Wechselberg macht dem Schlabberlook ein Ende.

© dpa/Jan-Philipp Strobel

Modeerscheinung
01/17/2021

Der Sittenverfall trägt Jersey

Am 21. Jänner begeht die Welt den Tag der Jogginghose.Ist das Mode-moralisch verwerflich? Ein Blick in die Geschichte der Beinkleider

von Barbara Mader

Kleidung, schrieb der französische Sprachwissenschafter Roland Barthes, sei ein komplexes Zeichensystem, in dem Mode zugleich das Bedürfnis nach Individualität als auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe markiere. Es war das Jahr 1967 und das Kleidungsstück namens Jogginghose hatte sich erst seit Kurzem und ausschließlich in seinem natürlichen Habitat, jenem des Sports, etabliert.

Als Grazer Schüler vor elf Jahren den Tag der Jogginghose erfanden, ahnten sie nicht, wie sehr sie damit den Zeitgeist der kommenden Jahre treffen würden. 2020, das war unter anderem das Jahr, in dem sich die legendäre US-Vogue-Chefin in Jogging-Hose abbilden ließ und Sportbekleidungshersteller Rekordverkäufe bejubelten. „Im Homeoffice trägt man keinen Anzug,“ lieferte Adidas-Chef Kasper Rorsted die knappe Zusammenfassung des vergangenen Modejahres.

War das nun Ende der Mode? Sind Anzüge, schicke Kostüme und hohe Schuhe für immer passé, und hat mit US-Vogue-Chefin Anna Wintour nun auch die weltweit strengste Modensittenwächterin aufgegeben? Nein, Wintour hat mit ihrem Sweatpants-Post auf Instagram im Gegenteil versucht, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Modebranche in der Krise zu lenken. Abgesagte Modeschauen, Produktionsschwierigkeiten und schließlich das Homeoffice: Das Virus hat die Modebranche ins Mark getroffen.

Ein Akt der Würde

Dass ab nun das Diktat des Schlabberlooks, höchstens durchbrochen durch das Zoom-Hemd, das einzig gebügelte Hemd für Video-Meetings, gelten soll, ist keine ausgemachte Sache. „Unsere Klientel zieht sich auch Zuhause ordentlich an. Zu Mittag noch im Pyjama? Unvorstellbar!“, sagt Marie-Theres Arnbom, Inhaberin des Herrenausstatters Jungmann und Neffe in der Wiener Innenstadt. Und sie setzt hinzu: „Es ist schließlich auch ein Akt der Würde, sich ordentlich anzuziehen.“

Kleidung normiert unseren Umgang mit der Gesellschaft. „Wie wir uns kleiden, ist Teil der Sichtbarmachung unserer selbst. Das Aussehen zu verfremden, schafft Freiräume. Zum Beispiel, um andere soziale Erfahrungen zu machen“, sagt der Kostümexperte Stefan Hulfeld von der Uni Wien. Und so waren die ersten, oft noch ungelenken Zoom-Meetings, die den Blick ins Private erlaubten, durchaus spannend.

Zu Beginn stand die Frage, ob und welche Dresscodes hier gelten. In welchem gesellschaftlichen Zusammenhang befanden wir uns und welche Normen galten hier, daheim und doch vor den Kollegen? Denn das Homeoffice ist auf gewisse Weise ebenso normativ wie der Opernball. Auch der Kapuzenpulli ist Teil eines Codes (s. Interview re.). Und wer bestimmt die Normen? „Schauen Sie sich universitäre Umfelder an: Sie werden bei den Juristen andere Beobachtungen machen als auf der Theaterwissenschaft, wo der Ausdruck einer starken Individualität gelebt wird.“

Gerade die Betonung von Individualität kann Einschränkung bedeuten. Die Herrenmode der Moderne, schreibt die Modetheoretikerin Barbara Vinken (s. re.), entwickelte sich im 18. Jahrhundert in England. „Der englische Landadel zeigte in seiner Kleidung pragmatisch, dass er seine Güter, anders als der durch seine Kleider völlig behinderte, funktionsuntüchtige französische Adel, selbst bewirtschaftete.“

Die Entwicklung der Mode – bloß eine Frage der Bequemlichkeit? Der funktionale Herrenanzug wurde bald auch in Frankreich akzeptiert und, wie Schriftsteller Théophile Gautier schrieb, schließlich „dem Mann zur zweiten Natur“. Und das, obwohl der deutsche Philosoph Hegel eindringlich vor dem Vormarsch des Anzugs als „Zwangsjacke“ gewarnt hatte.

