Wissen und Gesundheit
08/18/2016

Was Wissenschafter über Chemtrails herausgefunden haben

Anerkannte Forscher gingen allen Behauptungen zu den Kondensstreifen nach.

"Definitiv bewiesen!" – "Diese Sache von historischer Bedeutung geht uns alle an!" – "Die Mainstream-Medien sind, wieder einmal, nicht ehrlich": Wer im Internet eine der vielen Chemtrail-Seiten öffnet, wird mit solchen Behauptungen förmlich überschwemmt: Flugzeuge würden im Auftrag von Regierungen Chemikalien versprühen, um Menschen zu manipulieren und zu vergiften – das glauben die Verschwörungstheoretiker und bezeichnen die Kondensstreifen deshalb als "Chemtrails" – ein Kunstwort, abgeleitet von der englischen Bezeichnung für Kondensstreifen ("Condensation trail" bzw. abgekürzt "Contrail"). Kein Forscher einer anerkannten Uni oder anderen wissenschaftlichen Einrichtung unterstützt diese Theorie. Trotzdem setzten sich Forscher der University of California näher damit auseinander.

Sie baten mehr als 350 Atmosphärenforscher und Geochemiker, auf einzelne Argumente der Chemtrail-Aktivisten einzugehen – allesamt Experten, die in ihrem Fachbereich bereits Studien in den wichtigsten Forschungsjournalen veröffentlicht haben. 77 beantworteten alle Fragen und konnten so in die Untersuchung einbezogen werden.

Von diesen 77 glaubte nur ein Einziger, schon jemals auf etwas gestoßen zu sein, was möglicherweise ein Hinweis auf Chemtrails sein könnte – und zwar eine hohe Konzentration des Leichtmetalls Bariums in der Atmosphäre in einer entlegenen Region. Denn dort ist der Barium-Gehalt im Boden niedrig. Der Großteil der Experten sah für diesen hohen Wert allerdings andere Ursachen.

Keine Zustimmung

Den Forschern wurden u. a. Fotos spezieller Kondensstreifen vorgelegt, die Chemtrail-Befürworter als Beleg für ihre Theorie sehen (siehe Grafik unten). Doch keiner stimmt dem zu – jeder der befragten Experten hatte andere, ziemlich plausible Erklärungen.

"Kondensstreifen entstehen, wenn die Luft mit Wasserdampf bereits gesättigt ist", sagt der Meteorologe Herbert Formayer, Leiter der Klima-Arbeitsgruppe am Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur. "Kommen dann zusätzlich Wasserdampf und Partikel (sie dienen als Kondensationskerne, Anm.) aus den Verbrennungsrückständen hinzu, können sich Wolken bilden." Auch Formayer hat ganz naheliegende Erklärungen für die Phänomene auf den oben zu sehenden Fotos: "Luftschichten können wellenförmig verlaufen. Dadurch können sich in der Reiseflughöhe eines Passagierjets trockene und feuchte Luftbereiche abwechseln. In trockener Luft bilden sich aber keine Kondensstreifen – das zum Beispiel erklärt Unterbrechungen."

Dass Kondensstreifen heute möglicherweise länger als früher am Himmel zu sehen sind, sei ebenfalls leicht erklärbar: "Wenn auf intensiv beflogenen Routen die Luft permanent mit Wasserdampf aufgefeuchtet wird, dann dauert es einfach länger, bis diese Luftschicht wieder Wasser aufnehmen kann – und sich damit die Wolken auflösen. Aber mit Chemtrails hat das nichts zu tun, das ist ein rein physikalischer Effekt."

Doch Formayer hat noch ein ganz anderes Argument gegen diese Verschwörungstheorie: "Wenn Sie Substanzen aus 10.000 Meter Höhe versprühen, wissen Sie überhaupt nicht, wo diese auf der Erde ankommen – der Ort des Niederschlags kann Hunderte bis Tausende Kilometer weit vom Ausbringungsort entfernt sein. Denn in diesen Höhen gibt es Windgeschwindigkeiten von mehreren hundert Stundenkilometern."

Praktisch würde das bedeuten: "Sie versprühen etwas über Amerika und es kommt – vielleicht – in Europa an. Oder wenn man etwas über Europa ausbringt, geht es nach Asien. Die Zielgenauigkeit geht damit gegen null."

Sehen Sie hier eine Infografik zum Thema:

Alle unter einer Decke

Sie wollen uns alle vergiften und die Umwelt verseuchen. Im Netz kursieren sogar (mitunter gefährliche) Medikamentenempfehlungen, um sich vor den sogenannten Chemtrails zu schützen. Selbst hochrangige Politiker wie Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer befürchteten in den Kondensstreifen von Flugzeugen schon die absichtliche Freisetzung von Chemikalien, um das Klima zu beeinflussen.

Da muss doch was dran sein – und die Lügenpresse verschweigt alles, weil sie mit den geheimen Weltmächten unter einer Decke steckt. Oder weil sie lieber über nette Freundschaftsdienste unter Politikern und deren Angehörige lästert, statt seriös zu arbeiten. Dabei weiß der Onkel von einem Freund eines Kollegen, der auf einer Berghütte lebt, dass dort auch schon Chemikalien im Wasser gefunden wurden. Nur blöd, wenn sich das logisch erklären lässt – etwa damit, dass Flugzeuge genauso wie Autos eben Abgase produzieren.

Und noch blöder ist es, wenn Wissenschaftler daherkommen und für jeden noch so verdächtigen Kondensstreifen eine Erklärung finden. Aber wer weiß, wahrscheinlich stecken die auch mit den geheimen Weltmächten unter einer Decke.