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Tag der seelischen Gesundheit
10/07/2016

Psychische Leiden: "Krankheiten zweiter Klasse"

Psychiater: Große Mängel bei Behandlungskapazitäten trotz steigendem Bedarf

von Ernst Mauritz, Christa Breineder

"Psychische Krankheiten gelten in Österreich offenbar immer noch als Krankheiten zweiter Klasse": Darauf machten Freitag prominente Psychiater anlässlich des „Internationalen Tages der seelischen Gesundheit“ am kommenden Montag aufmerksam.

„Wir haben immer noch keinen Gleichstand zwischen körperlichen und psychischen Erkrankungen“, sagt Chefarzt Prim. Dr. Georg Psota, „Past-Präsident“ der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

Wenig Ressourcen

„Wenn etwa die Tuberkulose eine ähnliche Bedeutung wie vor 100 Jahren erlangen würde, würde man alles tun, um eine ausreichende Versorgung der Patienten zusammenzubringen. Aber bei psychischen Erkrankungen geschieht das nicht in einem vergleichbaren Ausmaß.“ Für junge Menschen, die etwa von einer Magersucht (Anorexie), betroffen sind, sie die Situation bei den verfügbaren Ressourcen aber eine ganz andere – eine viel schlechtere nämlich.

„Psychische Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen sind nichts Rares. Es sind Volkskrankheiten. Ein Drittel bis die Hälfte aller Menschen entwickelt innerhalb ihres Lebens einmal eine psychische Erkrankung.“

Hoher Angstpegel

„In unserer Gesellschaft gibt es heute einen hohen Angstpegel“, sagt Univ.-Doz. Werner Schöny, Präsident des Dachverbandes pro mente Austria. „Terror, politische Unsicherheit, Angst vor Jobverlust – das spielt alles eine Rolle.“ Bei Menschen, die psychisch ohnehin schon an der Kippe sind, kann das der Auslöser für eine psychische Krankheit sein.“

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Problematische Entwicklungen seien aber auch, dass zunehmend Menschen in Armut leben, die Arbeitslosigkeit vieler Jugendlicher sowie die Traumata vieler Migrantinnen und Migranten.

„Je früher eine Behandlung einsetzt, desto erfolgreicher ist sie“, so Schöny. „Aber realistisch betrachtet ist die Versorgungslage bereits heute so, dass wir dem steigenden Bedarf nicht mehr gerecht werden.“

„In ganz Österreich gibt es weniger als 150 Psychiater mit Kassenvertrag – das ist extrem wenig für ein europäisches Land“, so Psota. „In der Schweiz gibt es alleine im Raum Basel mehr als 150 Kassenpsychiater.“ Und die Psychiatrie sei das einzige medizinische Fach, in dem das Verhältnis Kassenärzte zu Wahlärzten eins zu vier betrage - also vier Mal so viele weitgehend privat zu zahlende Psychiater wie Kassenpsychiater: "Das geht in Richtung Zwei-Klassen-Medizin".

Keine Kostenerstattung

Sorgen macht den Psychiatern aber auch der Umstand, dass mehrere moderne Medikamente zur Behandlung psychischer Erkrankungen von den Krankenkassen nicht routinemäßig erstattet werden, sagt der Psychiater Univ.-Prof. Wolfgang Fleischhacker, Geschäftsführender Direktor des Departments Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der MedUni Innsbruck. Dabei seien die Kosten für die Behandlung zum Beispiel mit einem neuen Antibiotikum sehr gering und kämen im Jahr auf nur 450 Euro: „Das ist nicht einmal ein Zwanzigstel der Kosten für die Behandlung anderer chronischer Krankheiten.“

Angst, Trump, Ver-rückt sein: Ist unsere Welt total aus den Fugen?

"Angst essen Seele auf" heißt das preisgekrönte Melodram von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. In dem beantwortet eine 60-jährige Frau im Augenblick intensiven Glücks die Frage ihres Geliebten, warum sie denn weine, wie folgt: "Weil ich so glücklich bin und weil ich solche Angst habe." Worauf er antwortet: "Nix Angst, Angst nix gut. Angst essen Seele auf."

