Neusiedler See kurz vor dem Tiefststand: Wo bleibt der Alarmismus?
Der Neusiedler See nähert sich wieder seinem Tiefststand. Doch während 2022 Alarmstimmung herrschte, läuft der Sommer diesmal einfach weiter.
115,02 Meter über Adria. Im Minimalstandjahr 2022 hat dieser Wasserstand des Neusiedler Sees im Burgenland bereits für Alarmstimmung gesorgt. Heute ist die Aufregung darüber relativ verhalten. Der Neusiedler See liegt nur noch 15 Zentimeter über dem niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1965. Damals, im Oktober 2022, wurden 114,87 Meter über Adria gemessen; am 18. August 2022 standen 114,94 zu Buche.
Trotzdem bleibt die große Debatte bisher aus. Keine Untergangsszenarien, keine hektischen Diskussionen darüber, wann der See endgültig austrocknet. Die Fähren fahren, gebadet wird, die Strandbäder sind offen, der Sommer läuft weiter. Das ist zunächst einmal gut. Panik hilft niemandem, und der Neusiedler See ist ein Steppensee, dessen Wasserstand immer stark geschwankt hat – zuletzt kam es von 1865 bis 1871 zu einer weitgehenden Austrocknung.
Anders als vor vier Jahren?
Trotzdem lohnt sich die Frage, warum uns 115,02 Meter heute offenbar weniger beunruhigen als vor vier Jahren. Vielleicht haben wir uns schlicht daran gewöhnt. Und genau diese Gewöhnung ist womöglich gefährlicher als jede kurzfristige Panik.
Denn auch rundherum verschieben sich die Maßstäbe. Braune Rasenflächen sind in diesem Sommer Standard, Gemeinden rufen zum Wassersparen auf, im Seewinkel trocknen Lacken vielleicht für immer aus. Landwirte stöhnen unter der Trockenperiode, Feuerwehren kämpfen mit Wald- und Flurbränden. Vieles, was vor einigen Jahren noch außergewöhnlich war, ist heute sommerliche Normalität.
Vielleicht ist das die eigentliche Gefahr wiederkehrender Krisen. Beim ersten Mal erschrecken sie uns. Beim zweiten Mal kennen wir die Bilder schon. Beim dritten Mal sind sie normal. Möglicherweise ist nicht der sinkende Wasserstand das Beunruhigendste. Sondern wie schnell unsere Aufregung darüber sinkt.
Blick aufs Burgenland
Kolumnen von Michael Pekovics
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