Superfoods sind bei Ernährungsex­per­ten umstritten

Superfoods
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Der angebliche außergewöhnliche Nutzen für die Gesundheit ist für viele nur ein Marketingversprechen.

Wer noch auf Goji-Beeren oder Chia-Samen setzt, ist in Sachen Superfoods längst nicht mehr auf dem neuesten Stand. 2016 hießen die neuen "Wundermittel" etwa Reishi, Spirulina oder AFA-Alge. Auch sie sollen besondere Eigenschaften besitzen, die sie zu besseren und gesundheitlich nützlicheren Lebensmitteln als herkömmliche machen. Doch die Anpreisungen von isoliert betrachteten Inhaltsstoffen als Gesundheitsbooster werden von Experten immer stärker in Frage gestellt.

Modewort "Superfood"

"Superfood ist zu einem Modewort geworden", betont man bei der Europäischen Informationszentrale für Lebensmittel (EUFIC). Hinter der populären und attraktiven Idee stehe das öffentliche Interesse an Lebensmitteln und Gesundheit in den Industriestaaten. "Mit Lebensmitteln wird immer wieder versucht, Geschäfte zu machen. Superfoods sind überbewertet", sagt Ernährungswissenschaftlerin Sabine Bisovsky. "Oft will man sich um teures Geld ein gutes Gewissen erkaufen, um schlechte Ernährungsgewohnheiten zu relativieren."

Definition und rechtliche Grundlage fehlen

Das grundlegende Problem liegt für Univ.-Prof. Ingrid Kiefer von der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit der Gesundheitsministeriums) aber woanders: Es gibt weder eine fachliche Definition des Begriffs, noch eine gesetzliche Regelung. "Superfoods sind Lebensmittel wie jedes andere auch und müssen daher diesen Anforderungen entsprechen." Das heißt: "Ein Lebensmittel muss sicher sein und es dürfen keine krankheitsbezogenen Aussagen gemacht werden." Doch genau diese Kriterien erfüllen viele Superfoods nicht. "Hier werden häufig abstruse Aussagen gemacht." Der asiatische Heilpilz Reishi soll etwa gegen Leberleiden, Allergien, Herzerkrankungen oder sogar Krebs wirken. Bisovsky ergänzt: "Wenn Produkte eine nachweislich therapeutische Wirkung haben, gehören sie nicht in den Supermarkt, sondern in die Apotheke oder zum Arzt."

Studienlage

Manche positiven Effekte lassen sich tatsächlich in wissenschaftlichen Studien belegen. Bei der AGES hat man die Studienlage zu gängigen Superfoods wie Chia-Samen, Aronia- und Goji-Beeren genauer analysiert. "Letztendlich muss man sagen, die Wirkungen sind nicht ausreichend wissenschaftlich belegt." Dazu kommt, dass viele als Belege genannte Studien nur eine Auswahl aus vielen Forschungsarbeiten darstellen, heißt es bei der EUFIC. Und: "Ein wesentliches Forschungsmerkmal ist, dass tendenziell sehr große Mengen an Nährstoffen verwendet werden." Diese werden bei einer normalen Ernährungsweise gar nicht erreicht.

Nicht besser

Die Bezeichnung, ein Lebensmittel sei "super", suggeriert, es sei wertvoller als andere, etwa heimische. Doch das stimmt nicht. "Chia hat etwa sehr ähnliche Inhaltsstoffe wie Leinsamen", weiß Kiefer. Für Ernährungsexperten geht es generell in der Ernährung immer um die Gesamtheit aller Nährstoffe. "Wenn man sich ausgewogen ernährt und saisonal versorgt, ist der Körper mit allen Nährstoffen gut versorgt", sagt Sabine Bisovsky. Derzeit haben etwa klassische Wintergemüse wie Kohl, Kraut oder Wurzelgemüse Saison. "Gerade sie haben ein großes Potenzial und sind wertvoll für die Ernährung."