Treffender könnte man die aktuelle Gefühlslage der Menschen zum morgigen Internationalen Aktionstag der seelischen Gesundheit (den World Mental Health Day gibt es seit 1992) kaum beschreiben. Wie der KURIER berichtete, existiert in unserer Gesellschaft laut Psychiater Univ.-Doz. Werner Schöny derzeit ein besonders hoher Angstpegel. Nach einer WHO-Studie leidet weltweit jeder vierte Arztbesucher an einer psychischen Krankheit. An der Spitze des Rankings: Angsterkrankungen, Depressionen, Alkohol- und andere Suchterkrankungen. So verbreitet diese Leiden auch sind, so wenig will sich die Gesellschaft jedoch damit auseinandersetzen. "Psychische Erkrankungen gelten immer noch als Krankheiten zweiter Klasse und damit als solche, die auch nur eine Behandlung zweiter Klasse verdient haben. Psychische Krankheiten und Menschen, die daran erkrankt sind, befinden sich in einer Tabuzone", sagt Primar Georg Psota. Auch deshalb hat der frühere Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie gemeinsam mit dem Journalisten Michael Horowitz ein neues Buch zum Thema geschrieben. "Als Beitrag zur Aufklärung und Vorbeugung, aber noch viel mehr als Beitrag zum grundlegenden Verständnis der Landkarte vom weiten Land der Seele", wie die beiden sagen. Der KURIER traf sie zum Doppel-Interview.

KURIER: Die Zahl der psychischen Krankheiten steigt, gleichzeitig bleibt das Thema ein Tabu und es gibt dazu viele Missverständnisse. Hat sich da im Laufe der vergangenen Jahre gar nichts bewegt?

Georg Psota: Es war ja nie so viel besser, und es wird nur langsam besser. Außerdem wird viel vermischt – das hat Tradition und vor allem mit der Verzögerung der Integration des Psychischen durch die NS-Zeit zu tun. Da geht es um eine Entwicklungsverzögerung um Jahrzehnte. Dass es das Psychische gibt und es kein losgelöstes Element ist, hat in anderen Ländern eine andere Bedeutung als bei uns. Das Psychische wird hier immer noch als sehr abstrakt erlebt. Wenn jemand das Bein gebrochen hat, sieht man das. Das versteht die Welt. Doch bereits internistische, nicht so augenscheinliche Krankheiten haben es da schon schwerer. Da gibt es viele Missverständnisse. Und bei den psychischen Erkrankungen ist es oft noch missverständlicher, weil es fürs Erste nicht so plakativ ist. Es gibt kein Röntgen von der Seele.

Michael Horowitz: Wenn jemand einen Herzschrittmacher hat, ist das in der Gesellschaft selbstverständlich. Wenn aber jemand in der Familie oder man selbst psychische Probleme hat – und wir wissen, dass jeder dritte Österreicher davon irgendwann in seinem Leben einmal betroffen ist –, reagiert die Umwelt verstört. Es ist immer noch suspekt und es gibt ein Stigma. Unser Buch ist der Versuch, etwas von diesem Stigma wegzunehmen.

Auf der anderen Seite scheinen sich die Menschen mehr denn je mit ihrer Seelenlage zu beschäftigen. Die Selbsterfahrungs- und Coaching-Branche boomt.

Psota: Das ist richtig. Bei sogenannten Problemlagen ist es so, dass es viel Beachtung und Selbstbeobachtung gibt. Das boomt. Bei den wirklich schwerwiegenden psychischen Erkrankungen hat sich am Stigma und am Tabu wenig geändert.

Was meinen Sie mit Problemlagen?

Psota: Ein Beispiel: Nach einer Scheidung ist zumindest ein Mensch nicht gut aufgelegt – meistens geht es beiden schlecht. Das sind reale Lebenssituationen, die eine Menge Befindlichkeiten machen, aber noch keine Krankheit. Da wird dann enorm viel gecoacht. Auch im Berufszusammenhang.

Horowitz: Dazu kommt die Überforderung durch die Zeit, in der wir leben. Man muss sich vorstellen, die Eindrücke, die ein Mensch in einer Stunde oder in zwei, drei Stunden bekommt, die hatte man im Mittelalter während eines ganzen Lebens. Man denke nur an soziale Medien. Das soll keine Verteufelung sein, es ist Realität. Wir müssen und wollen damit leben. Wir müssen aber gleichzeitig lernen, damit umzugehen. Dafür brauchen Menschen Seminare und Coachings.

Die Awareness für psychische Probleme scheint dennoch größer – steigen auch deshalb die Erkrankungszahlen?

Psota: Da hat sich etwas verändert. Ein Stück weit die Form des Leidens und der Belastung. Vielleicht ändern sich deshalb dann auch die Erkrankungen. Und klar, in dem Moment, wo es mehr Awareness gibt, wird es mehr – das stimmt schon. Das gilt jedoch für andere Erkrankungen auch, denken Sie zum Beispiel an Diabetes.

Horowitz: Ein gutes Beispiel: Immerhin jeder zehnte Mensch hat einmal im Leben irgendeine Form von Angst oder Panik.

