Wissen 14.02.2018

Plötzlicher Kindstod: Schnuller und Bonding infrage gestellt

© Bild: Getty Images/iStockphoto/Daniela Jovanovska-Hristovska/istockphoto

Eine aktuelle amerikanische Studie stellt zwei bisherige Tipps für die Eltern von Neugeborenen infrage.

Für Eltern ist es ein unvorstellbarer Schmerz, wenn das Neugeborene plötzlich verstirbt. Erfreulicherweise nimmt die Zahl plötzlicher Kindstode, also Tode scheinbar gesunder Säuglinge, für die es keine Erklärung gibt (kurz SIDS für sudden infant death syndrome), in Österreich seit Jahren deutlich ab (siehe Grafik unten). Großen Anteil daran hat das gestiegene Bewusstsein dafür sowie Tipps für Eltern, etwa für die Schlafumgebung des Babys. Auch wenn Vorkehrungen keine Garantie dafür sind, dass das SIDS nicht auftritt, gibt es Hinweise auf Risikofaktoren, aus denen die Empfehlungen abgeleitet sind. Zwei davon werden nun von Autoren einer US-Studie im Journal of Pediatrics infrage gestellt.

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Istockphoto,grafik © Bild: istockphoto

Bonding als Risiko

Wissenschaftler des MassGeneral Hospital for Children und des Newton-Wellesley Hospital, beide im US-Bundesstaat Massachusetts, analysierten die plötzlichen unerwarteten Todesfälle von Säuglingen im ersten Lebensjahr, deren Todesursache nicht gleich ersichtlich ist (kurz SUID für sudden unexpected infant death), für die Jahre 1995 bis 2014. Das SIDS ist eine Teilmenge des SUID. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Empfehlung, das Baby nach der Geburt für eine bessere Bindung auf den nackten Oberkörper der Mutter zu legen ( Bonding), ein Risiko für SIDS sein kann. Die Mutter könnte einschlafen und nicht erkennen, wenn das Kind etwa schlecht Luft bekommt. "Das Bonding ist gut, aber es ist eine Situation erhöhten Risikos, derer man sich bewusst sein muss. Das gilt dann, wenn Mutter und Kind von der Geburt sehr erschöpft sind", sagt Reinhold Kerbl, Vorstand der Abteilung für Kinder und Jugendliche am LKH Hochsteiermark, Standort Leoben.

Um eine Mangelversorgung festzustellen, müssten Säuglinge mittels Sauerstoffmonitor überwacht werden, das sei jedoch nicht gewünscht. "Das Bonding soll stattfinden, aber es muss regelmäßig von den Hebammen nach Mutter und Kind geschaut werden. Die Abstände dieses Nachschauens sind allerdings nicht reglementiert", weiß Kerbl. War die Geburt schwierig und die Mutter ist sehr erschöpft, sollte das Kind nach dem ersten Kontakt vorübergehend in ein eigenes Bett gelegt werden.

Schnuller ja oder nein?

Die zweite Empfehlung, die von den US-Autoren diskutiert wird, besagt, dass Babys erst einen Schnuller bekommen sollen, wenn sich das Stillen eingespielt hat. Dies könne schon früher erfolgen, so die Wissenschaftler. "Es gibt zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Verwendung eines Schnullers und einem verminderten SIDS-Risiko zeigen. Den Schnuller direkt nach der Geburt zu verwenden, ist aber nicht notwendig, auch wenn der Schnuller in Bezug auf das Stillen nicht schadet", betont Kerbl. Früher sei man davon ausgegangen, dass Stillen erst nach drei bis vier Wochen gelingt, weshalb Schnuller meist auch erst später gegeben wurden. Kerbl: "Heute weiß man, dass das Stillen meist in der ersten Lebenswoche funktioniert, der Schnuller zum Einschlafen kann auch davor gegeben werden."

Zur Saugverwirrung, die von vielen Eltern gefürchtet wird und die Stillen erschweren soll, gibt es laut Kerbl keine Belege. Frühgeborene bekommen den Schnuller schon sehr früh, da sie, wenn sie saugen können, besser an Gewicht zunehmen – auch wenn sie per Sonde ernährt werden.

( kurier.at ) Erstellt am 14.02.2018