Strikte Isolation für ältere Menschen: Nicht alle sehen darin ein praktikables Mittel, um Senioren zu schützen.

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Wissen Gesundheit
04/06/2020

Zukunftsszenarien: Wie schützt man die Risikogruppen?

Eine Ausgangssperre nur für Ältere wird immer wieder diskutiert. Doch diese wirft Fragen auf.

von Ernst Mauritz, Marlene Patsalidis

Das Leben der Österreicher steht wegen des Coronavirus seit Wochen kopf. Eine Rückkehr zum Normalzustand will gut geplant sein. Immer öfter wird auch eine Corona-Kontaktsperre für Risikogruppen diskutiert.

Während junge, gesunde Menschen ihrem gewohnten Alltag nachgehen können, sollen vor allem Ältere und chronisch Kranke abgeschottet werden – so ein mögliches Szenario. Mit dem Ziel, sie zu schützen und gleichzeitig eine Herdenimmunität aufzubauen.

"Für Ältere Gift"

Die vermeintlich simple Lösung für ein komplexes Problem stößt auf Kritik. Man könne das Problem nicht auf dem Rücken der Alten und Schwachen austragen. Überdies schließe die Covid-19-Risikogruppe auch sehr viele jüngere Menschen ein. Eine komplette Kontaktsperre sei "für Ältere Gift", formulierte es der deutsche Altersmediziner Johannes Pantel im Spiegel.

Dem schließt sich Elmar Kainz, Facharzt für neurologisch-psychiatrische Gerontologie am Neuromed Campus des Kepler-Uniklinikums in Linz, an: "Ältere Menschen komplett wegzusperren wäre zynisch." Allerdings hält er die Umsetzung derartiger Pläne "für nicht realistisch". Die Bevölkerung trage die Maßnahmen so gut mit, "dass es solche rigorosen Modelle kaum brauchen wird".

Schnelle Herdenimmunität könne zudem nicht das einzige Ziel sein: "Es ist unklar, ab wann 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung Antikörper gebildet haben werden." Ein langsames Vorgehen sieht auch Epidemiologin Eva Schernhammer von der MedUni Wien als einzige realistische Möglichkeit, "um ältere Menschen und Risikogruppen nicht zu gefährden".

Davon abgesehen stellt sich bei einem solchen Szenario die Frage, wer denn aller zur Risikogruppe zählen würde. Zur Einordnung: Würde man in Österreich alle Menschen isolieren, die älter als 65 sind, beträfe das mehr als 1,5 Millionen Bürger – der Versorgungsbedarf wäre enorm.

"Dramatische Konsequenzen"

Ablehnend zur Strategie einer "kontrollierten Durchseuchung" bestimmter Altersgruppen, beispielsweise der Unter-60-Jährigen, äußerte sich am Montag auch die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie: Es gebe überhaupt keinen Präzedenzfall, dass dies funktioniere, sagte Bernd Salzberger, der Präsident der Gesellschaft: "Wenn das Virus breit in der (jüngeren) Bevölkerung zirkuliert, muss man damit rechnen, dass die Infektionen bei Jüngeren in einer Art 'spillover-Effekt' auch auf andere Altersgruppen übertragen werden – mit dramatischen Konsequenzen."

Ein wirksamer Schutz der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen sei mit dieser Strategie nicht zu gewährleisten. Nicht nur für die bekannten Risikogruppen wäre diese Strategie fatal: Auch wenn die Sterblichkeit durch Covid-19 bei älteren Menschen deutlich höher ist, wäre die Zahl der Todesfälle bei ungebremster Ausbreitung unter jüngeren Menschen gewaltig.

Einen 100-prozentigen Schutz vor der Viruserkrankung könne es laut Kainz außerdem nie geben. Das zeige sich an den immer wieder auftretenden Infektionsfällen in abgeschirmten Alters- und Pflegeheimen. Dort strenge Beschränkungen nach dem Abflachen der Ansteckungskurve bestehen zu lassen, hält der Psychiater deshalb "jedenfalls für sinnvoll".

Vonseiten des Österreichischen Seniorenbundes heißt es, dass in der Phase der Wiederöffnung der Gesellschaft "Risikogruppen besonders berücksichtigt und geschützt werden müssen". Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec: "Auch, wenn diese Form der Isolation eine enorme Belastung darstellt, ist die Reduktion sozialer Kontakte maßgeblich." Dennoch sei wichtig, dass es "zu keiner neuen Form der Altersdiskriminierung kommt", sagt Peter Kostelka, Präsident des Pensionistenverband Österreichs.

