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Wissen Wissenschaft
01/17/2021

„Es gibt kein Entkommen vor der Mode“

Die Literaturwissenschafterin und Modetheoretikern Barbara Vinken über vermeintlich private Kleidung

von Barbara Mader

KURIER: Angeblich sitzen ja jetzt alle im Homeoffice mit den Jogginghosen herum. Ist das ein Grund, dieses Kleidungsstück ernst zunehmen?

Barbara Vinken: Mode entwickelt sich im 20. Jahrhundert durch eine Umcodierung von Codes: Klassencodes, Geschlechtercodes. Vieles davon ist über Sportswear gekommen, die Jogginghose ebenso wie die Leggings. Die Jogginghose ist eines der erfolgreichsten Kleidungsstücke unserer Zeit. Ob man sie deswegen ernst nehmen sollte, weiß ich nicht.

Wenn es stimmt, dass das Prinzip der Mode eines der Gegenbewegung ist – auf kurze Röcke folgen lange, auf Minimalismus Blümchen: Was haben wir nach dieser Phase des Homeoffice-Looks zu erwarten? Eine Renaissance von Schneiderkunst und Stilettos? 

Die Renaissance der Couture hat schon vor Corona begonnen. Wir sehen schon lange einen Trend zurück zur Schneiderkunst. Es gibt eine Dialektik zwischen dem Hängerchen von der Stange und dem sichtbar Geschneiderten. Die wird sich verstärken. Und jetzt kommt das Begehren dazu, endlich wieder einmal richtig angezogen zu sein. Was man trägt, ist ja nicht nur frivole Oberfläche; es gibt uns Haltung.

Stimmt also das Diktum: „Kleider machen Leute?“

Ja, auf jeden Fall. In Gottfried Kellers Novelle sind die Kleider zunächst trügerisch: Ein armer Schneider wirkt in seinem Samtumhang so romantisch, schlank und edel wie ein polnischer Prinz. Eine witzige Geschichte, weil der schöne, schwarzlockige Jüngling seine Rolle als ehrbarer Bürger leider ausfüllt. Mit Geld und Erfolg kommen die Kilos, aller Charme ist dahin. Klar ist, dass wir mit unserer Kleidung, ob wir wollen oder nicht, unserem Gegenüber Information über uns geben.

Wir haben vorhin von der Sprengung der Codes der Kleiderordnung gesprochen. Früher konnte man einfache Arbeiter und besser Gestellte auch an Ihrer Kleidung erkennen. Stichwort Blue Collar, white Collar. Heute hat man, anhängig von der Branche, den Eindruck, das Verhältnis habe sich umgekehrt. Je reicher oder unabhängiger jemand ist, desto eher kann er auf Konventionen pfeifen. Stimmt das ?

Ich würde eher sagen: Es hat eine Durchkreuzung der Codes stattgefunden. Der Soziologe Thorstein Veblen hat zu Angang des Jahrhunderts abfällig gemeint, dass nur Diener, Priester und Frauen noch Livrée tragen. Was so viel bedeutet wie: Untertanen tragen Uniform. Wenn Sie heute auf die Upper East Side in New York gehen, werden Sie nur die Doormen im Frack sehen. Wer dort ein- und ausgeht, sieht aus wie Steve Jobs. Schwarzer Rollkragenpulli und Jeans. Oder Jogginghose.

In den vergangenen Monaten haben wir unsere Kollegen im Homeoffice via Videokonferenz gesehen. Und uns gewundert, wie viele von ihnen Kapuzenpulli besitzen. Auch eine Art Dresscode?

Nun, der Hoodie ist mannigfaltig codiert. Einerseits will sich der Bankbeamte oder der mittlere Manager auch mal sportlich dynamisch geben. Andererseits hat dieses Kleidungsstück ja auch eine politische Komponente: man streift sich das Ausgegrenztsein der armen Jugendlichen über. US-Abgeordnete sind vor einigen Jahren als Reaktion auf die Ermordung eines schwarzen Jugendlichen selbst mit Hoodie im Plenum erschienen.

Erleben wir Menschen, wenn wir sie anders gekleidet in ihrer privaten Umgebung sehen, anders?

Natürlich. Wim Wenders hat einmal gesagt, ein Anzug von Yamamoto sei für ihn eine Rüstung für den täglichen Nahkampf. Im privaten Raum kann man sich schutzloser geben.

Das Wort Kostüm ist mehrdeutig. Es bedeutet Verkleidung und ist zugleich die Bezeichnung für einen geschneiderten Tailleur. Ist auch Mode eine Art Verkleidung?

Nun, im Karneval steht die Welt kopf, das gilt sicher auch für manche Modeschauen. Aber grundsätzlich ist alles Verkleidung. Um dieser Tatsache zu begegnen, ist wahrscheinlich Selbstironie das geeignete Mittel. Oder Authentizität. Aber das unverwechselbare Ich ist in dem Moment, wo es in die Mode eintritt, zugleich auch der Mode unterworfen. Es ist eine Fantasie. Da hatte Lagerfeld recht: Es gibt kein Entkommen vor der Mode.

Was tragen Sie selbst?

Gerade jetzt bin ich in meinem Büro auf der Uni und trage ein Vintage-Kostüm von Thierry Mugler. Ansonsten ist meine klassische Alltagskleidung schwarzer Kaschmir, gerne auch in Lagen getragen.

Und welchen Designer würden Sie als Ihren Favoriten bezeichnen?

Martin Margiela ist auf der intellektuellen Ebene sicher der Interessanteste. Und Susanne Bisovsky finde ich sehr witzig. Ich habe viel von ihr. Ihre Entwürfe machen Spaß.

 

Barbara Vinken:
Angezogen: Das 
Geheimnis der Mode.“ 
Klett-Cotta.
255 Seiten.
20,60 Euro. 

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