Ingrid Kiefer: "Es kommt immer auf die Summe der Nährstoffe an. Auch kein Superfoods kann diese Gesamtheit bieten." Aus ihrer Sicht gibt es für den Menschen überhaupt nur ein Superfood, das diese Kriterien erfülle: die Muttermilch. "Und auch diese ist nur für einige Monate gedacht."

Moringa. Blätter, Früchte, Wurzeln und Samen des Moringa-Baumes wurden in Indien und auch Ägypten schon vor Jahrhunderten als Heilmittel genutzt. Hierzulande werden am häufigsten die Blätter verwendet, da sie die meisten Vitalstoffe enthalten sollen. Sie enthalten viele sekundäre Pflanzenstoffe wie etwa Antioxidantien, die das Immunsystem unterstützen und freie Radikale abfangen. Dazu kommen Senföle, die die Verdauung unterstützen und Proteine sowie Aminosäuren, die zum Aufbau von Haut und Bindegewebe nötig sind. Maca. Die peruanische Wurzel gilt als höchtgelegene Kulturpflanze der Welt, weil sie in kargen Anden-Regionen bis zu 4000 Metern gedeiht und wurde angeblich bereits von den Inka verehrt. Sie sollen sie für Kraft sowie als Fruchtbarkeitsmittel bei Mensch und Tier eingesetzt haben. Heute werden besonders die harmonisierenden und stabilisierenden Eigenschaften auf Hormon-, Nerven- sowie Herz-Kreislaufsystem geschätzt. Zudem soll es bei erhöhtem Energiebedarf positiv wirken.
  CamuCamu. Die Beere stammt aus dem Amazonasgebiet und ist vor allem wegen ihres außergewöhnlich hohen Gehalts an Vitamin C bekannt. CamuCamu enthält wichtige Mineralien wie Kalzium, Phosphor, Kalium und Aminosäuren. Es soll auch das Immunsystem stärken sowie die Konzentration und positive Stimmung steigern.
 
