Wissen und Gesundheit
03.07.2017

Mit einer neuen Lunge auf den Kilimandscharo

Zehn Lungentransplantierte bestiegen mit ihren Ärztinnen und Ärzten der MedUni Wien / AKH Wien den höchsten Berg Afrikas. Die Expedition sollte zeigen, wie groß die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit nach einem solchen Eingriff heute bereits sind.

Vor drei Jahren wurde die Idee geboren. Um zu zeigen, welche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität Menschen mit einer transplantierten Lunge haben, hatte der Lungenfacharzt Peter Jaksch von der Uni-Klinik für Chirurgie der MedUni Wien / AKH Wien die Idee zu einer gemeinsam Expedition auf den Kilimandscharo, den höchsten Berg Afrikas (5.895 m). Gemeinsam heißt: Transplantierte mit ihren Ärztinnen und Ärzten, TherapeutInnen, Pflegepersonal und Angehörigen. Jaksch betreut seit 16 Jahren als Internist die lungentransplantierten Patientinnen und Patienten des AKH Wien nach der Operation.

"Organtransplantationen und Bergsteigen: „Das ist eigentlich nicht der Normalfall“, sagt Jaksch, In der wissenschaftlichen Literatur gibt es nur wenig Berichte dazu. Und wenn, dann nicht von Menschen mit einer transplantierten Lunge.

Drei Jahre lang hat Jaksch die Expedition vorbereitet. 2015 reiste er dafür nach Tansania, suchte dort einen geeigneten Führer aus, mit dem er dann bis zur Expedition in regelmäßigem Kontakt stand.

Im Juni war es dann so weit: Zehn Menschen mit einer transplantierten Lunge im Alter von 23 bis 63 Jahren nahmen den Aufstieg zum Kilimandscharo in Angriff, 24 Personen begleiteten sie. Alle zehn Teilnehmer mit einer transplantierten Lunge (aus Österreich, Ungarn, Italien, Slowenien, Griechenland und Rumänien) hatten den Eingriff in Wien. Zwei Patienten kehrten auf 4000 Höhenmeter um, aber acht Patienten und alle Begleitpersonen erreichten den Gipfel. Niemand hatte schwerwiegende gesundheitliche Probleme.

Walter Klepetko, Leiter des Lungentransplantationsprogramms: „Die Lebensqualität nach einer Transplantation ist heute unglaublich gut.“

Andreas Gappmayr, 45, aus Großarl, hatte bereits 2002 seine Transplantation. "Als Patient mit zystischer Fibrose hätte ich sonst keine Überlebenschance gehabt."

Am anstrengendsten war die letzte Etappe. "Wir sind von Mitternacht bis sechs Uhr in der Früh gegangen, in der Finsternis und Kälte, bei gefühlten minus 15 Grad".

Im letzten Camp auf 4673 Meter Höhe war der Sturm so stark, dass der Wind viele Zelte wegwehte, es konnten nur notdürftig Schlafzelte aufgestellt werden. "Wir haben zwei Stunden geschlafen und sind um Mitternacht Richtung Gipfel aufgebrochen", erzählt Gappmayr. Im letzten Drittel der letzten Etappe dachte er kurzfristig ans Umkehren: "Aber dann haben wir uns besprochen und gemeinsam entschieden, weiterzugehen. Als dann gegen 5.30 Uhr die Sonne aufgegangen ist, war das eine zusätzliche Motivation für uns alle."

Siegfried Gimpel, 61, erfuhr erst relativ kurzfristig von der Expedition, war aber sofort begeistert - als 22-Jähriger war er auf dem Nanga Parbat. Er wurde 2012 transplantiert, idiopathische Lungenfibrose nahm auch ihm den Atem. "Hätte ich damals gewusst, was mit einer neuen Lunge alles möglich ist - die Entscheidung zur Transplantation wäre mir viel leichter gefallen."

Während der ganzen Expedition sind die Teilnehmer sehr engmaschig medizinisch überwacht worden: Sauerstoffsättigung des Blutes, Herzfrequenz, Blutdruck, Laktat und ein Ultraschall von Brustfell und des Sehnervs (um mögliche Flüssigkeitsansammlungen als Folge der Höhenkrankheit frühzeitig zu entdecken) waren nur einige der Parameter. Seit September hatten sie sich mit Ausdauertraining auf den Aufstieg vorbereitet.

Keine schwerwiegenden Gesundheitsprobleme

Auch dank der guten Vorbereitung und Betreuung sind keine schwerwiegenden gesundheitlichen Probleme aufgetreten: "Wir hatten keine Infektion, keinen Brechdurchfall", sagt Jaksch. Das einzige waren leichte bis mittelgradige Symptome einer Höhenkrankheit (Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen). Dass alles so gut ablief, war auch der exzellenten Planung zu verdanken: So wurden 500 Liter einwandfreies Trinkwasser speziell für die Transplantatempfänger mitgeführt, um ja kein Risiko einer bakteriellen Infektion einzugehen.

"Ich bin ja nicht so schlecht trainiert. Aber die Expedition hat auch mich hergenommen", sagt Klepetko.

Wir haben alles getan, um das Risiko zu minimieren, aber natürlich blieb ein gewisses Restrisiko", sagt Klepetko. "Wir haben sehr viel Verantwortung auf uns genommen", sagt Jaksch. "Aber es ist alles gut gegangen."

Und das Ziel wurde erreicht: "Zu zeigen, wie gut Lebensqualität und Leistungsfähigkeit nach einer Lungentransplantation heute sind und dass sich der Aufwand eines solchen Eingriffs in jedem Fall lohnt. Die Fortschritte bei der Lungentransplantation waren in den vergangenen 20 Jahren um eine Zehnerpotenz höher wie in vielen anderen Bereichen der Medizin."

Das Projekt soll den von einer Lungentransplantation betroffenen Patientinnen und Patienten Hoffnung geben - zu sehen, was heutzutage auch mit einem gespendeten Organ möglich ist, betonen die Ärzte. "Ich hätte nicht gedacht, dass so eine Leistung mit einer transplantierten Lunge möglich ist", sagte Siegfried Gimpel.

Möglich wurde die Expedition übrigens nur durch großes privates Engagement aller Beteiligten und private Spender: Damit konnte für einige finanziell schlechter gestellte Transplantationspatienten ein Zuschuss ermöglicht werden, alle Begleitpersonen finanzierten sich die Reise zur Gänze selbst.

Weltweit führendes Zentrum

Im November 1989 wurde im Wiener AKH die erste Lungentransplantation durchgeführt. Heute gilt das Zentrum am AKH Wien / MedUni Wien als eines der vier weltweit führenden Zentren für Lungentransplantationen (neben Hannover, Toronto und Cleveland). Jährlich werden 100 bis 120 Lungentransplantationen durchgeführt, insgesamt bisher mehr als 1800.

Wie gut die Ergebnisse heute bereits sind, zeigt der Umstand, dass im Vorjahr nur ein Österreicher, der auf der Warteliste gestanden ist, gestorben ist.

An der Universitätsklinik für Chirurgie der MedUni Wien und des AKH Wien wurden bisher auch alle Spenderlungen aus der Slowakei, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Griechenland, Zypern, Rumänien und Bulgarien transplantiert, da diese Länder selbst über kein Transplantationszentrum verfügen. Da aus diesen Ländern aber immer mehr Organe gespendet wurden als es Patienten in der eigenen Bevölkerung gab, profitierte von der Kooperation auch die österreichische Bevölkerung stark. Jetzt helfen die Wiener Spezialisten den bisherigen Kooperationsländern beim Aufbau eigener Transplantationsteams.