Chronik Niederösterreich
05/02/2019

NGOs in NÖ: "Bedenkliche Entwicklung" bei Asylheim-Schließungen

Nach Jahrzehnten mussten Caritas und Diakonie alle Flüchtlingsheime schließen. Kritik kommt von Asylexperten.

von Katharina Zach

Mit dem Flüchtlingsheim der Caritas im Kloster St. Gabriel schließt das letzte von einer klassischen NGO (Nichtregierungsorganisation, Anm.) betreute Asylquartier in Niederösterreich. Hintergrund sind die stark rückläufigen Zahlen von Asylwerbern.

Doch Asylexperten vermuten auch, dass Betreiber wie die Caritas oder der Diakonie Flüchtlingsdienst bewusst keine Flüchtlinge mehr vom Land NÖ zugewiesen bekommen. Sie seien zu kritisch, wird gemutmaßt.

„Mein Eindruck war, dass die Caritas ausgehungert wurde, indem man keine Flüchtlinge mehr zuteilt“, sagt Pater Franz Helm, Ex-Generalsekretär der Superiorenkonferenz der Steyler Missionare Österreichs.

Ein Gedanke, den auch Anny Knapp von der Asylkoordination teilt. Der zuständige Landesrat Gottfried Waldhäusl (FPÖ) habe schon nach seinem Amtsantritt klar gemacht, dass er mit den NGOs nicht wolle, meint sie. 

Als die Diakonie vergangenen Herbst das Paul-Weiland-Haus in Baden schließen musste, erklärte Rechtsexperte Christoph Riedl: „Wir haben seit Sommer keine einzige Zuteilung vom Land bekommen.“

Kein Angebot mehr für Jugendliche

Tatsächlich hatte die evangelische Wohlfahrtsorganisation 20 Jahre lang Heime für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) betrieben.

Vor der Flüchtlingsbewegung 2015 hatte die Hilfsorganisation etwa noch Plätze für rund 91 Minderjährige, 2017 wurde auf 174 aufgestockt. Nun führt sie kein Haus mehr.

Lediglich 120 Plätze für Erwachsene in privaten Wohnungen werden noch angeboten. Wie lange es diese noch gibt, ist unklar.

Aus nach 27 Jahren

Auch das Flüchtlingsheim St. Gabriel gab es seit 1992.  Vor der Flüchtlingsbewegung 2015  hatten 140 vorwiegend körperlich und psychisch kranke Menschen dort ein Heim.

Nun betreut die Caritas nur noch 99 Flüchtlinge in der Pfarre Probstdorf sowie in privaten Wohnungen. Auch hier ist die Zukunft unklar.

Frage der Aufteilung

Aktuell befinden sich 4.660 Asylwerber in NÖ in der Grundversorgung. 2500 davon leben in 350 betreuten Quartieren. Diese werden von 105 Betreibern geführt. Beim Land würdigt man die Vorwürfe mit keinem Statement.

Zwischen 30 und 40 Menschen würden derzeit pro Monat in die Grundversorgung des Landes kommen, gleichzeitig würden pro Monat 200 bis 250 Menschen aus dieser ausscheiden.

Daher stelle sich die Frage, wie 40 Menschen auf 350 Standorte gerecht aufgeteilt werden können, heißt es vom Büro Waldhäusl

Zudem sollte es keine Priorisierung von NGO-Quartieren geben. Schließlich gehe es um die zu versorgenden Fremden und nicht um die Quartierbetreiber.

"Demokratiepolitische Defizite"

Dennoch meint Asylexpertin Anny Knapp:  „Ich finde das eine bedenkliche Entwicklung. Wenn NGO-Arbeit nur noch in Händen von Privaten ist, kann das zu demokratiepolitischen Defiziten führen.“ NGOs seien klar einem menschenrechtlichen Auftrag verpflichtet.

Auch personell, was Sozialarbeiter oder Dolmetscher betrifft, seien sie besser aufgestellt. Letzteres sei vor allem bei Konflikten sinnvoll.

„Bei NGOs ist die Aufmerksamkeit, wie Leute behandelt werden und wie es ihnen geht, größer“, meint sie.

Soziale Aspekte und Bildungsanliegen würden stärker berücksichtigt. Private Quartierbetreiber hätten oft wenig Vorkenntnis in Flüchtlingsarbeit und müssten Gewinn machen.

Securitys statt Sozialarbeit

Und: Hilfsorganisationen würden Missstände aufzeigen und die Verantwortlichen mit Defiziten konfrontieren. Etwa, dass die Tagsätze für die Betreuung kranker Flüchtlinge nicht ausreiche, erklärt die Expertin. Hier würden NGOs Geld zuschießen. 

„Allerdings gibt es beim Land eher Bereitschaft, in Sicherheit zu investieren“, meint Knapp in Anspielung auf das 600.00 Euro Budget für Securitys in vier Asylheimen.

Es werde nun für die Flüchtlinge schwieriger adäquate Hilfe zu bekommen, private Flüchtlingsinitiativen seien nun wieder stärker gefragt.

Die stehen nun in St. Gabriel vor leeren Räumen. „Wir bedauern die Schließung sehr, weil es für uns sehr wichtig war, dass es die Flüchtlingshilfe gibt“, sagt Pater Franz Helm. Für ihn war die Schließung eine politische Entscheidung.

Was nun mit dem ehemaligen Flüchtlingsheim passiert, ist noch unklar. Das Gebäude sei denkmalgeschützt. „Es sind sicher große Investitionen nötig, für die wir Partner brauchen.“