Psota: Nicht einmal im Leben – das ist eine Ein-Jahres-Prävalenz. Innerhalb eines Jahres. Das sind international gängige Daten. Das heißt nicht, dass die Betroffenen alle behandelt gehören.

Horowitz: Und fast jeder Mensch durchläuft zumindest einmal im Leben eine Form von Depression, aber nicht jede Form muss behandelt werden, sondern sie vergeht durch eine Art Selbstheilungskraft. Da zeigt sich dann aber auch, dass man nicht zwingend wegen jeder psychischen Störung in ständige Behandlung muss.

Zur Psychotherapie: Nach wie vor muss in Österreich ein großer Teil der Behandlung aus eigener Tasche bezahlt werden. Wie sieht das der Experte?

Psota: Ich sehe es kritisch, dass es an Kostenübernahme fehlt. Wobei es einen psychotherapeutischen Diskurs gibt, ob nicht ein kleiner Eigenbeitrag dabei sein sollte, als Bestärkung. Aber ja, es werden zu wenige Therapien übernommen, im Vollersatz. Gleichzeitig muss man sich überlegen, welche Psychotherapie für wen mit welcher Situation, mit welcher Krankheit, in welchem Alter geeignet ist. Das müsste differenzierter betrachtet werden. Man muss auch die Frage stellen, wie lange eine Therapie dauert. Hinter dem Begriff Psychotherapie befinden sich viele verschiedene Methoden und Zugänge, die für verschiedene Krankheitsbilder und verschiedene Menschen geeignet sind.

Sie haben das Thema Angst angesprochen und schreiben, dass jede Epoche eine spezifische Psychopathologie hat. Es ist kaum übersehbar, dass Hass oder Angst aktuell eine große Rolle spielen. Wie sieht es mit der Psychopathologie unserer Zeit aus?

Psota: Hass ist keine Krankheit, es ist ein Phänomen, das existiert, seit es schriftliche Aufzeichnungen über den Menschen gibt. Es hat immer wieder Perioden gegeben, wo die Empathie mehr oder eben weniger vorhanden war. Wie bei einem Pendel. Derzeit sind wir in einer Epoche, wo Empathie bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung wieder weniger ist. Generalisieren darf man das nicht, es gibt auch viele, die sich engagieren. Und zur Angst: Es ist die Angst, was zu verlieren. Ich glaube, dass das nicht ausschließlich durch die Menschen passiert. Da ist viel gesteuert. Massenpsychologische Phänomene werden auch von den Medien gemacht – das wird oft unterschätzt. Dennoch ist die Welt gerade dabei, zu ver-rücken.

Horowitz: Richtig. Dazu gehört auch die Sehnsucht nach dem starken Mann. Wenn man sich etwa die Ausschnitte aus der TV-Diskussion Trump/Clinton ansieht, und sich vorstellt, dass so eine Figur der mächtigste Mann der Welt werden könnte, dann ist die Welt total aus den Fugen. Sonst könnte nicht passieren, dass so einer so weit kommen kann.

Zurück zur Angst – welche Rolle spielt sie denn nun wirklich?

Psota: Mit dem weiten Land ist ja die Seele gemeint. Wäre die Angst ein Kontinent in diesem Land, dann wäre der sehr groß. Heißt: Sie spielt eine eminente Rolle und ist wahrscheinlich am wesentlichsten von allen. Primär ist Angst ein Mechanismus, der nicht unberechtigt ist, im Sinne von Schutz. Der Mensch ist ein Wesen, das stets bedroht war, von seiner Entwicklungsgeschichte her. Das trägt jeder Mensch in sich, Angst und der Umgang mit ihr nehmen einen großen Platz ein. Wenn sie jedoch eingesetzt wird, wo es den Schutzmechanismus nicht braucht, und sich das in die Dimension irrealer Angst steigert, dann ist das massenpsychologisch riskant.

Es gab immer wieder Zeiten, in denen Angst ein spezifisches Momentum bekam – als kollektive Idee. In so einer Zeit leben wir gerade, bis zu einem gewissen Grad. Ich finde den Merkel-Sager "Wir leben in einer postfaktischen Epoche" treffend und gut. Es geht heute viel um Emotionen statt um Fakten. Angst ist eine zentrale Emotion.

Ver-rückt sein heißt für Sie auch, ein Stück anders, nicht konform sein. Michael Horowitz erinnert sich im Buch an seinen Lehrer, den Oberstudienrat, der "irgendwann an seiner Normalität zugrunde gehen wird". Braucht es – als Gegenprogramm zur Angst – mehr Mut, zu sein, wer man ist?

