Umweltmediziner Hutter und sein selbst designtes „Dogtown“-Board samt Rechtschreibfehler

© Kurier/Gilbert Novy

freizeit Leben, Liebe & Sex
07/21/2019

Skaten, bis der Arzt kommt

Für den Umweltmediziner Hans-Peter Hutter sind Surf-und Skateboards die Bretter, die die Welt bedeuten.

von Barbara Mader

Es spricht nichts dagegen, in schönen Hemden über hässliche Themen Auskunft zu geben. Man kennt den Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von Interviews über die gesundheitlichen Auswirkungen von Klimawandel, Luftverschmutzung, Lärm und Mobilfunk. Dass er dabei gerne bunte Hawaii-Hemden trägt, muss noch nicht heißen, dass er begeisterter Surfer ist und in Kalifornien lebt.

Ist er aber und ja, er hat in Kalifornien gelebt und dort in Santa Monica im Vans-Store gejobbt. Vans, das weiß jeder Mensch unter dreißig, sind Skater-Schuhe und Hutter, dessen Titelliste heute länger als sein Name ist (OA Assoz.-Prof. Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr. med. univ., er hat neben Medizin auch Landschaftsökologie und Landschaftsgestaltung studiert), ist öfter in ihnen anzutreffen.

Etwa, wenn er im Skate-Pool im Bednar-Park in der Leopoldstadt Dinge macht, die Namen wie „Smith Grind“ oder „Fifty Fifty“ tragen und man als Zuschauer froh ist, dass der Arzt schon da ist.

Als Hans-Peter Hutter im Wien der 1970er aufwuchs, gab es keine Vans und die Idee vom Surfen und Skaten war so weit weg wie Kalifornien. Als die ersten Skateboards in Österreich gesichtet wurden, war Hutter 14 und das Brett mit den vier Rädern bedeutete fortan seine Welt.

Wie lange noch? Zumindest, so lange es ihn freut. Skaten erfordert hohe körperliche Fitness. Der drahtige, braun gebrannte Hutter ist mit seinen 55 Jahren ziemlich sicher besser in Form als so mancher Mittzwanziger. Als Mediziner mit Forschungsschwerpunkt Risikoabschätzung weiß er außerdem, dass der Teufel im Detail liegt. Schon ein winziger Kieselstein oder ein Zigarettenstummel könnte ein Rad blockieren. „Eine ungünstige Begleitvariabel.“ Und weil er Gefahrenabschätzung nicht nur beruflich betreibt, hat Hutter immer einen Besen dabei, um den Betonpool, in dem er skaten wird, vorher zu reinigen.

Ob er sich als Mediziner der potenziellen Gefahren seines Sports bewusster ist? „Man braucht eine nüchterne Herangehensweise. Egal, ob es ums Skaten oder die Gefahreneinschätzung der Mobiltelefonie geht. Es muss eine Risikoanalyse gemacht werden. Aber man darf nicht zu kopflastig werden, sonst schränkt man sich ein.“

Eine solche Befürchtungseinschränkung hat man eventuell auch als Zuschauer. Es stockt einem der Atem, wenn man den Arzt im Betonbecken beobachtet. Gott sei Dank ist der Mann ausgerüstet. Hutter weiß, wie eine Fraktur medizinisch ausschauen kann. Auf die Idee, deshalb lieber Golf zu spielen, wie das Klischee es von einem Arzt Mitte fünfzig erwartet, käme er trotzdem nicht. Dass vieles bei seiner Lieblingsbeschäftigung „wild ausschaut“ weiß Hutter auch dank seines Nebenjobs: Er war Richter bei internationalen Skateboard-Meisterschaften. Als einziger Arzt vor Ort hat er Dinge gesehen, die auch für ihn „hardcore“ waren.

