesem Anspruch aber kaum Rechnung tragen kann."

Medienkompetenz heißt Handlungskompetenz

Neben den formalen Versäumnissen tritt für Kommunikationsforscherin Herczeg noch eine weitere Schwierigkeit zutage: "Viele Menschen glauben fälschlicherweise, sie hätten sich im scheinbar freien Netz im Griff und sind gegen die Penetration von Hetzern gewappnet." Dabei werde die Sogwirkung von Hasskommentaren zumeist unterschätzt, weil man von der eigenen Kompetenz überzeugt sei, sagt die Forscherin. Vergleichbar sei dieser Umstand mit dem Verhalten des Zauberlehrlings, der in der gleichnamigen Ballade anfänglich stolz auf sein Können ist, doch bald merkt, dass er der Situation nicht mehr gewachsen ist.

Für Herczeg ist klar, "Medienkompetenz heißt Handlungskompetenz, also die Fähigkeit, sagen zu können, dass man Hasskommentare nicht in Ordnung findet." Wenn sich Kinder vermehrt mit Medien auseinandersetzen, könne ihrer Meinung nach Zivilcourage entwickelt werden. Dafür sei jedoch wichtig, dass Heranwachsende nicht alleine dem Internet überlassen werden. "Bezugspersonen wie Eltern und Lehrer müssen mit ihnen darüber sprechen, dann werden die Demagogen im Netz auch weniger Zustimmung finden."

Wie ein Boxkampf über zehn Runden

Prävention ist das eine, die Auseinandersetzung mit dem Zentrum des Hasses das andere.

Wird man mit Hetzparolen konfrontiert, ist der erste Impuls, etwas dagegen zu sagen, der aufgeblasenen Rhetorik der Prediger die Luft rauszulassen. Sobald man jedoch zu einer Antwort ansetzt, ist man selbst zur Zielscheibe des Hetzers geworden. Man sei jemand mit einer "rosaroten Brille", ein "linkslinker Gutmensch", der Österreich den "Untergang" mit der "Multikulti-Lüge" und dem "Genderwahn" eingebrockt habe.

Und ist man erstmal zum Feindbild derer gemacht worden, die ihren Hass im Netz penetrant kundtun, resigniert man, wird leise und verstummt. Diskussionen mit Hetzern fühlen sich an wie Boxkämpfe über zehn Runden. Man hängt in den Seilen, ist ratlos. Gegen den politischen Manichäismus, der die Welt in Gut und Böse oder Freund und Feind aufteilt, scheint kein Kraut gewachsen zu sein.

Doch, sagt Hakan Gürses. Der Philosoph arbeitet als Trainer in der Erwachsenenbildung und weiß, wie man dieser Schulhofschläger-Rhetorik, die durch Lautstärke und Wiederholung eine scheinbare Stärke und Selbstsicherheit erzeuge, entgegenwirken kann. Wichtig sei, dass man den Kommentar von Anfang an als politisches Phänomen betrachtet und auch dementsprechend analysiert. "Woher kommt das Posting? Wie ist der mediale Diskurs darüber? Wird Homophobie, Sexismus oder Rassismus thematisiert? Diese Elemente des Hasses kommen ja nicht von ungefähr", sagt Gürses.

"Ist man selbst Zielscheibe des Hasses?"

Ohnehin müsse man sich auch darüber im Klaren sein, warum man überhaupt Hetzer beeinflussen möchte. "Ist man selbst die Zielscheibe des Hasses? Will man einen Freund oder eine Gruppe verteidigen? Wer gegen Stammtischparolen vorgehen will, muss seine Beweggründe kennen. Es kommt auf das Ziel an, das man sich vornimmt", erklärt der Philosoph im kurier.at-Gespräch.

Die wirksamste Maßnahme, um Lügen und Mythen zu entzaubern, ist noch immer die gründliche Überprüfung der Behauptung. "Wer hetzt oder pauschalisiert, glaubt, dass er der alleinige Verteidiger der Wahrheit ist. Mit Zahlen und Fakten kann man ihm oder ihr ein Stück Selbstsicherheit nehmen", erklärt er.

Falls die notwendigen Informationen gerade nicht vorhanden sind, man aber trotzdem intervenieren möchte, gibt es noch die Möglichkeit, subversiv vorzugehen. Bedeutet: Der Hasskommentar des Gegenübers wird mit bloßer Übertreibung karikiert. "Wenn jemand behauptet, Ausländer würden uns Arbeitsplätze wegnehmen, dann könnte man ihm entgegnen: 'Komisch, ich dachte immer, sie seien faul, können nichts und wollen gar nicht arbeiten'." Es handle sich zwar um kein Argument im klassischen Sinn, führe jedoch dazu, dass der Hasskommentator über die Parodie grübeln muss.

Medien und Politik in die Pflicht nehmen

Von der oft erwähnten "Angst der Bürger", die man ernst nehmen sollte, hält Gürses nicht viel. "Wer hat Angst? Die Hetzer? Nein, das ist Wut, Hass und Zorn. Sie leben ihren Thymos aus, suchen nach Anerkennung und verbreiten Angst", sagt der Philosoph, der wie Herczeg betont, dass präventive Maßnahmen und kommunikative Strategien nur einen kleinen Beitrag gegen Hass, Vorurteile und Pauschalisierungen im Internet leisten können.

