Wohnen
15.11.2016

Bewährtes Material, neue Ästhetik

Holz ist ein vertrauter und zugleich moderner Baustoff, der für eine gute Wohnqualität sorgt. Vier Beispiele zeigen, welche architektonischen Möglichkeiten das ressourcenschonende Material bereithält.

Ein Ziegelhaus aus den Fünfzigerjahren nahe der Bahntrasse Wien–Krems gebaut: Diese Situation fand Andi Breuss bei Grafenegg in Niederösterreich vor. Weil die kleinteilige Raumstruktur nicht mehr genug Möglichkeiten für die Bewohner bot, sollte der Architekt Platz schaffen.

"Die Substanz war nicht großartig, aber in Ordnung", sagt Breuss, der den Wunsch nach mehr Raum mithilfe von Holz, Lehm und Stroh realisierte. Ziel war es, Wohnen und Arbeiten zu vereinen und den Lärm der vorbeizischenden Züge so gut wie möglich auszublenden. Es erhielt einen fehlenden Stromanschluss, während Abwasserreinigung sowie Trinkwasseraufbereitung autark auf dem Grundstück passieren.Ein zweigeschoßiger Riegel, der über eine breite Arkade mit dem Altbau verbunden ist, lieferte die Lösung. Die Anordnung im rechten Winkel ließ im Süden eine offene aber intime Hofsituation entstehen, ohne in den alten Baumbestand eingreifen zu müssen. Nach Norden hin grenzt sich der lang gezogene Bau zu den Gleisen ab.Als Basis dient eine Holzständerkonstruktion. Die Latten an der Fassade reihte er – ähnlich einer Lärmschutzwand – in der Tiefe versetzt aneinander. Auch die Dämmung, eine Schicht aus 35 cm dicken Strohballen, soll den Schallschutz verbessern. Das Material stammt von einem benachbarten Landwirt, der es gepresst und fachgerecht aufbereitet hat.

Die Wände im Inneren sind mit Lehm verputzt. Das Ton-Sand-Gemisch dient auch als Speichermasse für die Fußbodenheizung und zur Verbesserung des Raumklimas. "Lehm ist feuchtigkeitsregulierend, übernimmt den Brandschutz, und sorgt für die Luftdichtigkeit. Auf Folien, die sonst verwendet werden, konnten wir verzichten. Das Haus kommt weitestgehend ohne künstliche Baustoffe aus." Der natürliche Werkstoff überzeugt außerdem mit einer guten Optik. Breuss: "Lehm bricht das einfallende Licht ausgesprochen schön und erzeugt eine angenehme atmosphärische Stimmung."

Kurz vor dem Abbruch stand ein Stadel im Tiroler Neustift im Stubaital. Robert Pfurtscheller rettete das rund 100 Jahre alte Gebäude, in dem er es am alten Standort ab- und 800 Meter weiter auf einem neuen Bauplatz wieder aufgebaut hatte. "Weil es auf einer Feuchtwiese stand, mussten die Schwellen erneuert werden. Alle anderen Bauteile konnten aber problemlos weiter verwendet werden", erklärt der Projektleiter.
Das Äußere blieb komplett unverändert – sogar das Dach wurde wieder mit den alten Ziegeln eingedeckt. Im Gegensatz steht dazu das Innere: Wo früher Heu lagerte, wohnt heute eine fünfköpfige Familie auf zwei Ebenen und gut hundert Quadratmetern. Pfurtscheller hat dazu zwei gedämmte Holzriegelwände in den Stadel eingefügt. Hauptsächlich sorgt aber eine Verglasung für Schutz vor Wind und Wetter. Die transparente Hülle rückt die historische Substanz in den Blick der Bewohner. Zudem lässt sie das Licht, das durch die Tore an der Vorder- und Rückseite sowie durch die Zierausschnitte und Ritzen in der Verschalung einfällt, nach drinnen. "Das bringt genügend Helligkeit in die Räume. Weitere Öffnungen waren nicht notwendig", sagt Pfurtscheller.

Für den Innenausbau kam ausschließlich Fichte zum Einsatz. Das Erdgeschoß beherbergt einen großzügigen Koch-, Ess- und Wohnbereich. Geheizt wird mit einem Kamin, der zugleich die Treppe ins Obergeschoß bildet. Dort gelangt man über einen weiteren zentralen Aufenthaltsbereich in die Schlafräume. Mit diesem Projekt hat der Planer ein Stück historische Baukultur abseits der musealen Nutzung erhalten: "Es wäre zu schade, diese Dinge verfallen oder abreißen zu lassen." Auch der finanzielle Aspekt spielte eine Rolle: "Das Budget lag bei lediglich 230.000 Euro. Dafür würde man in Innsbruck nicht einmal eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung bekommen."

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