Insektenster­ben: Von der Tugend des Nichtstuns

Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museu
Foto: KURIER/Jeff Mangione Martin Lödl ist Direktor der Insektensammlung des NHM.

Martin Lödl vom Naturhistorischen Museum erklärt, wie wir dem dramatischen Insektensterben entgegentreten können.


Martin Lödl fleht, er klingt geradezu verzweifelt. Er hat nur eine Bitte, und die ist eigentlich ganz leicht zu erfüllen. Sie lautet: Einfach mal nichts tun. Nichts tun ist seine präferierte Maßnahme gegen das Insektensterben. "Lassen! Einfach lassen." Lödl hasst Insekten nicht, im Gegenteil. Er leitet die 2. Zoologische Abteilung im Naturhistorischen Museum Wien, die zehn Millionen Präparate an Insekten beheimatet.

Drei von vier Insekten sind verschwunden

Insekten sind – neben Spinnen und Schlangen – wohl jene Tiere, mit denen die Menschen am wenigsten Sympathien haben. Insekten, das sind Gelsen, Wespen und Kakerlaken – und die sorgen vor allem für Ärger und Ekel. Aber in den vergangenen Tagen hat eine neue Studie der Radboud-Universität in Nijmwegen für großes Aufsehen gesorgt: Die Zahl der Insekten in Deutschland hat in den vergangenen 27 Jahren um 75 Prozent abgenommen. Drei von vier Insekten sind weg. Ein unvorstellbares Massensterben.

Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museu Foto: KURIER/Jeff Mangione Aus der Insektensammlung des NHM: Südamerikanische Morpho rhetenor

Für Insektenforscher Lödl ist die Studie weder überraschend noch schockierend; und in Österreich ist es nicht anders. "Wir erleben diesen Niedergang seit Jahren", sagt er. Die Insekten werden insgesamt weniger und viele Arten sterben aus. Das hat auch damit zu tun, dass Insekten komplizierte Wesen sind. "Sie haben mehrere Stadien: Larven-, meist sogar auch Puppenstadien. Die meisten brauchen autochthone Pflanzen. Keinen Blutahorn, der in den Parks überall angesetzt wird", sagt Lödl.

Rund 40.000 Insektenarten gibt es in Österreich; ob eine Art tatsächlich ausgestorben ist, ist gar nicht so leicht festzustellen. Populationen schwanken über die Jahre stark, und überhaupt werden sie erst wahrgenommen, wenn sie eine gewisse Häufigkeit haben. Wenn sie weg sind, fällt es vielleicht gar nicht auf. Abertausende Arten könnten unbemerkt verschwunden sein.

"Grün" ist nicht Natur

Bei anderen Arten ist das Aussterben dokumentiert. "Die Delphiniums-Eule oder das mittlere Nachtpfauenauge gibt es in Österreich nicht mehr", sagt Lödl. Dass die Lage in Europa besonders dramatisch ist, sei kein Wunder – 512 Millionen Menschen leben in der Europäischen Union, eine Bevölkerungsdichte, die ihresgleichen sucht. "Erst wenn Sie die Bevölkerung von ganz Kanada, der USA und Russland zusammenzählen, kommen Sie annähernd auf dieselbe Zahl", sagt er.

Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museu Foto: KURIER/Jeff Mangione Der Atlasspinner ist in Ostasien verbreitet

Diese Menschen müssen nicht nur wohnen, sie müssen auch ernährt werden. Die Folge: überall Landwirtschaft. "Im Weinviertel sehen Sie auf Google Maps nur Kastln. Das sind alles Felder, oft Monokulturen. Zu behaupten, dass das veränderbar wäre, ist Öko-Träumerei. Damit müssen wir leben." Aber es sei eben auch der Grund, warum die Insekten verschwinden. Ohne echte Natur keine Insekten. Beim Naturverständnis vieler fängt das Problem bereits an. Natur, das würden viele so definieren: "Es ist grün da draußen". Aber Natur ist kein Park und auch keine gemähte Wiese.

Für einen Biologen ist Natur viel enger definiert, es ist "belebte und unbelebte Umwelt, wo es keine Population oder Art mit Energiehoheit gibt", sagt Lödl. Heißt: Keine Art, die das Potential hat, diesen Raum nach ihren Vorstellungen komplett zu verändern - oder zu zerstören. "Regenwald ist Natur. Da können auch indigene Völker drin leben – aber die haben nicht die Macht, den Regenwald ganz abzuholzen", sagt Lödl. In Österreich gibt es diese Form von Natur nur noch in den Hochalpen und im Lunzer Rotwald.

Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museu Foto: KURIER/Jeff Mangione Brahmaea wallichi aus Indien

Das Insekten-Zyankali

Was jetzt nicht heißt, dass der Kampf gegen das Insektensterben komplett verloren ist. "Ein großes Problem ist, dass die immer intensiver werdende Landwirtschaft immer ungehemmter mit der Chemokeule arbeitet", sagt Lödl. Besonders schlimm: Glyphosat, das nun vermutlich verboten wird, und Neonikotinoide. "Nikotin wirkt auf Insekten wie Zyankali auf den Menschen", sagt Lödl. Im Frühling könne auch jeder Laie das Massensterben beobachten, nachdem zum ersten Mal gespritzt wurde. "Da findet man dann zum Beispiel auf dem Bisamberg hunderte Hummeln, Bienen und sonstige Insekten am Boden, die können nicht mehr fliegen, drehen sich am Boden, sind totgeweiht, schwer vergiftet."

Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museu Foto: KURIER/Jeff Mangione Martin Lödl in seiner geordneten Unordnung

Aber es gibt noch einen zweiten Lösungsansatz, und den lebt er: Nicht immer alles aufräumen! In seinem Büro stapeln sich die Bücher und Papiere, „geordnete Unordnung“ nennt er das. Es sei aber schon besser als früher. "In drei Jahren gehe ich in Pension, deshalb habe ich schon angefangen aufzuräumen. Wenn ich mich beeile, geht sich das aus." Die Umwelt, sagt er, muss wieder mehr wie sein Büro werden. Allein eine Wiese zu mähen bedeutet "eine mittelschwere Gefährdung" für Insekten. Eier, Raupen und Puppen werden einfach mit umgemäht. "Alles, was da an Insekten war, ist in seiner Entwicklung abgeschnitten." Er sei ein Realo, dass Futterwiesen gemäht werden müssen, weiß er. "Aber es gibt so viele Wiesen in Gemeinden, die müssten nicht gemäht werden."

Der Tierkadaver, ein Paradies

Was Lödl bis heute nicht versteht: Wieso es so schwer ist, nichts zu tun. "Ich hatte früher Projekte mit Bürgermeistern, aber es ist mir nicht gelungen, denen Rückzugsflächen einzureden. Das Schwierigste ist, Lokalpolitikern etwas einzureden, das nichts kostet. Ich hab immer gesagt: ‚Lasst’s die G’stettn da draußen in Ruhe. Mäht es nicht, lasst es in Ruhe‘. Die Antwort: Na ja, aber das geht ja nicht, nehmen wir ein bissl Geld in die Hand, machen wir einen Park. Nein! Eben nicht!" Auch Bahngräben seien "ein reiches Biotop" – aber die werden viel zu oft einfach zugeschüttet, obwohl sie "Wahnsinnsstandorte" für Insekten wären. Noch besser: Tierkadaver. Ein Paradies für Insekten. Aber heutzutage wäre es undenkbar, den Kadaver einer Kuh einfach auf der Weide liegen zu lassen. Auch da: "Ich bin ein Realo, das ist nicht zu ändern."

Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museu Foto: KURIER/Jeff Mangione Sarah Saadain in der Schmetterlingssammlung des NHM

Anderes vielleicht schon. "Dem Aufräumzwang entgegenzutreten, nicht immer jedes Unkraut hinauszuziehen", das fordert auch Lödls Kollegin Sarah Saadain, Entomologin beim Naturhistorischen Museum. „Was für einen ein Unkraut ist, ist für einen Falter oder Käfer vielleicht überlebensnotwendig.“ Alleine das Wiener Nachtpfauenauge sei ein bis zwei Jahre nur verpuppt – und braucht also Zeit, sich zu entwickeln. Schmetterlinge seien faszinierende Geschöpfe: "Die Weibchen locken die Männchen mit Pheromonen an, die kommen über mehrere Kilometer herangeflogen und das punktgenau. Das braucht eine halbe Stunde. An vielen Menschen geht vorbei, was die Natur kann, wie faszinierend sie ist."

Aber all das stößt auf taube Ohren, solange Insekten von vielen als Ungeziefer, nicht als schützenswerter Teil unserer Umwelt gesehen werden. "Und das Problem wird größer, je weniger Insekten es gibt", sagt Saadain. "Die Kinder kennen dann nur noch die Honigbiene" – und ekeln sich vor den Insekten, weil sie nichts mehr damit anzufangen wissen. "Sie müssen noch sehen, was es alles gibt, bevor es das alles nicht mehr gibt", sagt sie.

Wer sich mit Insekten beschäftigt, findet sie auch nicht mehr grauslich. "Ich züchte Nachtfalter, auch gemeinsam mit Kindern, und: Die ekeln sich nicht, eine Raupe in der Hand zu halten." Es sei, sagt Sarah Saadain, so wie Konrad Lorenz schon meinte: "Man liebt nur, was man kennt. Man schützt nur, was man liebt."

(KURIER) Erstellt am
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