Wissen und Gesundheit
02.02.2018

Wie Spenderorgane länger überleben können

An der Innsbrucker Uni-Klinik revolutioniert ein neues Gerät die Lebertransplantation. In Wien werden Spenderherzen auch in schlagendem Zustand transportiert. Die maschinelle Durchblutung der Organe ermöglicht, dass sie länger außerhalb des Körpers aufbewahrt werden können.

Jeder, der hin und wieder eine Arztserie im Fernsehen schaut, kennt die Szenen: Mediziner packen im Wettlauf gegen die Zeit ein Spenderorgan in eine Kühlbox und fliegen damit so rasch wie möglich dorthin, wo der Patient auf seine lebensrettende Transplantation wartet.

Zumindest was Leber- und in naher Zukunft womöglich auch Nierentransplantationen betrifft, könnte dieses Prozedere bald der Vergangenheit angehören. An der Innsbrucker Uni-Klinik ist am Donnerstag ein Gerät in Betrieb genommen worden, das Stefan Schneeberger, Leiter des dortigen Transplantationszentrums, als eine neue "revolutionäre Technik" feiert.

24 Stunden Konservierung

"Wir freuen uns einen Haxen aus", machte der Chirurg gestern keinen Hehl aus seiner beinahe kindlichen Freude. Dafür verantwortlich ist "Metra", ein vollautomatisches Gerät zum Lebertransport, in dem das Organ durchblutet werden und somit 24 Stunden bei Körpertemperatur konserviert werden kann. "Bis jetzt haben wir versucht, eine Spenderleber möglichst schnell zu kühlen. Jetzt machen wir genau das Gegenteil", sagt Schneeberger.

Das neue Verfahren ermöglicht einen Quantensprung in der Transplantationschirurgie. Denn mit der Kühlmethode blieb dem Ärzteteam bislang nur ein Zeitfenster von sechs bis zehn Stunden, um eine entnommene Leber wieder zu verpflanzen. "Das war eine Akutsituation. Jetzt haben wir Zeit, den Patienten vorzubehandeln", erklärt der Leiter des Innsbrucker Transplantationszentrums.

Auf Funktionstüchtigkeit prüfen

Doch "Metra" bietet den Medizinern vor allem auch die Möglichkeit, das Organ auf seine Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. "Sobald die Leber an das Gerät angeschlossen wird, funktioniert sie wie im Körper", erklärt Annemarie Weißenbacher. Die Transplantationschirurgin hat ihre Ausbildung in Innsbruck begonnen und absolviert derzeit ihr PhD-Studium in Oxford.

Peter Friend, Leiter des dortigen Transplantationszentrums, ist der Vater von "Metra". "Wir hoffen und glauben, dass wir in Zukunft keine Patienten mehr haben werden, die sterben, während sie auf eine Lebertransplantation warten", sagte der aus England angereiste Forscher in Innsbruck.

Alter der Spender steigt

Denn durch das Verfahren können nun auch Organe transplantiert werden, bei denen es ansonsten im Vorfeld Bedenken hinsichtlich der einwandfreien Funktionstüchtigkeit geben würde. Das betrifft insbesondere Organe von älteren Spendern. "Das Durchschnittsalter von Spendern ist in den vergangenen 25 Jahren um 25 Jahre gestiegen", sagt Schneeberger. Durch den Funktionscheck mit "Metra" können nun wesentlich mehr Spenderlebern transplantiert werden, als bisher.

Die Mediziner rechnen zudem damit, dass die Organe künftig auch in dem Gerät behandelt werden können. Schon jetzt hat sich in Studien gezeigt, dass sich die Qualität der Lebern verbessert, nachdem sie an "Metra" angeschlossen werden. "Wir bauen gerade einen Prototyp für Nieren", kündigt Weißenbacher an, dass die Technik zudem bald bei anderen Organen Anwendung finden könnte. In Wien wird mit einem ähnlichen System die Haltbarkeit von Herzen verlängert (siehe untenstehenden Artikel).

Die Uni-Klinik Innsbruck ist indes weltweit eines der ersten Zentren, an denen "Metra" eingesetzt wird. In Tirol werden etwa die Hälfte der jährlich rund 160 Lebertransplantationen in Österreich durchgeführt.

Mit Mini-Maschine ist ein längerer Transport möglich

„Das ist eine sensationelle Entwicklung“, sagt auch Andreas Zuckermann, Leiter des Herztransplantationsprogramms von MedUni und AKH Wien, zu den Fortschritten bei der Lebertransplantation: „Es gibt verschiedene Systeme, aber die Philosophie ist dieselbe: Organe außerhalb des Körpers länger haltbar zu machen, indem sie mit Blut und Nährstoffen durchspült werden.“

Ein Beispiel ist auch das „Organ Care System“: Eine Herz-Lungen-Maschine im Kleinformat, die es ermöglicht, das entnommene Herz im schlagenden Zustand zu transportieren. „Sobald das Herz mit sauerstoffreichem Blut und Nährstoffen durchspült wird, beginnt es von selbst zu schlagen.“

Bis zu neun Stunden

In einer Kühlbox kann ein Spenderherz rund vier Stunden aufbewahrt werden – mit dem neuen System deutlich länger. Bereits 2007 wurden im Rahmen einer Studie in Wien einige Transporte damit durchgeführt. „September 2017 haben wir als Beginn eines neuen, größeren Projekts wieder einen Transport innerhalb von Österreich durchgeführt. Dank einer Initiative unseres Herzchirurgie-Chefs Günther Laufer können wir ab März das System regelmäßig einsetzen.“ Die längste Zeit, die ein Herz in Wien in dieser Maschine war, betrug rund sechs bis sieben Stunden. England und Australien sind führend, dort wurden bereits an die 70 Transplantationen damit organisiert. „International gibt es Berichte von bis zu neun Stunden Transportzeit – ohne die Langzeitergebnisse zu verschlechtern. Diese können mit herkömmlichen Transplantationen absolut mithalten.“

Pionierleistung

Österreich zählt zu den ersten Ländern, die dieses System in größerem Rahmen einsetzen werden. „Wir bekommen immer wieder Organe aus dem Ausland angeboten, die wir bisher wegen einer zu langen Transportzeit ablehnen mussten. Mit dem neuen System können wir den Pool an potenziellen Spendern ausweiten und Organe akzeptieren, deren Annahme wir uns bisher nicht getraut haben.“

Das Organ Care System ermöglicht auch, Organe auch nach einem Herzstillstand zu verwenden – was bisher nicht möglich war. „Hat das Herz aufgehört zu schlagen, konnten wir bisher nicht untersuchen, ob es noch für eine Transplantation geeignet ist. Indem es in der Mini-Herz-Lungen-Maschine wieder zum Schlagen gebracht wird sehen wir, ob es geeignet ist. Die Ausfallsquote liegt bei zirka 15 Prozent. Auch damit können wir den Spenderpool erweitern.“