Skaten ist eine Leidenschaft mit vielen Facetten. Dass Hutter auch Landschaftsplaner ist, passt gut. Schanzen und Skateparks hat er schon als Jugendlicher selbst gebaut. In den 1980ern lieferten er und seine Freunde sich Kämpfe mit der MA 48. „Kaum haben wir uns eine Rampe auf der Donauinsel gebaut, ist schon die Müllabfuhr gekommen.“ Auch auf dem Karlsplatz  und anderen in Gegenden war  er als Teenie per Board unterwegs, nicht immer legal: „Ich musste etliche Male Strafen zahlen.“

Unlängst, beim Strandbad Alte Donau, überkamen den Herrn Doktor wieder Jugendgefühle, als ihn eine Stimme unwirsch aufforderte: „Owe vom Board!“

Als Hutter tatsächlich noch Teenager war, gab’s in Wien nicht nur keine Infrastruktur, sondern auch so gut wie keine Boards. Hutter wurde auch hier initiativ. Fallweise baut er heute noch Boards. Besonders wichtig ist dabei die Grafik auf der Unterseite. Sein Design ist inspiriert vom Wellenreiten und von Dogtown, einem Viertel in Los Angeles, wo die ersten Skateboarder in den 1960ern leere Schwimmbecken kaperten. Dass die Pools dort rund und bei uns eckig waren, ist eine ebenso einfache, wie logische Erklärung dafür, warum der Skate-Boom hier nie ganz angekommen ist. Eine weitere ist, dass Skaten eben vom Surfen kommt und L.A. dafür geeigneter als Wien ist – die Alte Donau in allen Ehren. Als 1978 die erste Plastikboardwelle nach Wien kam, rollte der 14-Jährige Hans-Peter im Donaupark über das WIG-Gelände, das Überbleibsel der internationalen Gartenschau. Es ging bergab und ein bisserl um die Kurve und das war das Spektakulärste, was man mit den ersten Boards machen konnte. In Oberlaa sah er dann zum ersten Mal, was sonst noch möglich war. Dinge wie „Double kick Flip“ lernte der junge Hans-Peter von anderen Skatern, von denen einzelne heute noch aktiv sind. „Wir haben uns damals alles aus importierten Heften abgeschaut. Laufende Bilder hatten wir ja nicht. Ich wusste gleich: Ich muss in die USA. Nach der Matura hab ich meinen Plattenspieler und mein Fahrrad verkauft bin nach Los Angeles gefahren. “

Im Vergleich zu seinen Arzt-Kollegen ist der skatende Hutter sicher ein bunter Hund. „Das Arzt-Klischee vom leicht reaktionären Doktor, der im Lacoste-Leiberl im Porsche sitzt, hab ich nie erfüllt.“

Eine Ausnahmeerscheinung ist der nicht mehr ganz junge Hutter natürlich auch unter den Skatern. „In den USA skaten die Leute bis 70, 80. Ich habe noch einiges vor. Zumindest zwei Tricks möchte ich noch lernen. Wenn das nicht mehr geht, bleibt immer noch das Surfen.“

Dass Skaten in Österreich als Sport nicht ernst genommen wird, ärgert ihn. Tausende Male hat er an Sportredaktionen geschrieben. International hat sich das Image seines Sportes gewandelt, er sieht das mit gemischten Gefühlen. Alles werde heute kommerzialisiert. Sein Sport war das Skaten schon, als es noch im Ghetto von Dogtown stattgefunden hat. Und im Donaupark.

 

Wenn das Skaten museumsreif wird

Früher galt Skateboarding ebenso wie Street-Art als Störung des öffentlichen Raums. Erst seit wenigen Jahren gibt es Skateparks in Österreich – viel zu wenige und nicht immer auf internationalem Niveau, findet Hans-Peter Hutter: „Österreich ist Hintertupfing“. 

Ein paar empfehlenswerte Adressen gibt es aber dennoch:
Skatepark Oberlaa. 1100 Wien, eine der ältesten Anlagen Wiens.
In Penzing gibt es den Goodlands Skatepark, skatepark14.zeitraum.org
In der Liesinger Perfektastraße 86 ist in der Skatearea der „Verein zur Förderung der Skatekultur“ zu Hause. Skatearea23.at
Zu den empfehlenswerten Adressen in Westösterreich zählt der Tiroler Cradle Skatepark, Innsbrucker Straße 54,  
6230 Brixlegg. skatethecradle.com

 

 

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