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Chronik Burgenland
06/04/2021

Neusiedler See in der Tourismus-Zwickmühle: Droht die Rote Liste?

UNESCO-Fachbeirat sieht durch touristische Projekte am Seeufer den Status als Welterbestätte gefährdet und fordert nun einen Baustopp auf ungarischer Seite.

von Michael Pekovics

Das ungarische Hotelprojekt am Ufer des Neusiedler Sees bei Fertőrákos ist als Kampfansage an den heimischen Tourismus zu verstehen – und auch als eine an die einzigartige Naturlandschaft der Region.

Denn jetzt bedroht das 75 Millionen Euro teure Vorhaben den Status der Welterbestätte „Kulturlandschaft Fertő/Neusiedler See“.

Zudem kritisiert die UNESCO auch die Projekte auf österreichischer Seite - die Welterbe-Region steckt in der touristischen Zwickmühle.

Im Fall einer Aberkennung des Welterbe-Status hätte das wohl negative Auswirkungen auf den österreichischen Fremdenverkehr. Denn dieser hatte in den vergangenen Jahren verstärkt Naturliebhaber als Gäste umworben.

Damit könnte es bald vorbei sein, denn der UNESCO-Fachbeirat ICOMOS empfiehlt nach dem Bericht eines externen Experten (der KURIER hat berichtet) den sofortigen Baustopp des ungarischen Projekts.

"Schadet Welterbestätte"

Anfang Juni wandte sich Mechtild Rössler, Kulturdirektorin der UNESCO in Paris, an László Túroczy, der Ungarn als Botschafter bei der UNESCO vertritt. Und zwar, um ihm mitzuteilen, dass „das Projekt Sopron Fertő Lake Resort in seiner Größe und Form der Authentizität und Integrität der grenzüberschreitenden Welterbestätte schadet und der außergewöhnliche universelle Wert dieses Gebiets beeinträchtigt werden würde“.

Ungarn werde geraten, das Projekt umgehend zu stoppen und den ursprünglichen Zustand des Geländes wiederherzustellen. In weiterer Folge könnte die Kulturlandschaft Fertő/Neusiedler See auf die Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten gesetzt werden.

UNESCO
United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization oder Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur

Welterbekonvention
Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Menschheit. Völkerrechtlich bindend, beschreibt es die Pflichten der 193 Vertragsstaaten zum Schutz der Welterbestätten

Welterbe
Gesamtheit der Weltkultur- und Weltnaturerbestätten. Aktuell 1.121 Stätten (zehn in Österreich) von „außergewöhnlichem universellen Wert“, die für die Menschheit  bedeutend und somit schützens-  und erhaltenswert sind. Darunter: Machu Picchu, Great Barrier Reef, Pyramiden von Gizeh

Weltkulturerbe
Einzigartige und authentische Baudenkmäler, Stadtensembles, Kulturlandschaften, Industriedenkmäler sowie Kunstwerke

Weltnaturerbe
Geologische Formationen, Fossilienfundstätten, Naturlandschaften und Schutzreservate für bedrohte Tiere und Pflanzen, die den natürlichen Reichtum der Erde widerspiegeln

Rote Liste
Liste des  gefährdeten Erbes der Welt. 54 Stätten sind auf dieser Liste, weil ihr „außergewöhnlicher universeller Wert“ bedroht ist

In Österreich war das zuletzt 2017 der Fall: Das historische Zentrum von Wien wurde damals auf die Liste gesetzt, weil die UNESCO seinen „universellen Wert“ durch den geplanten Umbau des Heumarkts in Gefahr sieht.

Ungarn schafft Tatsachen

Ungarn dürfte sich vom aktuellen Bericht bei seinem Vorhaben allerdings kaum bremsen lassen und schafft weiter Tatsachen. Denn obwohl noch Klagen der zum Großteil österreichischen Besitzer anhängig sind, wurden die im See stehenden Pfahlhäuser kurzerhand abgerissen, um den notwendigen Platz für das Tourismusprojekt zu schaffen. Mit den gestalterischen Landschaftsarbeiten wurde bereits vor einigen Monaten begonnen, das Gelände am Seeufer wurde großräumig abgesperrt.

Zuletzt war Österreich in Gesprächen allerdings noch versichert worden, dass der Welterbe-Status „oberste Priorität“ habe. Dieser sei auch nicht gefährdet, das Projekt sei ordnungsgemäß bewilligt und erfülle alle Auflagen.

Ein vor Kurzem illegal aufgenommenes Drohnenvideo lässt allerdings die Ausmaße des in zwei Bauphasen geplanten Tourismusprojekts erahnen.

Neben einem Vier-Stern-Hotel mit 100 Betten sind zusätzlich knapp 40 Bungalows, ein Campingplatz, zwei Häfen mit einigen Hundert Stellplätzen, Freizeiteinrichtungen wie Wasserparks, Tennis- und Fußballplätze sowie mehr als 1.000 Parkplätze geplant. Damit soll das in den 1960er-Jahren künstlich mit Schlamm angelegte Areal, das früher ausschließlich der ungarischen Elite zur Verfügung stand, touristisch wachgeküsst werden.

Kritik am Vorhaben gibt es in Ungarn übrigens kaum, in so gut wie allen (regierungsnahen) ungarischen Medien wird das Vorhaben bejubelt. Kein Wunder: An dem Tourismusprojekt sind, wie der KURIER bereits im Juli 2019 berichtet hat, Viktor Orbáns Tochter Ráhel und sein Schwiegersohn István Tiborcz beteiligt.

Die beiden mischen seit einigen Jahren bei so gut wie jedem touristischen Projekt im Nachbarland mit. Eine Anfrage an die zuständige ungarische Betreibergesellschaft zum von der UNESCO geforderten Baustopp blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Österreich in der Kritik

Mehr zu sagen hat hingegen Umweltschützer Christian Schuhböck von der Organisation Alliance for Nature. Er stuft den aktuellen Bericht als Teilerfolg ein, nächster Schritt sei eine Stellungnahme Ungarns dazu.

„Wenn das Projekt nicht gestoppt wird, wird der UNESCO nichts anderes übrig bleiben, als das Gebiet auf die Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten zu setzen.“ Details dazu könnten bereits bei einer weltweiten UNESCO-Konferenz im Juli besprochen werden.

Schuhböck verweist aber auch auf die österreichische Verantwortung, denn im Bericht wird explizit auf die „kumulativen Effekte“ der verschiedenen Tourismusprojekte verwiesen. So seien die auf österreichischer Seite bereits vorhandenen Einrichtungen in ihrer Summe „höchst problematisch“. Neue Projekte wie die Erweiterung der Seebühne Mörbisch, das neue Seebad in Breitenbrunn und ein geplantes Hotel in Neusiedl am See hätten ebenfalls negative Auswirkungen.

Ob diese „Kampfansage“ der UNESCO eines der Projekte stoppen wird, bleibt abzuwarten.

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