Horowitz: Mit Mut hat das nicht so viel zu tun, sondern mit der Konstitution. Ob man sich zum Beispiel traut, zwei verschiedenfarbige Socken anzuziehen und auszuhalten, dass andere sagen: Schau dir den Wahnsinnigen an.

Aber Sie plädieren dafür, nicht abzuweichen, von dem, was man ist – etwa im beruflichen Kontext. Kann das für alle gelten? Ich denke da an die alleinerziehende Mutter, die nicht immer den Luxus der freien Wahl hat.

Horowitz: Um bei der Psyche zu bleiben – auf Dauer wird sie seelisch untergehen, wenn es ihr am Arbeitsplatz nicht gut geht, sie etwa vom Chef gemobbt wird. Dass es für so jemanden schwierig ist, eine Lösung zu finden, ist logisch. Aber auf Dauer wird dieser Mensch es noch schlechter haben, wenn er sich nicht befreit.

Psota: Die Situation für Nicht-Privilegierte – das ist die Mehrheit – ist wirklich eine andere. Es gibt diese Bedürfnispyramide, und da braucht es zuerst die existenzielle Absicherung. Selbstverwirklichung ohne existenzielle Absicherung wird in die Obdachlosigkeit führen.

Horowitz: Das ist klar. Aber es geht nicht nur um den Arbeitsplatz, sondern auch um den Mut, sich zum Beispiel aus belastenden Beziehungen zu befreien. Dass man viel mehr zu dem steht, was man ist, fühlt und wie man empfindet.

Psota: Mut ist ein Antagonist von Angst. Es braucht aber auch mehr Spüren – Achtsamkeit. Wenn wir uns dauernd mit Smartphones beschäftigen, ist das etwas, das unser kognitives Hirn fordert und fördert. Es gibt aber andere Hirnteile, die sind auch mit dem Fühlen beschäftigt. Wenn immer mehr Energie ins Kognitive läuft, ist weniger vom anderen da.

Ihr Buch versteht sich als "Reiseführer durch die Psyche" – auch als Plädoyer und Weckruf?

Psota: Ja – in beträchtlichem Ausmaß. Als Weckruf im Sinne von: Das gibt es alles im weiten Land der Seele. Da geht es nicht nur um Krankheit, sondern um die Vielfalt des Menschlichen. Vom Traurig sein bis zum Depressiv sein – das ganze Spektrum. Es ist ein Plädoyer dafür, dass das alles existiert und nicht selten ist. Und dass das ein Stück Mensch-sein ist.

Horowitz: Und dass dem das Stigma genommen wird. Wir meinen es auch als Plädoyer für mehr Toleranz, Offenheit, Verständnis.

Psota: Richtig. Es geht um Toleranz, Verständnis und um Empathie – also auch um das Bemühen um einen anderen Menschen. Und darum, auf ihn zuzugehen. Wobei Toleranz für mich nicht heißt, dass ich jemanden einfach in einem Zustand belasse, bis etwas passiert. Da hätte die Gesellschaft versagt.

Was ist für Sie eine gesunde Seele?

Psota: Eine gesunde Seele ist eine, die mit sich selbst im Sinne eines Ich-weiß-wer-ich-bin-und-was-ich-tun-möchte existiert. Die weiß, was mir wichtig ist. Die weiß, was sie leben will. Eine gesunde Seele ist sicher auch eine, die einen sozialen Austausch hat. Man kann sich da viel erarbeiten, freilich spielen auch Resilienzfaktoren eine Rolle. Vieles ist Glück oder Konstitution. Und was jemand lernen und erfragen konnte.

Apropos erfragen – Sie haben ja beide Enkelkinder. Was würden Sie Ihren Enkerln in den Lebensrucksack packen?

Horowitz: Ich zitiere einen meiner Lieblingsschriftsteller, Peter Altenberg. Der sagt: "Sei der, der du bist – nicht mehr, nicht weniger – aber der sei". Du musst zu dem, was du bist, stehen. Du muss mit dir selbst im Reinen sein. Du musst mit dir zufrieden sein, auch wenn du Blödsinn gemacht hast. Denn wenn du in dir ruhst, kann dir viel weniger passieren, als wenn du wie ein Fahnerl im Wind lebst. Du musst wissen, wo du hingehörst und darfst nie das Gefühl haben, du musst sein wie die anderen, oder besser.

Psota: Ich wäre weiters auf die Idee des "Erkenne dich selbst" gekommen. Aber das "Sei, wer du bist" ist natürlich noch besser. Ich würde es dennoch um zwei weitere Punkte ergänzen: Erstens: … und lerne, damit umzugehen. Sowie: Bedenke, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und dass du soziale Kontakte brauchst.