  Canihua. Die kleinen, braunen Körner zählen zu den sogenannten Pseudogetreidesorten und sind in Peru heimisch. Sie bestechen durch ihren feinen, nussig-schokoladigen Geschmack, aber auch durch Ballaststoffe, viel Eisen, Zink und Folsäure. 40 % des enthaltenen Fetts macht Linolsäure aus, die vom Körper sehr gut verwertbar ist. Viele verwenden die Samen sogar als Knabberei-Ersatz.
  Baobab. Die Frucht des afrikanischen Affenbrotbaumes gilt in ihren Herkunftsländern als als sehr nährstoffreich. Besonders ihr Gehalt an Inhaltsstoffen wie Vitamin C, Kalium, Kalzium und Antioxidantien ist hoch. Sie ist auch als natürliches Mittel gegen Verstopfung bekannt. Während die Früchte des Affenbrotbaums hierzulande nicht so bekannt ist, kennen viele das Bild des markanten Baumes. Nicht zuletzt aus dem Buch vom "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupery. Moltebeeren. Die Früchte aus Lappland wachsen in moorigen Regionen, sind sehr selten und gelten als teuerste Beerenfrucht. Aufgrund ihres hohen Vitamin-C-Gehalts wurden sie von nordischen Seeleuten gegen Skorbut eingesetzt. Dazu kommt ihr hoher Anteil wertvoller Spurenelemente. Basilikumsamen. Die in Asien beliebten Samen sind proteinreich und sollen Stoffwechsel und Immunsystem positiv beeinflussen sowie beim Stressabbau helfen. In Wasser eingelegt unterstützen sie auch die Verdauung. Manche schwören auf Basilikumsamen, um Heißhunger gegen Süßes zu dämpfen. Weizengras. Grüne Smoothies aus frisch gepresstem Weizengras liegen im Trend. Die jungen Triebe des Weizens sind reich an Vitamin C und E sowie Magnesium. 100 Gramm Weizengras enthalten beispielsweise 60 Mal mehr Vitamin C als Orangen, 50 Mal mehr Vitamin E als Spinat und fünf Mal mehr Magnesium als Bananen. Weizengras wirkt zudem entzündungshemmend, regeneriert Zell-Schäden und setzt mit seinen enthaltenen Antioxidantien freie Radikale außer Gefecht. Außerdem ist Weizengras eine der chlorophyllreichsten Pflanzen – der Pflanzenfarbstoff fördert den Sauerstofftransport in den Zellen und regt die Entgiftung an. Übrigens schmeckt der Saft deutlich besser als er aussieht. Goji-Beeren. Die roten Goji-Beeren, auch Bocksdornfrüchte, schmecken wie eine Mischung aus Cranberries und Kirschen und stammen ursprünglich aus China. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) werden sie eingesetzt, um Haar- und Nagelwachstum anzuregen und grauen Haaren vorzubeugen. Sie haben aber noch mehr zu bieten: Ihr Anteil an hochwertigen Aminosäuren sorgt für Anti-Aging-Effekte, außerdem stärken die Beeren Niere und Leber, befeuchten die Augen und regulieren Blutdruck sowie Blutzuckerspiegel. Enthalten sind auch Carotinoide, eine wichtige Substanz für die Produktion von Vitamin A, sowie Vitamin C, B1 und B2. Chia-Samen. Schon die Mayas und Azteken setzten auf die sättigende Wirkung von Chia-Samen. Sie verlangsamen die Umwandlung von Kohlenhydraten in Zucker – die Energie im Körper bleibt länger aufrecht. Das wirkt sich nicht nur positiv auf den Blutzuckerspiegel und deshalb günstig für Diabetiker aus, auch die Lust auf Süßes oder Junk-Food nimmt deutlich ab. Die Samen enthalten zudem große Mengen Antioxidantien und Eisen. Chia enthält etwa vier Mal so viel Eisen wie Spinat. Die Samen sind aber geschmacksneutral und können in unterschiedlichsten Rezepten verwendet werden, etwa roh zum Müsli, zu Joghurt, in Salate oder beim Braten. Zum Backen von Keksen, Brot oder Kräckern werden sie in Flüssigkeit aufgelöst. Kokoswasser. Viele Promis setzen auf die positiven Effekte von Kokoswasser für die Haut – das klare Wasser aus jungen, grünen Kokosnüssen (nicht die fettreiche, weiße Kokosmilch aus dem Fruchtfleisch der braunen Kokosnuss) enthält viele Mineralien und sorgt für Feuchtigkeit von innen. Tatsächlich soll das Wasser Cytokine enthalten. Die pflanzlichen Wachstumshormone steuern Zellteilung, Alterung und Entwicklung von Pflanzen und sind den menschlichen Hormonen sehr ähnlich. Werden sie den menschlichen Zellen zugeführt, verlangsamt sich die Alterung signifikant. Die enthaltenen Vitamine und Mineralstoffe wie Magnesium, Kalzium und Kalium sollen den Wasser- und Mineralhaushalt des Körpers ausgleichen. Das Wasser ist außerdem reich an Spurenelementen wie Zink, Selen und Jod. Haferflocken. Haferflocken bestehen zu drei Viertel aus