Problemfaktor Einsamkeit

Generell, sagt Kostelka, sei die Anfangsphase für viele schwierig gewesen, den Tagesablauf, aber auch zum Beispiel die Versorgung mit Lebensmitteln neu zu organisieren. "Mein Eindruck ist, dass sich jetzt viele zurechtfinden." Dass Ideen zur längerfristigen Isolation Ängste befeuern können, ist laut Kainz nachvollziehbar. Ältere Menschen hätten zudem häufig mit Einsamkeitsgefühlen zu kämpfen. "Hier ist wesentlich, aktiv etwas dagegen zu tun. Ich fühle mich zum Beispiel weniger einsam, wenn ich meine Zeit sinnvoll nutze. Oder über Kontaktmöglichkeiten mit anderen kommuniziere."

Es sei derzeit besonders wichtig, ab und zu einen Anruf zu bekommen oder andere anzurufen. Kainz sieht im Social Distancing auch eine Chance: "Wir sollten die ältere Generation nicht unterschätzen. So mancher wird in der Krise die Nutzung moderner Kommunikation erlernen."

Risikogruppen
Wie groß ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist, zeigen diese Zahlen (Auswahl): Menschen mit starkem Übergewicht (900.000), mit  Diabetes (600.000), mit Asthma (600.000), mit Herzschwäche (300.000)

Spezialfall Raucher
Man müsste Raucher miteinrechnen, sie zählen ebenso zur gefährdeten Gruppe. In Österreich greifen rund 1,8 Millionen Menschen regelmäßig zur Zigarette. Der Anteil ist bei beiden Geschlechtern im Alter von 30 bis 54 Jahren am höchsten

Keine Summe
Die Zahlen zeigen, wie viele potenziell betroffen wären, lassen sich aber nicht einfach addieren. Es können etwa Mehrfacherkrankungen vorliegen 

Maßnahmen-Mix

Ein komplettes Entkoppeln der Bestimmungen für einzelne Bevölkerungsgruppen, also Freiheit auf der einen, Isolation auf der anderen Seite, sei laut Schernhammer angesichts der großen Zahl der Betroffenen nicht möglich: "Da muss es ein koordiniertes Vorgehen geben." Sie betont aber auch: Für die Älteren werde der Zeitpunkt, zum normalen Alltag übergehen zu können, am spätesten kommen.

Was Experten vorschlagen:

Schrittweises Hochfahren

Trotz aller Vorsicht gab es in Österreich und Deutschland auch Infektionen und Erkrankungsausbrüche in Altersheimen. Umso mehr sei es bei einer ungehemmten Virusausbreitung fast unmöglich, ältere Menschen oder alle Risikogruppen so zu isolieren, dass sie nicht irgendwann doch mit jenen in Kontakt kommen, die durch zu freizügige Lockerungen ein höheres Infektionsrisiko haben, betont Schernhammer.

Antikörpertests

Als Reaktion auf eine Infektion bildet der Organismus Antikörper, die im Blut nachgewiesen werden können. Zumindest für einen gewissen Zeitraum ist man dann immun. Schernhammer: "Diese Menschen könnten dann Risikogruppen ohne Ansteckungsgefahr besuchen." Von derzeit auf dem Markt befindlichen Schnelltests wird abgeraten. "Hier gibt es viele falsch negative und falsch positive Tests", sagt Labormediziner Georg Greiner von der MedUni Wien. Die großen Labors sind dabei, Kapazitäten für sichere, validierte Tests zu schaffen: "In den nächsten Wochen sollten Antikörpertests in größerem Maßstab möglich sein." Ziel sei, diese Tests so wie andere auch über die Blutabnahme beim Arzt oder – mit Überweisung – in einer Laborordination durchführen zu können.

Kontaktverfolgung

Die Zahl der neu diagnostizierten Fälle sollte so niedrig sein, dass jede einzelne Infektionskette nachverfolgt werden könne. Dann muss man die Kontaktpersonen ausfindig machen und isolieren, um Ausbrüche stoppen zu können. Eine Studie im Fachmagazin Science ergab: Dies nur mit Befragungen zu machen, könne mit der raschen Virusausbreitung nicht Schritt halten. Eine App, über die Kontaktpersonen von Infizierten benachrichtigt werden, sei effizienter.

"Smart Distancing"

Der deutsche Virologe Alexander Kekulé hat den Begriff geprägt: Weiter kein Händeschütteln, viel Händewaschen, Mindestabend von zwei Metern zwischen Menschen, die nicht zusammenwohnen und immer Nasen-Mund-Schutz, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann. Über 70-Jährige sollten (sobald ausreichend verfügbar) FFP2-Masken für das Verlassen der Wohnung erhalten. Gleichzeitig dürfe sich unter gesunden Jungen das Virus "nicht zu schnell ausbreiten", sagte er in seinem MDR-Podcast.