Wissen und Gesundheit
08.11.2017

Wie die Übergewichtsepidemie gestoppt werden soll

Nach der neuen Studie, wonach bereits fast jeder dritte Achtjährige übergewichtig ist: Wie der Trend gestoppt werden könnte.

Die finnische Stadt Seinäjaki hatte dasselbe Problem wie Österreich: Die Zahl der Kinder mit Übergewicht ist stark gestiegen. Bis man 2013 die Notbremse zog – und einen Aktionsplan ins Leben rief: Einheitliche Standards für gesundes – und günstiges – Essen in der Schule, Bewegungseinheiten, die in den Unterricht integriert sind, Stehpulte, damit die Kinder weniger sitzen, Lebensstilberatung der künftigen Eltern bereits in der Schwangerschaft und generell eine enge Kooperation mit den Familien. Damit konnte innerhalb von fünf Jahren die Zahl übergewichtiger Schulkinder halbiert werden.

Unterschiede bei Buben und Mädchen

Für Daniel Weghuber, Kinderarzt am Universitätsklinikum Salzburg, bräuchte es auch in Österreich einen solchen koordinierten Aktionsplan. Weghuber ist einer der Autoren einer Studie im Rahmen der "Childhood Obesity Surveillance Initiative" der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - der KURIER berichtete. An 200 per Zufallsstichprobe ausgewählten Volksschulen wurden 2510 Kinder im Alter von acht bis neun Jahren (dritte Schulstufe) untersucht: Demnach sind österreichweit rund 30 Prozent der Buben übergewichtig oder adipös. Bei den Mädchen sind es 21 Prozent im Westen und 29 Prozent im Osten. Diese Zahlen bedeuten einen Anstieg von ungefähr fünf Prozent in den vergangenen sieben Jahren.

Sehen Sie in der Infografik die wichtigsten Daten der Kinderstudie und des Ernährungsberichts:

Besonders beunruhigend ist, dass es bei den extrem übergewichtigen Kindern einen sehr hohen Anstieg gab. So sind in Südösterreich bereits 5,2 Prozent der Buben von "extremer Adipositas" betroffen – der Spitzenwert in Österreich.

Dass es oft einfache Maßnahmen sind, die viel bewirken, zeigte eine Studie: In Schulen, in denen kostenlos Gemüse angeboten wird, ist die Rate der übergewichtigen Kinder deutlich geringer. Gibt es gar kein Gemüseangebot oder kostet es etwas, steigt die Zahl der übergewichtigen Kinder an – stärker bei ersterem. Im städtischen Umfeld war der Anteil der übergewichtigen Kinder übrigens deutlich höher – ebenso in Schulen, wo ein eigener Turnsaal fehlte.

Bezug fehlt

Ein Problem sei auch der fehlende Bezug zur Lebensmittelherstellung: "Die meisten wissen nicht, was in den Produkten enthalten ist und was Qualität ausmacht", sagt Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften der Uni Wien und einer der Autoren des Österreichischen Ernährungsberichts 2017. Dieser befasst sich mit der Situation der 18- bis 64-Jährigen.

Laut Karin Schindler vom Gesundheitsministerium seien bereits zahlreiche Maßnahmen gesetzt worden: Etwa Ernährungsempfehlungen für Kinder oder eine Initiative für gesunde Schulbuffets.

Stagnation bei den Erwachsenen

Die positive Nachricht: Im Gegensatz zu den Kindern stagniert bei den Erwachsenen der Prozentsatz der Übergewichtigen – auf hohem Niveau. 41 Prozent der Erwachsenen sind übergewichtig bzw. adipös, wobei der Anteil mit steigendem Alter zunimmt. Ein Grund: Ein nach wie vor zu hoher Zucker- und Fettkonsum. Nicht nur die Frauen, auch die Männer essen zu viel Süßes, und bei den Männern beträgt der Fleischkonsum das Dreifache der empfohlenen Menge.

Positivbeispiel Eddy

Was mit gezielten Maßnahmen möglich ist, zeigt dasEDDY-young Projekt in Wien. In einer Schule in Wien-Meidling werden acht- bis zehnjährigen Schülern spezielle Unterrichtsstunden zum Thema Ernährung sowie 16 zusätzliche Bewegungseinheiten pro Semester im Rahmen des regulären Unterrichts angeboten. Eine Zwischenauswertung zeigt: "Der Gesundheitszustand hat sich dadurch deutlich verbessert", sagtKurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin und Leiter des Projekts.
Im Gegensatz dazu zeigte sich an einer Vergleichsschule ohne zusätzliche Angebote keine Verbesserungen. "Wir benötigen Schulungen für die Lehrer, und die Schulärzte müssen mehr in die Prävention eingebunden werden. Dafür braucht es aber öffentliche Mittel. Unser Projekt lebt derzeit nur dank privater Sponsoren – das kann nicht die Zukunft sein."