hochwertigen langkettigen Kohlenhydraten. Der Magen braucht einige Zeit, um sie zu verdauen. Dadurch liefern sie auf längere Zeit hochwertige Energie. Ein Eiweißanteil von 15 Prozent macht sie auch bei Sportlern sehr beliebt. Der hohe Anteil an Kohlenhydraten und Eiweißen unterstützt den Körper beim Muskelaufbau. Die pflanzlichen Proteine sind für Vegetarier auch eine wichtige Eiweißquelle. Haferflocken sorgen für ein langanhaltendes Sättigungsgefühl und reduzieren Heißhungerattacken. Der hohe Anteil an Ballaststoffen kurbelt die Verdauung und die Darmtätigkeit an. Wichtig ist, ausreichend dazu zu trinken sowie die Flocken mit reichlich Flüssigkeit zu essen, da die Ballaststoffe im Hafer löslich sind und Flüssigkeit binden. Mandeln. Der Konsum von rund 40 Gramm gerösteten und leicht gesalzenen Mandeln täglich - das entspricht einer guten Handvoll - hilft laut einer Untersuchung der amerikanischen Purdue University, den Appetit zu drosseln sowie die Glukosekonzentration im Blut zu verbessern. Sie sorgen zudem für ein Sättigungsgefühl, sodass sich die Aufnahme anderer Nahrungsmittel reduziert. Mandeln senken das „schlechte“ HDL-Cholesterin, den Blutdruck, reduzieren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Diabetes. Wer täglich 40 Gramm Mandeln verzehrt, hat ein geringeres Risiko für die genannten Erkrankungen. Schon der Genuss von 20 Gramm täglich kann das Risiko einer Herzkrankheit halbieren. Zudem enthalten Mandeln viele gesunde, ungesättigte Fettsäuren. Acai-Beeren. Die Acai-Beere sieht äußerlich der Heidelbeere sehr ähnlich, kommt allerdings aus dem Amazonasgebiet Südamerikas. Sie schmeckt leicht nach Schokolade und gilt als Anti-Aging-Wundermittel. Ursache dafür ist ihre hohe Konzentration an Antioxidantien, etwa Resveratrol, das fünfzehn Mal mehr enthalten ist als in roten Weintrauben. Acai-Beeren sollen Hunger mindern, Entzündungen hemmen, leistungssteigernd wirken und die Potenz des Mannes anregen. Außerdem sind die Beeren eine Quelle für wertvolle Fettsäuren, Ballaststoffe, pflanzliche Eiweiße und Mineralstoffe wie Kalium, Kalzium und Eisen. Hierzulande ist die Beere nur verarbeitet, nicht aber frisch erwerblich, da sie wenige Stunden nach dem Ernten verdirbt. Grüner Tee. Der Zauberstoff des Grünen Tees heißt Epigallocatechingallat (EGCG). Er hemmt laut Studien jene Enzyme, die an der Entstehung von Krebs beteiligt sind und trägt so zur Prävention von Krebs bei. Zwei Tassen grüner Tee zum Essen können außerdem helfen, den Blutzuckeranstieg nach einer stärkehaltigen Mahlzeit, die z.B. reich an Nudeln, Getreide oder Kartoffeln ist, zu halbieren. Zum oder nach dem Essen getrunken, regt grüner Tee die Verdauung an. Die Catechine, das sind sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, im Grüntee sollen zudem die Fettspeicherung in der Leber verringern sowie den Energieumsatz des Körpers erhöhen und damit die Fettverbrennung anregen. Besonders reich an EGCG ist der Tee aus der ersten Ernte, dem sogenannten First Flush. Agavensirup. Der südamerikanische Zuckerersatz ist ein Dicksaft und etwa 1,4 Mal süßer als Zucker bei der gleichen Menge, hat aber ein Viertel weniger Kalorien. Agavensirup sieht aus wie Honig, hat aber einen niedrigeren glykämischen Index und hebt den Blutzuckerspiegel weniger an. Agavensirup wird aus dem Saft der vor allem in Südamerika heimischen Agaven gewonnen und ist auch süßer aber weniger dickflüssig als Honig. Der Fruchtzuckergehalt von Dicksäften generell kann allerdings sehr hoch sein, was auf der Packung nicht unbedingt erkenntlich ist. Agavensirup ist in Drogeriemärkten und Reformhäusern erhältlich. Leinsamen. Leinsamen regen die Darmbewegung an und wirken dadurch abführend. 100 Gramm der braunen Körnchen enthalten 35 Gramm Ballaststoffe. Sie werden nach der Aufnahme in den Dickdarm transportiert und quellen mit Wasser auf. Für einen spürbaren Effekt sollten pro Tag ein bis zwei Esslöffel gegessen werden, etwa in Müsli, Salat oder Suppen. Wichtig ist, viel dazu zu trinken – etwa im Verhältnis 1:10. Bei manchen können Leinsamen zu Blähungen führen. Wer Medikamente einnimmt sollte mindestens eine Stunde davor und danach keine Leinsamen zu sich nehmen, da dies die Wirkung der Mittel beeinträchtigen kann.
(kurier) Erstellt am
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