Insektenforscher Martin Lödl im Naturhistorischen Museum: "Das große Problem ist der Lebensraumverlust in den Agrarregionen."

© Kurier/Jeff Mangione

Wissen Wissenschaft
12/16/2019

Insektenforscher: Fluchtlichtanlagen sind nicht das große Problem

Leiter der Insektenabteilung im Naturhistorischen Museum: "Ursache des Insektensterbens ist der Lebensraumverlust."

von Ernst Mauritz

Mit mehr als zehn Millionen Präparaten beherbergt das Naturhistorische Museum in Wien eine der größten Insektensammlungen der Welt. Leiter der Zweiten Zoologischen Abteilung und damit der Entomologie – die Entomologie beschäftigt sich  mit der Erforschung der Insekten – ist der Insektenspezialist Martin Lödl.

KURIER:  Der KURIER berichtete, in  den Koalitionsverhandlungen haben es Aufregung wegen einer  angeblichen Forderung der Grünen gegeben,  in Fußballstadien müsse nach 20 oder 21 Uhr das Licht abgedreht werden, damit die Scheinwerfer die Insekten nicht irritieren. Ob es diese Forderung wirklich gab, kann hier jetzt nicht geklärt werden. Aber ganz grundsätzlich an Sie als Insektenforscher die Frage: Bedeutet abendliches Stadionlicht eine Irritation für Insekten?

Martin Lödl:  Flutlichtanlagen sind sicher nicht das große Problem im Zusammenhang mit dem Insektensterben. Ich würde sagen: Es ist ein Luxusproblem. Die Lichtverschmutzung ist  hier nur ein Nebenschauplatz. Die Anlockwirkung ist nicht so groß und reicht nicht so weit, wie man das früher gedacht hat. Sollen es bei einer großen Flutlichtanlage 200 Meter sein – selbst bei unserem Praterstadion sind da die Lacken im Prater, wo es noch einigermaßen gute Insektenpopulationen gibt, zu weit entfernt.

Das Licht ist nicht das wirkliche Problem. Zum Licht fliegen auch nur die erwachsenen Insekten, die haben zum Großteil ihr Fortpflanzungsgeschäft schon erledigt, die sind Fledermausfutter, Vogelfutter, und das ist nichts Negatives.

Aber verbrennen die Insekten nicht durch das Licht?

Nur ein Teil der angelockten Insekten. In intakten Lebensräumen in den Tropen finden Sie in Regenwaldgebieten oft vorgelagerte Hotels mit großen Lichtanlagen, ich kenne das etwa aus Malaysien oder Kenia, wo ich jahrelang gearbeitet habe. Obwohl die Lichter dort tagein, tagaus brennen, gibt es keinen Rückgang der Insektenmengen: Es wachsen in diesen intakten Lebensräumen einfach genug Insekten nach.

Wenn bei uns bei einer Flutlichtanlage keine Insekten mehr gesehen werden, glauben die Leute, die Insekten wurden weggefangen, sind verbrannt,  aber das stimmt nicht: Es kommen keine Insekten zum Flutlicht, oder nur wenige, weil es einfach keine Insekten mehr gibt. Wien etwa ist eine unglaublich insektenarme Gegend. Wo sollen denn hier auch Insekten vorkommen? Ja, die Bernsteinschabe rennt herum, aber das ist ein  anderes Thema, die wurde eingeschleppt.

Was bei der Diskussion um das Thema Lichtverschmutzung und Insekten passiert, ist eine klassische Umkehr von Ursache und Wirkung: Wir haben bei uns dort viel Licht, wo es ohnehin schon wenig Insekten gibt. Aber wir haben nicht wenig Insekten wegen des Lichts. Ja, durch das Licht sterben Insekten und alle Bemühungen, Licht zu reduzieren oder weiße durch gelbe Lampen zu ersetzen, die weniger Insekten anlocken, sind lobenswert. Aber das Insektensterben ist etwas anderes als das tägliche Sterben von Insekten. Jeden Tag sterben Millionen von Insekten – sie fressen sich gegenseitig, werden von Vögeln und Fledermäusen gefressen, sterben durch Licht und Verkehr.

Das Insektensterben hingegen ist ein substanzieller, nachhaltiger Verlust von Arten und Menge an Biomasse. Das hat ganz andere Ursachen.

Was ist dann der Aulöser, wenn nicht das Licht?

Das ist der Lebensraumverlust in Regionen mit großflächiger Landwirtschaft und wenig Rückzugsbiotopen wie Wiesenflächen oder nicht gemähten, naturnahen Ackerrandstreifen. Schauen Sie auf Google Maps, auf die Satellitenansicht, und dann zoomen Sie einmal ins Weinviertel, in die Ukraine, nach Oklahoma in den USA, in alle die Tieflandregionen, wo großflächig Landwirtschaft betrieben wird: Dann werden sie ein Kastlwerk von grünen, gelblichen, bräunlichen Flecken sehen, das ist ein insektenmäßig und auch vogelmäßig totes Gebiet.

Dort fehlen die Futterpflanzen, die ganze Lebensraumgemeinschaft funktioniert nicht mehr. Es gibt eine Grundregel: Mechanische Ursachen – Licht, Autoverkehr, etc. – schädigen die Insektenpopulationen meist nicht in bedrohlichem Ausmaß. Aber chemische  Ursachen – Pestizide – und die Veränderung der Landschaft, der Verlust der natürlichen Lebensraumvielfalt, das sind die wirklich bedeutenden Ursachen für den Insektenverlust. Nur in den alpinen Regionen ist die Lage besser.

Wie stark sind die Rückgänge?

In den vergangenen 20 Jahren ist die Menge an Biomasse – also die Gesamtmasse der Insekten – um rund 70 Prozent zurückgegangen. Schaut man sich alte Beschreibungen von vor 100 Jahren an, dann beträgt der Rückgang an Insekten-Biomasse sicher an die 99 Prozent.

Wie kann man die Vielfalt erhöhen?

Es sind nicht so aufwendige Maßnahmen: Feldraine verstärken und nicht spritzen, Wiesenabschnitte nicht mähen, einfach Rückzugsbiotope schaffen. Oder in Ostösterreich - dem pannonischen Raum – Sandbiotope anlegen; Feinsand, wie er nach einem Donauhochwasser auf den Treppelwegen liegt, irgendwo auf der Donauinsel anhäufen und liegenlassen – dann habe ich bald eine gigantische Insektenfauna. 

Und aufgelockere Siedlungsgebiete mit Gärten werden immer bessere Insektenlebensräume: Viele Menschen haben schon Naturgärten, oder zumindest natürliche Gartenteile, die tun mehr für die Insekten als vielerorts die Landwirtschaft.

 

 

 

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