Um das Thema verstärkt in den Mittelpunkt der Debatte zu rücken, benötige es sowohl die Unterstützung von Medien als auch von der Politik. "Sie müssen ihr eigenes Verhalten hinterfragen. Sprache bildet nicht nur ab, sondern bildet", sagt Gürses, der umgehend hinzufügt: "Am besten wäre es, wenn jene Menschen sichtbar gemacht werden, über die gehetzt wird. Sie müssen sprechen, nicht andere für sie."

Es reicht! - #gegenhassimnetz

Der KURIER geht jetzt gegen Hasspostings vor. Anlass war ein Artikel auf kurier.at: Weil sie Gratis-Schwimmkurse für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge anbietet, erntete die Kärntner Wasserrettung einen Shitstorm. Bei einem Einsatzfahrzeug wurde eine Scheibe eingeschlagen. Als der Artikel auf Facebook gestellt wurde, postete eine Userin darunter, die Flüchtlingskinder meinend: "Dann sollns halt ersaufen!!!!" Das Posting wurde zur Anzeige gebracht.

Schwerpunkt auf kurier.at und auf profil.at

In den kommenden Wochen wird das Thema "Gegen Hass im Netz" auf kurier.at im Fokus stehen. Diskutieren Sie mit, erzählen Sie uns Ihre Erfahrungen und sagen Sie uns, wie Sie mit der Wut im Netz umgehen. Auch das Nachrichtenmagazin Profil wird sich mit kurier.at gemeinsam dem Thema widmen. Mehr dazu auf www.profil.at.

Zeitunglesen schult Medienkompetenz

"Im Lehrplan ab Herbst wird Politische Bildung eigens ausgewiesen und bekommt dadurch mehr Bedeutung", freut sich Sabine Liebentritt von "Politik Lernen in der Schule". In dem chro-nisch unterbewerteten Fach kommt dem Verständnis von Kommunikation eine wichtige Rolle zu, außerdem ist es ein Unterrichtsprinzip, erklärt sie: "Das bedeutet, jeder Lehrer soll es in seinen Unterricht einfließen lassen. Dafür muss man die Lehrer auch schulen." Das hehre Ziel laut Ministerium: "Wir brauchen Medienkompetenz, um Inhalte kritisch bewerten zu können."

Um diese differenzierte Wahrnehmung bemüht sich die Initiative "Zeitung in der Schule" (ZiS) seit 20 Jahren. Die Schüler arbeiten in Workshops mit Experten daran, die Medien-Arbeitsweisen zu verstehen. Lehrer bekommen Zeitungen in die Schule, um Texte zu vergleichen. Im Vorjahr forderte der Verband der Zeitungsherausgeber daher vier Millionen Euro zur Förderung der Lese- und Medienkompetenz, eine Million für das ZiS und drei Millionen Euro für die kostenfreien Abonnements an Schulen.

Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell geht das nicht weit genug: "Das Projekt ist gut, aber nicht flächendeckend für alle. Nur wenn ein Lehrer sich interessiert, nimmt er mit seiner Klasse teil. Aber ich habe den Eindruck, Pädagogen trauen sich über das Thema nicht drüber, weil die Kids in digitalen Medien weiter sind. Das gehört nämlich dazu: Nicht nur Zeitungen in Print und online, sondern auch Rundfunk und Internet."

Er hat auch eine Idee für Erwachsene, die "die Qualitätsmedien hinter sich gelassen haben": "Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter schulen, dass sie medienkompetenter werden. Informationen bewerten zu können, ist überall im Arbeitsalltag wichtig. Und was ein Mitarbeiter im Netz absondert, kann auf den Arbeitgeber zurückfallen."

(Daniela Davidovits)

Medienkompetenz mit Medien

Medienkompetenz erlernen Kinder und Jugendliche am besten natürlich durch eigenes tun. Nicht zuletzt bietet der Kinder-KURIER seit mehr als 20 Jahren Workshops für Klassen, Projektgruppen, Ferienspielen usw. an. Mit Hilfe des Kinder-KURIER – und heuer von Kinder & Co – produzieren Kids in der einwöchigen Kinderstadt im Wiener Rathaus ("Rein ins Rathaus") ihre eigene Tageszeitung.

www.kiku.at

In der Demokratie-Werkstatt des Parlaments schnuppern die Schülerinnen und Schüler nicht nur in die Abläufe der Gesetzeswerdung hinein. Sie verarbeiten ihre Erkenntnisse in Form von Zeitungen, Radio- und Video-Beiträge. Immer wieder ist dabei Manipulation ein wichtiges Thema – und wie leicht sich solche bewerkstelligen lässt. Einmal selber versucht, wird damit die Sensibilität beim eigenen Medienkonsum erhöht.

www.demokratiewebstatt.at

Seit einigen Jahren läuft eine Kampagne des Europarates gegen "Hassrede":

https://kurier.at/leben/kiku/handbuch-bookmarks-online-zoo-und-rollenspiele-gegen-hassreden/197.563.106

http://www.nohatespeechmovement.org/

(Heinz Wagner)