Eine Staatsaffäre

Bequemlichkeit ist ein dehnbarer Begriff. Auch „Gabrielle“ Coco Chanel legte Wert auf Bewegungsfreiheit und entlehnte ihre Damenentwürfe dem funktionalen Herrenanzug. Gefiel auch nicht jedem. Modische Sittenwächter, die als Instanz der Eleganz darüber bestimmen, was geht und was nicht, gibt es, seit es Mode gibt. Als Teenager Marie Antoinette nach Versailles kam, weigerte sie sich, das „Grand Corset“, ein besonders enges, steifes Korsett, anzulegen. Der Beginn ihrer modischen Revolution – und eine Staatsaffäre: Mama Maria Theresia musste einschreiten, um die Tochter zur Vernunft zu bringen.

Daumen rauf Daumen runter: Auch heute bestimmen Modezeitschriften, Stilberater und mitunter giftige Bürokollegen, was geht und was nicht. Von „Machiavellis der Eleganz“ schrieb der französische Dichter Jules Barbey d’Aurevilly. Vielleicht wäre der Vorzeige-Dandy auch zur Jogginghose gnädig gewesen. Denn er war der Ansicht, Kleidung allein sei nicht das Ausschlaggebende, um Stil zu beweisen: „Ein Anzug bewegt sich ja nicht von allein! Im Gegenteil! Erst eine bestimmte Art, ihn zu tragen, bringt das Dandytum hervor.“

Trotzdem, für manche kommt die Jogginghose einfach nicht in Frage. Der Schweizer Autor Martin Suter, bekannt für sein soigniertes Auftreten, trug schon als Kind Krawatte und Jackett. Den ersten Maßanzug ließ er sich schneidern, da war er noch keine zwanzig, und in Wien entdeckte Suter die Liebe zum Herrenausstatter Knize, wie er dem KURIER einmal erzählte. Jogginghose trägt er nur aus einem Grund: Beim Sport.

Und genau zu diesem Zweck wurde das diskutierte Schlabberteil vor rund hundert Jahren auch erfunden.

In den 1980er Jahren verhalf die Hip-Hop- und Rapperszene dem legeren Beinkleid zum Durchbruch. Im neuen Jahrtausend wurde die Jogginghose kurzfristig zum Laufsteg-Star und in der schicken Variante ist sie nun auf dem Weg zum Klassiker.

Karl Lagerfeld ließ einst zwar ausrichten, er hielte Jogginghosen für das Ende der Selbstbeherrschung, sein Label verkauft die Geschmacksfragen aufwerfenden Teile aber dennoch.

Und wer immer diesbezüglich ästhetisch empfindlich ist, sollte sich in Erinnerung rufen, dass die Herrenmode bis zur Aufklärung von Männerbeinen in Po- und Penis-betonenden Strumpfhosen dominiert wurde.

1882 eröffnete der Textilhändler Émile Camuset in Romilly-sur-Seine rund hundert km südöstlich von Paris einen  Strumpfwarenladen, aus dem später die  Sportartikelfirma Le Coq Sportif hervorging. Selbst begeisterter Sportler, fertigte Camuset zunächst Sporttrikots für Radfahrer und Rugbyspieler. Im ersten Firmenkatalog 1929 wurden Trainingshosen aus Jersey angeboten, zehn Jahre später folgten ganze Anzüge aus Jersey. 1964 präsentierte man den „Trainingsanzug“, auch „der Anzug für den 7. Tag“ genannt

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